, Nachhaltigkeit: Schaffen deutsche Konzerne den Umstieg?

20.09.2018
Words by Jana Ahrens
Nachhaltigkeit in Unternehmen: Wie sieht's denn aus?

Nachhaltiges Wirtschaften ist für viele junge Gründer bereits ein großes Thema. Das ist ein großer Schritt nach vorne in Sachen Umweltschutz. Doch eins ist klar: Wollen wir dem Klimawandel effektiv beikommen, dann müssen auch die traditionellen Konzerne mitziehen. Für diese Unternehmen scheint die Umstellung jedoch nicht einfach zu sein. Lange Wertschöpfungsketten müssen mühsam umstrukturiert werden. Wie kann es also gehen?

Die Umstellung bereits bestehender Prozesse auf ökologisch nachhaltiges Wirtschaften wird Greening genannt

Fairtrade, Öko-Zertifikate, nachhaltige Produktion – all das sind Begriffe, die inzwischen auch fürs Marketing wertvoll sind. Konsumenten erkennen ihre Macht in der Auswahl von Produkten und Services. Diese Entwicklung motiviert auch große deutsche Konzerne, sich dem Thema Nachhaltigkeit zu widmen. Die Umstellung bereits bestehender Prozesse auf ökologisch nachhaltiges Wirtschaften wird Greening genannt. Es gibt aber noch ein anderes neues Wort, das die Debatte bestimmt: Greenwashing. Es beschreibt die Strategie einiger Firmen, sich nur den Anstrich von Nachhaltigkeit zu geben, weil der echte Umstellungsprozess kompliziert und teuer wäre.

Nachhaltigkeit in Unternehmen
Bildquelle: Unsplash

Andererseits ist der Weg zu einem zu 100 % nachhaltigen Unternehmen gerade für riesige Traditionsunternehmen wirklich lang und beschwerlich. Deshalb sollten Schritte wie die Verwendung ökozertifizierter Baumwollen bei Tchibo oder das Eingehen einer WWF-Partnerschaft bei Edeka auch nicht per se als Tropfen auf den heißen Stein abgetan werden.

Viele unserer Kunden gehen bis zum Äußersten – finanziell und persönlich –, um den Weg gen Nachhaltigkeit zu beschreiten.

Lissi Reitschuster, Mitglied des Vorstandes von manemo, der Akademie für nachhaltige Entwicklung von Mensch und Ökonomie, erklärt es so:

“Unserer Erfahrung nach ist es kein Problem, wenn ein Unternehmen Schritt für Schritt umstellt, sofern es eine transparente und authentische Kommunikation gibt. Die gibt es vor allem dann, wenn die Intentionen hinter der Kommunikation ehrlich sind. Für viele Unternehmen ist die größte Hürde auf dem Weg zur nachhaltigen Unternehmensführung die Angst davor, des Greenwashings bezeichnet zu werden. Das ist sehr schade, da dürfen wir alle etwas differenzierter und gegebenenfalls etwas nachsichtiger in unseren Bewertungen der Unternehmen werden. Viele unserer Kunden gehen bis zum Äußersten – finanziell und persönlich –, um den Weg gen Nachhaltigkeit zu beschreiten. Manchmal werden sie trotzdem in die Mangel genommen.”

Nachhaltigkeit in Unternehmen
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Manemo arbeite allerdings vorrangig mit mittelständischen Unternehmen wie VAUDE, Rapunzel oder der Messe München.

Trotz der Angst vor dem Greenwashing-Vorwurf ist der Grat zwischen Feigenblatt und wahrer Innovation auch weiterhin schmal. Das bildet sich unter anderem im sogenannten Sustainability Image Score ab. Er wird seit mehreren Jahren in einer gemeinsamen Studie der Agentur Serviceplan, der Wirtschaftswoche und FACIT Research definiert. Wie der Namensbestandteil “Image” im Titel schon vermuten lässt, geht es bei dieser Online-Befragung aus dem Jahr 2017 ausschließlich um die öffentliche Wahrnehmung. Also um die Frage, für wie nachhaltig Verbraucher bestimmte Marken halten. Hier landete BMW von 104 Unternehmen auf Platz 10, Miele durfte sich gar über Platz 1 freuen. Ob Miele oder BMW tatsächlich nachhaltiger wirtschaften als andere Konzerne, wird von der Studie nicht dargestellt. Auch die methodische Herangehensweise der Studie wird nicht offengelegt.

