Ist die Netzabdeckung in Deutschland wirklich so schlecht?

Words by Arzu Gül
Photography: Omar Prestwich via Unsplash
Smartphone in der Hand auf einer beleuchteten Brücke

Wir sitzen im Zug, möchten eine wichtige E-Mail verschicken oder einen kurzen Anruf tätigen, doch das Mobiltelefon hat einfach kein Netz. Aber nicht nur auf langen Zugstrecken, sondern auch mitten in deutschen Großstädten kommt es regelmäßig vor, dass das Handy keinen Internet-Empfang hat. Warum ist das so? Und ist die Netzabdeckung in Deutschland wirklich so schlecht im Vergleich mit anderen Staaten?

 

Heutzutage ist eine fortschrittliche Infrastruktur wichtiger denn je. Denn: Das Smartphone wird nicht nur für die Kommunikation genutzt, wie es früher mit Handys vom alten Schlag vielleicht einmal der Fall war, sondern für alle möglichen Tätigkeiten im Alltag. Als Kalender, als Navigationsgerät, zum Online-Shoppen, zum mobilen Banking und sogar zum Arbeiten. Viele Berufszweige sind inzwischen vollständig digital. Viele Menschen sind daher auf ein funktionierendes Netz und eine entsprechende Netzgeschwindigkeit auf ihren mobilen Endgeräten angewiesen. Doch noch immer ärgern sich viele Deutsche über Funklöcher. Immer wieder gibt es Netzausfälle oder aber flächendeckend kein schnelles LTE-Netz. Ein mobiles Netz scheint noch immer keine Selbstverständlichkeit zu sein – ein Problem, das wie erwähnt nicht auf die ländlichen Regionen beschränkt ist.

Deutschland belegt Rang 70 von 87!

Laut einer Erhebung des Londoner Unternehmens OpenSignal liegt Deutschland mit einer Netzabdeckung von nur 65,5 Prozent im internationalen Vergleich lediglich auf Rang 70 von insgesamt 87 Ländern. Für die größte Wirtschaftsmacht Europas sei dies ein Zustand, der weder den Selbstansprüchen der Bundesregierung noch den deutschen Internetanbietern genügen sollte. 

Auch im aktuellen Speedcheck Mobilfunk-Report 2019 (PDF-Download) des Unternehmens Etrality GmbH liegt Deutschland im Vergleich eher im hinteren Mittelfeld. Während andere Staaten in Bezug auf die Internetgeschwindigkeit stetiges Wachstum aufzeigen, sind in Deutschland immer wieder deutliche Schwankungen auszumachen. Zwischen 2015 und 2017 sei die Geschwindigkeit des mobilen Netzes sogar zurückgegangen. 

Eine Erklärung für den schlechten Entwicklungsstand sei, dass Deutschland als heterogener Flächenstaat mit größeren Hürden zu kämpfen habe als beispielsweise die Beneluxstaaten. Jedoch würden auch Frankreich und Spanien, die vor ähnlichen Herausforderungen stünden, es auf weitaus bessere Rangplätze schaffen. Mögliche andere Erklärungen für die langsame Entwicklung seien die wirtschaftlichen Strukturen des Mobilfunksektors, EU-Subventionen und staatliche Regulierungsmaßnahmen. 

Selbst in deutschen Großstädten beklagen Menschen langsames Netz

Die Frist für die Versorgungsauflagen steht kurz bevor

Aufgrund der Netz-Problematik erarbeitete die Bundesnetzagentur bereits 2015 Versorgungsauflagen, denen die Netzbetreiber bis Ende 2019 nachkommen müssen. Das Ziel ist groß: Deutschland soll Weltspitze bei der digitalen Infrastruktur und Leitmarkt für 5G in Europa werden. So müssen Telekom, Vodafone und Telefónica bis 2020 98 Prozent der Haushalte im Bundesgebiet und mindestens 97 Prozent der Haushalte in jedem Bundesland mit 50 MBit/s versorgen. Außerdem ist eine »vollständige Versorgung« von Autobahnen und ICE-Strecken vorgesehen, sofern dies rechtlich und tatsächlich möglich ist. 

