Pflegen wir Freundschaften künftig mit einer Software?

Words by Arzu Gül
Photography: Brooke Cagle via Unsplash
Private CRM Tools: zwei Frauen sitzen an einem Laptop und schauen auf den Bildschirm

Private CRM Tools (Personen-Management-Softwares) sollen Menschen dabei helfen, Freundschaften aufrechtzuerhalten und Beziehungen zu verbessern. Was sagt dieser Trend über uns aus?

 

Wir leben in einer Zeit, in der wir täglich von Tausenden Informationen überflutet werden und fast ebenso viele Kontakte in sozialen Netzwerken zählen. In solch einer Zeit wird das Pflegen von echten Freundschaften und Beziehungen für viele offenbar immer schwieriger. Sich Zeit für persönliche Treffen zu nehmen oder FreundInnen und Bekannte einfach mal anzurufen und nachzufragen, wie es ihnen geht, wird mehr und mehr zur Seltenheit. Nun soll Management-Software Abhilfe schaffen. Die Anbieter werben damit, mithilfe ihrer Anwendungen könne man mit nur wenigen Klicks und über die Eingabe individueller Personendaten persönliche Beziehungen aufrechterhalten und optimieren. 

Personen-Management-Softwares optimieren Beziehungen zu Kund*innen

CRM- oder auch »Customer Relationship Management«-Tools gibt es schon seit den 90er Jahren. In Unternehmen werden sie auch heute noch rege genutzt. Diese datengetriebenen Softwares sind im Grunde digitale Karteikarten, auf denen Kundeninformationen systematisch erfasst werden können. So lassen sich mithilfe solcher Anwendungen zum einen ganz simple analytische Daten wie Name, Kontaktadresse und Telefonnummer dokumentieren, zum anderen aber auch operative Daten wie die bisherige Kontakthistorie, persönliche Präferenzen der KundInnen und Neuigkeiten aus ihrem Leben. 

Unternehmen nutzen diese Programme, um wichtige Kundeninformationen einfacher mitarbeiterübergreifend verwalten zu können und um die Qualität ihres Kundenkontakts zu verbessern. Das System erinnert NutzerInnen nämlich daran, wann sie zuletzt Kontakt zum Kunden oder zur Kundin hatten und wann der bestmögliche Zeitpunkt wäre, sie oder ihn mal wieder anzusprechen. Zusätzlich versorgt das Programm die MitarbeiterInnen mit individuellen Kundeninformationen, so dass sie sich genauestens auf ein Telefonat oder Treffen vorbereiten und ihr Gegenüber ganz gezielt ansprechen können. 

Durch aufmerksame Fragen und Kommentare fühlen Kunden sich ernst genommen

Das Geheimnis von CRM-Tools ist ganz einfach: KundInnen fühlen sich wichtig und ernst genommen, wenn BeraterInnen auf ihre persönlichen Bedürfnisse und Interesse eingehen und sich auch scheinbar unwichtige Details merken. Bei mehreren Telefonaten am Tag stellt ein solches Gespräch eine willkommene Abwechslung dar. Die Person am anderen Ende der Leitung wirkt direkt sympathisch. Das soll die Kundenbeziehungen verbessern, was im besten Fall auch zu mehr potenziellen Verkäufen und Vertragsabschlüssen führt.

Private CRM Tools versprechen optimierte Beziehungen

Was in  Unternehmen langjährige Tradition hat, greift nun offenbar auch im Privatleben immer mehr um sich. In den USA verbreitet sich ein fragwürdiger Trend von privaten CRM-Tools. Anbieter wie Dex und Clay versprechen ihren Nutzern, mit ihnen könnten sie »stärkere Beziehungen aufbauen« oder »sich besser an Menschen erinnern«. Über das Software-Programm Hippo heißt es auf der Unternehmenswebseite: »Behalten Sie den Überblick über Freunde, Familie und Kollegen, die Sie betreuen. Wenn Sie sich das nächste Mal treffen, erinnern Sie sich an alle wichtigen Details.«

Der Gründer von Hippo, Roel van der Kraan, sagt über sich selbst: »Früher habe ich die Namen der Kinder, den Job der Leute, Geburtstage, Jubiläen und andere wichtige Lebensereignisse vergessen.« Seine Vergesslichkeit und die darunter leidenden Beziehungen zu seinen Mitmenschen machten ihn unglücklich. Da kam ihm die Idee zu Hippo, einer App, die scheinbar all seine Probleme lösen konnte: »Mit der App kann ich mich an all die wichtigen Dinge über die Menschen erinnern, die ich betreue. Eine kurze Notiz erledigt in der Regel die Arbeit. Sie […] hat mein Leben verändert! Hippo hat mir geholfen, ein besserer Freund, Partner und Kollege zu werden.«

Durch private CRM Tools sollen Freundschaften künftig optimiert werden

Virtuelle Assistent*innen suchen Geschenke für die Liebsten aus

Die Anwendung Monaru.io geht noch einen Schritt weiter. Im Gegensatz zu den rein datengetriebenen Systemen wirbt diese App mit einer virtuellen Assistenz, die sogar passende Geschenke für Geburtstage oder andere Events vorschlägt. Zudem priorisiert das Programm die Beziehungen und gibt Empfehlungen, wann man mit wem in Kontakt treten sollte. 

GegnerInnen dieses Trends kritisieren, dass es sich ja wohl kaum um aufrichtige Freundschaften handeln könne, wenn man durch eine digitale Anwendung auf die Bedürfnisse der Mitmenschen aufmerksam gemacht werden müsse. Sollten wir nicht von alleine darauf kommen, wann es Zeit ist, sich bei jemandem zu melden? Sollten wir nicht aus uns selbst heraus den Drang verspüren, die Stimme der Person mal wieder zu hören, oder aus eigenem Interesse nachfragen, wie es ihm oder ihr im neuen Job oder in der neuen Beziehung geht? Und falls dieses Bedürfnis oder Interesse nicht existiert, würde dies nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass die Freundschaft uns einfach nicht wichtig genug ist? Warum etwas aufrechterhalten, das offensichtlich nicht dem inneren Bedürfnis entspricht?

Aufmerksamkeit ist kein Persönlichkeitsmerkmal

Die MacherInnen von Monaru.io halten dagegen: »Aufmerksamkeit ist eine Fähigkeit, kein Persönlichkeitsmerkmal. Wie bei jeder Fähigkeit kann das richtige Werkzeug zur richtigen Zeit die Kompetenz vergrößern. Unsere Mission ist es, genau dieses Werkzeug zu sein.« So sei es eben menschlich, Dinge zu vergessen oder sich nicht täglich an alle Einzelheiten und Aspekte aus dem Leben des Umfelds zu erinnern. Sich dafür professionelle Hilfe in Form von digitalen Anwendungen zu holen, sei daher auch moralisch vertretbar.

Der Gedanke, ein Datensatz in der Tabelle eines Freundes oder einer Freundin zu sein und nur aus dem Grunde angerufen zu werden, weil ein Computer ihn oder sie daran erinnert, ist schon ein befremdlicher Gedanke. Andererseits: Wenn es möglich wäre, die Beziehungen zu FreundInnen und Familienmitgliedern zu verbessern, indem man ihnen öfter einmal das Gefühl vermittelt, wichtig zu sein – wäre  das dann nicht einen Versuch wert? 

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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