Wie die neue Wirtschaft die Entschleunigung entdeckt

Words by Jana Ahrens
Photography: Khara Woods
Glas und Stahl Treppe im öffentlichen Raum einer Großstadt, Menschen in förmlicher Bekleidung laufen auf und ab
Fürsorge, Entschleunigung und Wertschätzung: Diese Begriffe klingen nach Lifestyle, Luxusleben und Individualismus. Doch wer hätte gedacht, dass all diese Ideen auch von gestandenen Wirtschaftswissenschaftlern als Gestaltungsmittel für unsere Zukunft genutzt werden? Postwachstumsökonomie nennt sich das. Und ist bereits ein Thema, seitdem der Club of Rome mit „Die Grenzen des Wachstums“ vor den Problemen warnte, für deren Lösung heute Schüler, Eltern und Wissenschaftler freitags weltweit auf die Straße gehen. Die Frage bleibt: Ist diese Form der Ökonomie utopisches Wunschdenken? Oder ist ihre Umsetzung eine reine Willensfrage?
 

Nachhaltigkeit: Können wir ohne Schmerzen verzichten?

Die Postwachstumsökonomie geht davon aus, dass aufgrund vieler statistisch belegbarer Entwicklungen ein grenzenloses Wirtschaftswachstum nicht mehr möglich ist. Ihre These lautet, dass wir neue Wirtschaftsformen entwickeln müssen, die ohne Wachstum auskommen und in manchen Fällen sogar mit der Schrumpfung der Wirtschaft einhergehen.

 

Der Komfort, alles jederzeit mühelos serviert zu bekommen und umstandslos wieder fallen lassen zu können, um sich frei von jeglicher Verantwortung für Verbleib oder Nachsorge sofort dem Neuen zuwenden zu können, hat mehr als nur einen ökologischen Preis.

Niko Paech

 

Doch wie soll das gehen? Sollen wir als Individuen einfach Schluss machen mit dem Wachstum und auf all das verzichten, woran wir uns gewöhnt haben und wofür wir gelernt haben, hart zu arbeiten? Ist Wirtschaften ohne stetiges Wachstum überhaupt möglich? Und wenn ja, ist es wünschenswert? Die Postwachstumsökonomie hat dazu ein paar Ideen. Es geht um einen anderen Umgang mit Zeit, mit Konsumgütern und mit anderen Menschen. Es geht eben um Fürsorge, Entschleunigung und Wertschätzung. Das klingt wenig wissenschaftlich und – vor allem – wenig wirtschaftlich. Doch die Ergebnisse könnten die Wirtschaft auf einer ganz neuen Basis stabilisieren und dabei – sowohl für die Menschen als auch für die Natur – gesünder sein.

Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung

Ohne Fremdversorgung kommen wir nicht aus. Seit es Arbeitsteilung gibt, entwickeln sich kapitalistische Gesellschaften immer weiter hin zu Dienstleistungsgesellschaften. Wirtschaftlich mag das ersteinmal sinnvoll sein, es macht uns jedoch auch immer stärker abhängig von industrieller Fertigung, langen Transportwegen und Arbeitsunterteilungen, die für die Arbeitenden unangenehm oder gar gesundheitsschädigend sind. Die Postwachstumsökonomie geht davon aus, dass viele der angebotenen Dienstleistungen nicht zwangsläufig notwendig sind und einige durch neue, von Bezahlung unabhängige Strukturen ersetzt werden können. Dazu gehören Ideen wie Tauschringe, Nachbarschaftsnetzwerke oder Community-Gärten. Das Umstrukturieren und Betreiben dieser neuen Netzwerke setzt natürlich den Einsatz von Zeit voraus, die erst einmal frei gemacht werden muss.

Entschleunigung und Entlastung

Die nötige Zeit für diese neuen Strukturen könnten Menschen durch reduzierte Arbeitszeit finden, sagen die Postwachstumsökonomen. Sie gehen davon aus, dass der Großteil der Arbeitszeit, die Menschen in der westlichen Welt jeden Tag absolvieren, wegfallen kann, wenn wir uns für weniger Konsum entscheiden. Der niederländische Autor und Historiker Rutger Bregman schließt sich in seinem Buch Utopien für Realisten einer These an, die Industrienationen das Auskommen mit einer 15-Stunden-Woche prophezeit. Voraussetzung wäre, dass wir unseren Status nicht mehr über Konsumgüter definieren und die notwendige Arbeit – wie Erziehungsarbeit oder die Instandhaltung von Infrastruktur – auf mehr Menschen als bisher aufteilen. Dies würde uns zugleich ermöglichen, mehr Zeit in eben jene gemeinschaftlich wirtschaftenden Projekte zu investieren, die zur Balance von Selbst- und Fremdversorgung nötig wären. Hinzu kommt, dass eine drastische Reduktion von Arbeitszeit statistisch erwiesen zu einer massiven Reduktion von CO2-Emissionen führen würde.

Regionalökonomie

Ein weiterer Aspekt, der sowohl dem Klimaschutz als auch der Balance von Selbst- und Fremdversorgung zuträglich wäre, wäre die Umstellung auf regionale statt globale Wertschöpfung. Erste Testläufe mit Regionalwährungen gibt es bereits in Regionen wie dem Chiemgau, in Bristol und Sardinien. Im postökonomischen Gedankenmodell hätte eine solche Regionalökonomie den Vorteil, durch kürzere Transportwege und kleinere Produktionsmengen umweltschonender zu sein. Wegen der geringeren Anzahl an beteiligten Interessensgruppen wäre sie zudem krisenresistenter.

 

Stoffliche Nullsummenspiele

Die Postwachstumsökonomie ist nicht so naiv zu glauben, dass es sich schlagartig ohne eine globale Wirtschaft leben ließe. Doch auch hier könnte aus Sicht vieler Wissenschaftler*innen noch viel optimiert werden. Mit einem Abschied von der Wachstumsökonomie wäre es möglich, die bereits erreichten technologischen Innovationen anders einzusetzen. Und zwar so, dass sich die Lebensdauer global produzierter Produkte so stark verlängern ließe und sich ihre Nutzung durch gemeinschaftlichen Gebrauch so stark intensivieren würde, dass der Produktionsumfang auf ein ökologisch erträgliches Maß reduziert werden könnte. Instandhaltung und Aufwertung bereits vorhandener Produkte könnte dann wiederum mithilfe der neuen Balance von Selbst- und Fremdversorgung gewährleistet werden.

Erst die Erfahrungen aus Modellprojekten und die erfolgreiche Umsetzung von konkreten Reformideen geben Politik und Gesellschaft das Vertrauen, Neues ohne größere Verwerfungen und Risiken wagen zu können.

Irmi Seidl und Angelika Zahrnt

Bisher sind all diese Ideen nur Thesen, die punktuell getestet und eher von gesellschaftlichen „Aussteigern“ angegangen werden als von großen Institutionen, die im großen Stil etwas bewegen könnten. Doch die Zeit, um den Klimawandel aufzuhalten und zu einem gesünderen Wirtschaften zu finden, wird langsam knapp. Auch wenn einige der Thesen nicht aufgehen mögen, scheint es doch angebracht, ihnen in der nahen Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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