Laut aktuellen Aussagen der Telekommunikationsunternehmen seien diese auf dem Weg in die Vollversorgung bereits weit fortgeschritten. Die Deutsche Telekom gibt gegenüber dem Tagesspiegel eine deutschlandweite LTE-Verfügbarkeit von »fast 98 Prozent« an. Vodafone spricht von »94,5 Prozent« und der O2-Konzern von »deutlich mehr als 90 Prozent«. 

Doch die offiziellen Zahlen der Bundesnetzagentur widersprechen diesen Aussagen: Die Deutsche Telekom erreicht zwar tatsächlich 98 Prozent der Haushalte und erfüllt damit die Auflagen, Vodafone liegt aber mit 93 Prozent noch hinter den gesetzten Zielen, und Telefónica Deutschland bildet mit einer Versorgung von 70-80 Prozent weit abgeschlagen das absolute Schlusslicht. Gerade im Hinblick auf den O2-Konzern machen sich nun starke Zweifel breit. Nach Einschätzungen von ExpertInnen sind die oben genannten Auflagen kaum mehr zu erfüllen. Damit sei es sehr wahrscheinlich, dass im nächsten Jahr erstmals ein Mobilfunkkonzern von der Bundesnetzagentur für den Verstoß gegen Versorgungsauflagen mit Bußgeldern und Sanktionen bestraft wird.

Offizielle Zahlen sind kritisch zu betrachten

PolitikerInnen beäugen aber selbst die Zahlen der Bundesnetzagentur kritisch. Gegenüber dem Handelsblatt sagte Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionschef der Grünen: »Die Zahlen zur Netzabdeckung stimmen vorne und hinten nicht und sind definitiv übertrieben schöngezeichnet.« Die Bundesnetzagentur übernehme die Daten der Telekommunikationsunternehmen unkommentiert und befinde diese für glaubhaft. Mit der erlebten Realität der Menschen hätten diese Angaben aber wenig zu tun.

 

Das Problem: Die Bundesnetzagentur misst nicht den tatsächlichen Empfang am Handy, sondern die Sendeleistung eines Mobilfunkmastes. Wenn ein Anbieter die geforderte Geschwindigkeit bereitstellt, bedeutet dies, dass alle Geräte in der näheren Umgebung diese Sendeleistung teilen. Gerade in hoch besiedelten Städten gelangt das LTE-Netz so schnell an die Überlastungsgrenze, wodurch Endverbraucher nicht hinreichend versorgt werden.

Der neue  Mobilfunkstandard 5G wird von einigen als mögliche Lösung für Deutschlands Abgeschlagenheit in Bezug auf Mobilfunkgeschwindigkeit und ‑abdeckung gesehen. Der Ausbau des LTE-Nachfolgers steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Im März 2019 begann die Versteigerung der 5G-Frequenzen in Deutschland. Das Auktionsverfahren erhielt seitens der großen Netzbetreiber viel Kritik. Die Preise für die Ersteigerung der Frequenzen in Deutschland seien doppelt und dreifach so hoch wie in anderen Ländern. Insgesamt hat die Bundesregierung durch die Auktion nun 6,5 Milliarden Euro für die Staatskasse eingenommen, welche dem Ausbau der digitalen Infrastruktur zugutekommen sollen. Laut Netzbetreibern und PolitikerInnen sei es aber genau dieses Geld, welches dem Ausbau des Netzes in Deutschland nun fehle.

Dazu Passend

Digitales Deutschland: Wir sind 50 Stunden pro Woche online

Wir sind wahre Surfweltmeister. Nein, damit meinen wir nicht das Wellenreiten, sondern die Zeit, die wir Deutschen im Internet verbringen. Durchschnittlich 50 Stunden pro Woche kommen inzwischen zusammen. Welches deutsche Bundesland am meisten Zeit im World Wide Web verbringt, zeigt eine Umfrage. 

Umfrage

Was ist Civey?

Share:

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

Kommentieren