Lassen sich Probleme von Technologie mit Technologie lösen?

Words by Anja Hendel
Photography: Christin Hume auf Unsplash
Eine Frau sitzt am Laptop
Ich bin eine Tech-Enthusiastin. Ich liebe es, neue Apps, Lösungen und Dienste gemeinsam mit diversen Teams zu entwickeln und selbst zu testen. Technologie bereichert mein Leben, sie macht mich smarter, mobiler, vernetzter. Doch auch als Fan muss man sich manchmal eingestehen, was nicht ganz rund läuft. Wichtig ist für mich, dabei nicht in ein allgemeines Lamentieren und Wehklagen zu verfallen, sondern lösungsorientiert zu bleiben. Wie also können wir die offenkundigen und zukünftigen Probleme um, mit und von Technologie lösen?
 

Wir nutzen Technologie derzeit sehr stark als Werkzeug, um bestehende Probleme zu lösen und existierende Systeme zu verbessern. Gleichzeitig muss Technologie an vielen Stellen repariert und verbessert werden, die Werkzeuge selbst bleiben im Beta-Status – ein echtes Dilemma. Also bleibt die Frage: Können wir Probleme mit Technologie durch Technologie lösen? In so manchen Fällen entspräche das der Idee einer künstlichen Intelligenz, die sich selbst kontinuierlich weiterentwickelt und damit nie obsolet wird. Geht das überhaupt? Und selbst wenn: Ist das wirklich die Lösung?

Drei spannende Ansätze zu dieser Problematik bzw. zur Beantwortung der Frage sind mir in letzter Zeit besonders im Gedächtnis geblieben:

 

1. Calm Technology – das Ende der störenden Technologie

Amber Case forscht am Berkman Klein Center for Internet and Society in Harvard. Sie beschäftigt sich mit »Calm Technology« – ruhigen Tech-Lösungen, die so wenig Aufmerksamkeit benötigen und Zeit stehlen, wie möglich. Die Überlegung dahinter ist simpel: Früher war Technologie etwas Besonderes, etwas Seltenes. Nicht jeder hatte einen PC, einen Laptop, ein Smartphone. Damals haben wir Technologie sehr gern eine Menge Aufmerksamkeit geschenkt. Heute sind all diese Geräte allgegenwärtig, doch wir gehen noch immer mit ihnen um, als wäre dem nicht so. Bei jedem Ton, jedem Blinken, jedem Aufleuchten des Displays wenden wir uns der Technologie zu – sie konsumiert damit sehr viel Zeit, vor allem aber bricht sie unsere Konzentration im Alltag. Amber Case hat sich zur Aufgabe gemacht, ein Gegenstück zu entwickeln –  eine »Calm Technology«, die sich zurückhält und die Menge der Eindrücke senkt, die auf uns einprasseln.

Einen ersten Schritt hierfür kann jeder von uns in seinem Alltag integrieren: Einfach die Push Funktion der Apps abschalten und selbstbestimmt prüfen, ob es Neues gibt. 

Technologie ist allgegenwärtig. Amber Case beschäftigt sich daher mit ruhigen Tech-Lösungen.
 

2. Künstliche Intelligenz x Ethik

Einen passenderen Namen für eine Professorin für AI & Society kann man sich kaum ausdenken: Virginia Dignum lehrt und forscht seit Oktober an der University of Umeå. Für alle, deren Latein-Unterricht zu lange zurückliegt: »Dignum« bedeutet so viel wie »würdig«, stammt also vom Wort »Dignitas« für Würde ab. Sie begrüßt es explizit, dass immer mehr Organisationen eigene Ethik-Räte oder ethische Grundsätze für KI aufsetzen und sich Fragen nach der Sicherheit, Zuverlässigkeit und möglichem Missbrauch durch böswillige Organisationen stellen. Für sie ist das der Weg, damit künstliche Intelligenz eines Tages ein technologisches Werkzeug wird, um unsere Werte und Grundsätze in die Tat umzusetzen und besser nach ihnen handeln zu können.

 

3. (Digitaler) Humanismus statt Entmenschlichung

Auch fernab der Wissenschaft gibt es spannende Ansätze zum Umgang mit KI – John Watton, European Marketing Lead für Adobes Geschäftskundensegment, macht transparent, wie Adobe dem Thema begegnet. Entgegen der landläufigen Annahme, dass Technologie uns immer stärker entmenschlicht, uns voneinander entfernt, zeigte er, wie AR, VR, IoT, Wearables und KI zusammen dafür sorgen können, dass unsere Welt wieder menschlicher wird. Beispielsweise, in dem Technologie uns hilft, neue Dinge zu entdecken: Algorithmen könnten uns bewusst Inhalte zeigen, die nicht in unser übliches Muster passen. Auf diese Weise kann Technologie dazu beitragen, dass wir wieder stärker zur Seredipität, dem glücklichen Zufall, für neue Ideen zurückkehren. 

Technologie kann beeindrucken, aber auch den Eindruck vermitteln, dass wir immer unmenschlicher werden…

 

Back to the roots: Nicht fixen, sondern neudenken

Ich ziehe aus all diesen Impulsen einen Schluss: Wir stellen nicht die richtigen Fragen. Es geht nicht darum, die Probleme mit und von Technologie zu lösen und schon gar nicht darum, ob wir sie mit Technologie lösen können. Es geht vielmehr um einen digitalen Humanismus, wie Gartner es bereits 2015 ausdrückte, in dem wir den Menschen bei der Entwicklung neuer Lösungen, Dienste und Geschäftsmodelle in den Mittelpunkt stellen. Digitaler Humanismus nutzt Technologie, um Probleme der Menschen zu lösen, sie zu befähigen, und nicht um irgendwelche Bugs im bestehenden System zu fixen. Für mich ist das ein sehr guter Ansatz und vor allem ein Konzept, mit dem ich mich tiefer beschäftigen möchte – auch für meine tägliche Arbeit bei Porsche und im Porsche Digital Lab ein spannender Blickwinkel für zukünftige Projekte.

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Japans Umgang mit KI und was wir daraus lernen können

„Eines Tages wird man sicher unsere Gedanken lesen können“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Gespräch über Künstliche Intelligenz (KI) mit Studenten der japanischen Universität Keio. Während sie über die Vorteile von KI sprach, forderte sie, dass wir uns eine grundlegende Frage stellen sollten: Wollen wir, dass Technologie unsere Gedanken lesen kann?
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Portrait Anja Hendel

Anja Hendel

Editor

Anja Hendel ist Wirtschaftsinformatikerin, Kunst-Fan und verliebt in Daten. Als  Leiterin des Porsche Digital Lab in Berlin beschäftigt sie sich gemeinsam mit ihrem internationalen Team aus Technologie- und Software-Experten sowie Wissenschaftlern mit der Frage, wie Innovationen aus den Bereichen KI, Internet of Things und Blockchain in die Praxis übertragen werden können.

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