Nanotechnologie-Expertin Julia Kastner im Interview

18.09.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Julia Kastner im Interview

Ihr Spezialgebiet ist der Inkjet-Druck – die Nanotechnologie so etwas wie ihre Leidenschaft. Julia Kastner ist bei dem außeruniversitären Forschungsunternehmen Profactor tätig. Seit vielen Jahren forscht sie an technologischen Innovationen, die eine stetige Weiterentwicklung der Industrie zum Ziel haben. Im Interview haben wir mit der 30-jährigen über ihre Projekte, über Klischees und die Robotertechnik gesprochen, die langsam, aber sicher immer mehr Arbeitskräfte ersetzt.

Ich habe zu jeder Zeit einen durch und durch technischen Blick auf die Dinge.

Du leitest die verschiedensten Projekte und beschäftigst dich aktuell mit Textilien. Was genau beinhaltet deine Arbeit?

Bei Profactor beschäftige ich mich mit funktionellen Oberflächen und Nanostrukturen. Vor allem, wenn es um das Thema funktionelle Oberflächen geht, arbeite ich viel mit dem Tintenstrahldrucker. Ich leite zudem alle Projekte, die sich mit Inkjet-Druck oder Nanostrukturen auf Textilien beschäftigen. Interessanterweise habe ich bisher immer alle Textilprojekte abgestaubt. Ich finde das spannend, weil ich in verschiedene Welten eintauche und ein Stück weit etwas aus dem Modebereich mitbekomme, obwohl ich persönlich gar nicht so viel Erfahrung mit der Mode habe.

Der technische Bereich ist also dein Zuhause?

Genau, ich habe Technische Chemie studiert und bin vom Chemiebereich über Materialwissenschaften zu diesen Themen gekommen Ich habe also zu jeder Zeit einen durch und durch technischen Blick auf die Dinge. Das ist schon mein ganzes Leben so und wird vermutlich auch immer so bleiben.

Das klingt zunächst nach einer männerdominierten Sparte. Liegen wir mit dieser Vermutung richtig, und inwiefern hat dich das geprägt?

Es fing im Kindergarten an – die Jungs waren meine besten Freunde (lacht). Mathematik und Physik haben mich auch in der Schulzeit schon sehr interessiert. Nichtsdestotrotz habe ich mit Puppen gespielt. Lange waren Barbie-Puppen mein Ein und Alles. Ich habe ihnen rosafarbene Kleidchen angezogen, und auch ich wollte selbst rosafarbene Kleider tragen. Und dann bin ich interessanterweise bei einem Sport gelandet, den sehr viele Männer machen. Im Chemiestudium hielt sich die Verteilung von Frauen und Männern die Waage. Im Beruf sind es allerdings wieder mehr Männer, aber ich komme damit klar und mache mir nicht so viele Gedanken darüber.

Julia Kastner im Labor
Julia Kastner / Bildquelle: Profactor

Welchen Sport übst du aus?

Ich habe schon immer sehr viel Sport gemacht. Im Triathlon fühle ich mich zu Hause. Schwimmen, Radfahren, Laufen – das ist sehr männlich dominiert, aber mir macht es Spaß. Aktuell ist es allerdings nur ein Hobby, das ich in meiner Freizeit sehr gerne ausübe.

Mir wurde schon früh bewusst, dass ich mich in Bereichen bewege, die eher Männer interessieren.

Hattest du manchmal das Gefühl, genderspezifisch in eine andere Richtung gedrängt zu werden?

Mir wurde schon früh bewusst, dass ich mich in Bereichen bewege, die eher Männer interessieren. In der Schule war das aber nie ein Thema. Ich bin zu jeder Zeit gefördert und unterstützt worden – auch meine Eltern standen immer hinter mir. Für mich blieb also nie eine Tür verschlossen, und ich habe jede Möglichkeit nutzen können. Dass ich ein Mädchen bin und mich doch lieber auf andere Dinge konzentrieren soll, wurde in diesem Zusammenhang nie diskutiert.

Mit welchen Klischees wirst du konfrontiert?

Eine Zeitlang hieß es: „Ach was, du studierst Chemie? Das ist doch total technisch. Du siehst gar nicht so aus“ – so etwas in die Richtung habe ich schon häufiger gehört. Durch derartige Bemerkungen denke ich ehrlich gesagt oft darüber nach, dass ich schon irgendwie anders bin. Doch so ist das nun mal. An der Universität, an der ich studiert habe, gibt es Wirtschaftsfächer, es gibt Rechtswissenschaften und die technischen Wissenschaften. Wir haben damals selber behauptet, erkennen zu können, wer was studiert. Wir haben dann tatsächlich mal einen Test gemacht. Es wurden Fotos von Studierenden geschossen und wir sollten erraten, was die- oder derjenige studiert. Es war jedoch vollkommen unmöglich, es zu sehen. Das zeigt, dass auch ich mich von Klischees lösen muss. Es gibt nun mal nicht mehr die eine typische Chemie- oder Physikstudentin ohne Make-up und mit einer großen Brille auf der Nase.

Wie verhält es sich bei Profactor?