2017 landete die deutsche Firma Siemens im weltweiten Vergleich auf Platz 1

Das kanadische Magazin Corporate Knights schaut da schon etwas genauer hin. Für das Weltwirtschaftsforum in Davos erstellt das Team von Corporate Knights jährlich eine Studie zu den 100 am nachhaltigsten wirtschaftenden Unternehmen der Welt. Die Methode dazu ist transparent und kann jährlich, neben dem eigentlichen Bericht, online abgerufen werden. Methodisch genutzt werden für die Studie öffentlich verfügbare Dokumente – wie beispielsweise Nachhaltigkeitsberichte und Finanzdokumente – und untersucht werden ausschließlich global agierende Mittelstand-Unternehmen, Konzerne und sogenannte Mega-Cap-Unternehmen. Als Mega-Cap-Unternehmen werden börsennotierte Firmen bezeichnet, deren im Umlauf befindliche Aktien sich auf einen Wert von über 300 Milliarden US-Dollar belaufen.

Nachhaltigkeit in Unternehmen
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2017 landete die deutsche Firma Siemens im weltweiten Vergleich auf Platz 1. Im Jahr 2018 hat es das Unternehmen nur noch auf Platz 9 geschafft, dicht gefolgt vom deutschen Finanzanbieter Aareal Bank auf Platz 11. Insgesamt finden sich in der Liste der 100 Besten nur 6 deutsche Unternehmen, aus Frankreich sind es mehr als doppelt so viele. Keines der im SIM-Score gut platzierten Unternehmen aus Deutschland befindet sich überhaupt im Ranking. Bei einem Blick auf die Nachhaltigkeitsberichte von BMW, Miele oder Otto entsteht jedoch der Eindruck, dass jedes dieser Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig nimmt. Tchibo hat sich in einem entsprechenden Dokument sogar die hundertprozentige Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften zum Ziel gesetzt. Warum geht der Prozess also offenbar trotzdem so schleppend voran?

Inzwischen gibt es duale Studiengänge, die Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit Hand in Hand vermitteln

Didier Cossin, Co-Autor des Buches Inspiring Stewardship, ist sich sicher, dass jedes Unternehmen nachhaltig arbeiten kann. Doch dafür, so Cossin, müsse die Unternehmensform stimmen und auch die Persönlichkeit der CEOs passen. Und damit landen wir bei der Ausbildung. Für alle, die im Lernprozess – also in der Ausbildung oder im Studium – nie mit der Idee der Nachhaltigkeit konfrontiert wurden und stattdessen vielleicht sogar primär das Ideal des grenzenlosen Wachstums vermittelt bekamen, ist die Umstellung besonders schwer. Doch inzwischen gibt es duale Studiengänge, die Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit Hand in Hand vermitteln.

Nachhaltigkeit in Unternehmen
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Und es gibt Personalvermittler wie On Purpose, die eine Brücke schlagen zwischen Nachwuchs aus der herkömmlichen Wirtschaft und Social Enterprises. Eine Lösung könnte also sein, dass der Management-Nachwuchs die Nachhaltigkeit zukünftig mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit auch in großen Konzernen, in Vorständen und in Geschäftsführungen auf die Agenda setzt. Bis dahin lautet die Empfehlung von Nachhaltigkeitsspezialisten wie Greenpeace jedoch weiterhin: So viel wie möglich lokal, regional und saisonal einkaufen.

Das Beitragsbild ist übrigens von Thomas Hafeneth auf Unsplash

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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