In den Bereichen Robotik, Bildverarbeitung und flexible Produktionssysteme arbeiten schätzungsweise aktuell 40 Männer und drei Frauen. Im Allgemeinen sind die Frauen in den Bereichen Informatik und Mechatronik unterbesetzt. Im Bereich funktionelle Oberflächen arbeiten viele Chemiker. Hier ist der Anteil der Frauen dann wieder relativ groß – ich schätze 50:50. Um ehrlich zu sein, hätte ich persönlich kein Problem damit, wenn meine gesamte Kollegenschaft männlich wäre. Allerdings bin ich wiederum sehr froh darüber, dass es immer mehr gemischte Teams gibt, weil ich daran glaube, dass das einfach am besten funktioniert. Frauen und Männer haben unterschiedliche Ansichten, Herangehensweisen und Wahrnehmungsweisen. Männer können etwas dominanter und risikoorientierter sein. Frauen hingegen etwas vorsichtiger und bedachter. Erst eine gute Mischung schafft ein funktionierendes Team.

Frauenquote? Ich bin nicht wirklich davon überzeugt.

Was hältst du von einer Frauenquote?

Ich bin nicht wirklich davon überzeugt. Ich erlebe, dass aufgrund der Frauenquote eine Frau einfach überall sein muss. Die einzige Professorin, die es bei uns an der technischen Fakultät gibt, wird nun überall eingespannt – sie muss in allen Gremien sitzen und hat wahnsinnig viel Stress. Sie macht das wirklich wunderbar, aber eigentlich finde ich es nicht passend. Ich selbst bin für einen Talente-Workshop ausgewählt worden, und damals war ich überzeugt davon, dass das nur geschah, weil sich zu wenige Frauen dafür beworben hatten. Anfangs habe ich es nicht ganz verstanden, aber im Endeffekt versuche ich dann, das Beste daraus zu machen. Ich denke, es benötigt einfach noch ein bisschen Zeit, und dann ist das in ein paar Jahren hoffentlich etwas ganz Selbstverständliches. Allerdings, wenn es in den technischen Fächern nicht genug Frauen gibt, weil sich einfach nicht genügend dafür interessieren, dann sollte das auch akzeptiert werden.

Du arbeitest immer wieder an spannenden Projekten. Was passiert mit den Ergebnissen?

Bei geförderten Projekten versuchen wir oft, ein Nachfolgeprojekt zu bekommen. Dafür muss sich allerdings neu beworben werden. Und oft ist es schade, weil es häufig nicht dazu kommt. Allerdings lerne ich jedes Mal dazu. Und wenn es richtig gut läuft, übernimmt das Ergebnis eine Firma, die es dann später umsetzt. Doch bei Industrieprojekten ist die Entwicklung direkt für eine bestimmte Firma, und das Projekt kommt zu einem Abschluss, da das Unternehmen daraus einen Marktwert erzielen will.

Woran arbeitest du am liebsten?

Ich arbeite gerne mit den Dingen, mit denen ich mich etwas länger beschäftigt habe und bei denen ich das Prinzip vollständig verstanden habe. Dazu gehört der Inkjet-Druck, der Teil meiner Doktorarbeit war. Wir haben einen kleinen Labor-Inkjet-Drucker, mit dem ich inzwischen seit mehreren Jahren arbeite und von dem ich ganz genau weiß, wie er funktioniert. Und aktuell sind wir auf die industriellen Druckköpfe gewechselt, die am Roboter sitzen. Ich lerne gern dazu, und ich verstehe auch den Roboter – das ist natürlich nicht ganz mein Bereich, aber ich bin offen, Neues zu lernen, und wenn ich dann mal ein Thema gefunden habe, fokussiere ich mich auch darauf. Je nachdem, welches Projekt ansteht, ist das dann mein Lieblingsgerät (lacht).

Macht das projektbezogene Arbeiten einen besonderen Reiz für dich aus?

Ja, dadurch ist es natürlich sehr abwechslungsreich. Früher war ich viel im Labor. Aktuell bin ich dort nur noch gelegentlich, um mit den Kollegen etwas auszutesten. Da ich einige Projekte leite, fallen in meinen Aufgabenbereich unter anderem das gesamte Projektmanagement sowie administrative Dinge, und ich bin involviert, wenn es darum geht, ein neues Projekt bei den Förderstellen zu beantragen. Weiterhin bin ich auch mit Kunden im Gespräch. Ich bin gern bei den Firmen, um diese zu beraten. Die Abwechslung macht wirklich großen Spaß.

Natürlich sind die Anschaffungskosten für einen Roboter eine Investition, aber auf lange Sicht zahlen sie sich aus.

3D Printing
3D Drucker / Bildquelle: Unsplash

Wo siehst du die Zukunft?

Es wird definitiv immer mehr in Richtung Automatisierung gehen. Beim laufenden Textilprojekt arbeiten wir mit einer chinesischen Firma zusammen, und selbst in China, wo die Personalkosten bis vor Kurzem noch extrem niedrig waren und alles per Hand gemacht werden konnte, schauen nun alle auf die Robotertechnik. Die Personalkosten steigen. Natürlich sind die Anschaffungskosten für einen Roboter eine Investition, aber auf lange Sicht zahlen sie sich aus.

Und der Roboter ersetzt immer mehr Arbeitskräfte?

Es wird noch eine Zeit brauchen, bis der Roboter überall auf der ganzen Welt die Arbeitskräfte ersetzen kann. Es wird künftig notwendiger, eine höher qualifizierte Ausbildung zu haben. Um wie in China Siebdrucke per Hand auszuführen, müssen keine speziellen Anforderungen erfüllt werden. Diese Arbeit kann künftig automatisiert und von einem Roboter ersetzt werden. Doch wer entwickelt solche Roboter? Wer repariert diese Roboter und wer testet sie? Für all das braucht es höhere Ausbildungen und dahingehend wird meiner Meinung nach eine Verschiebung stattfinden. Die Menschen werden also weiterhin gebraucht werden. Und auch wenn ich an die Modeindustrie denke, bin ich nicht der Meinung, dass künstliche Intelligenz neue Kleidung schaffen kann. Dieses “Out of the Box”-Denken, das Künstler haben, wird nie ersetzt werden können.

Wie sieht dennoch das Interesse seitens der Modeindustrie aus?

Beim Roboter-Inkjet-Druck haben wir wirklich Anfragen aus der ganzen Welt – Asien, Amerika, Europa. Die Firmen fragen, ob wir ihnen diesen Roboter zur Verfügung stellen können. Das Problem ist, dass wir keine produzierende Firma sind, wir sind eine Entwicklungsfirma, und deshalb sind wir darauf angewiesen, dass jemand für die Entwicklung zahlt. Aktuell gibt es die Vorstellung, dass wir einen fertigen Roboter mit fertigen Bediensystemen liefern, der künftig die verschiedensten Aufgaben übernimmt. Das können wir nicht. Es fehlen die Ressourcen und das Geld. Aber man merkt, dass ein wahnsinniges Interesse besteht.

Aktuell erlebt der 3D-Druck einen wahnsinnigen Hype.

Aktuell scheint der 3D-Druck gefragter als je zuvor zu sein. Was kannst du dazu sagen?

Was ich so mitbekomme, ist, dass 3D-Drucker für das Prototyping unglaublich beliebt sind. Firmen, die solche Geräte haben, wenden sie an, um Neuentwicklungen erst einmal auszudrucken und sie sich anzuschauen, sie in den Händen zu halten. Um zu sehen, ob das so funktioniert – dort reinpasst, wo es reinpassen soll, und ob es auch gut aussieht. Genau dafür wird der 3D-Drucker künftig immer wichtiger. Und auch in der Medizin wird wahnsinnig viel geforscht. Dabei geht es um die Individualisierung von Medikamenten für Patienten. Das ist natürlich eine Preisfrage. Den Massenmarkt, den wir aus Asien kennen, wird diese Art der Herstellung meiner Meinung nach nie ersetzen können. Oder die Spritzgussmethoden, mit denen durch eine einzige Form innerhalb kürzester Zeit tausende Teile hergestellt werden können. Der 3D-Druck benötigt mehrere Stunden für ein einziges Teil. Natürlich gibt es verschiedene Methoden, und die Größe sowie die Auflösung spielen dabei ebenfalls eine Rolle. Für die Massenherstellung ist das allerdings viel zu teuer und dauert, wie gesagt, viel zu lang. Wir sprechen hier von einer Nischenanwendung. Aktuell ist es gerade ein Hype, jeder will es probieren, jeder testet ein bisschen aus, und in den nächsten fünf Jahren wird sich herauskristallisieren, in welche Richtung sich das wirklich weiterentwickelt.

Was möchtest du in Zukunft noch lernen und verstehen?

Ich habe früher sehr gerne gemalt, und spätestens, wenn ich pensioniert bin, möchte ich darauf wieder zurückkommen oder mit dem Nähen anfangen. Aktuell habe ich keine Zeit für solche kreativen Dinge – was ich sehr schade finde. Und weiterbilden möchte ich mich in der Robotik. Da versuche ich jetzt während meiner Projekte schon viel dazuzulernen.

Hast du noch einen Karriere-Tipp?

Ich denke, jeder sollte das tun, was sie oder ihn interessiert. Dabei sollte niemand ernsthaft darüber nachdenken, ob in diesem Bereich nur Männer sind oder nur Frauen. Dieser Gedanke sollte immer ignoriert werden. Doch ich gebe es zu, ich habe selbst einmal darüber nachgedacht, in die Physik zu gehen. Gehindert haben mich die Zweifel, die ich mir selbst eingeredet habe: Nämlich, dass ich mich mit den elektrischen Dingen nicht besonders gut auskenne. Aber im Endeffekt kann jeder alles lernen – vor allem, wenn das Interesse da ist, dann sollte man das auch machen – und dann ist es auch egal, was man macht und mit wem man das macht.

Vielen Dank für diesen Einblick und das spannende Gespräch!

Das Beitragsbild ist von Profactor

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

  1. Cristiane Silva Barbosa Silva Barbosa

    MUITO INTERESSANTE!

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