Marie Kondō: Kann die Ordnungsmethode uns glücklich machen?

Words by Arzu Gül
Photography: Kay Amano (Konmari Media Inc.)
Lesezeit: 4 Minuten
Marie Kondō Portrait lachend

Die weltberühmte Ordnungsmethode der japanischen Autorin Marie Kondō soll nicht nur Ordnung in unsere Kleiderschränke bringen, sondern unser ganzes Leben umkrempeln. Wie uns diese Methode auf unserer Suche nach Glück und Gelassenheit weiterbringt.

Die Japanerin Marie Kondō ist Expertin für Falttechniken, Aufräumen und Ausmisten. Ihre Bücher über ihre spezielle Ordnungsstrategie, auch »KonMari-Methode« genannt, sind internationale Bestseller. Sogar eine eigene Netflix-Serie (»Aufräumen mit Marie Kondo«) wurde der Autorin gewidmet. Dort hilft sie Familien und Einzelpersonen dabei, wieder Ordnung in ihr Zuhause zu bringen. Hinter den Tipps und Tricks zum Falten und Aussortieren soll viel mehr als nur ein Ordnungswahn stecken. Tatsächlich sollen sie unser ganzes Leben verändern. Was kann die weltberühmte Ordnungsmethode?

In den letzten Jahren ist ein regelrechter Hype um Marie Kondō entstanden. Das amerikanische »Time Magazine« kürte sie bereits zu einer der hundert einflussreichsten Frauen der Welt. Ihre bekannteste Publikation, »Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert«, verspricht, nicht nur dabei zu helfen, der Unordnung in den eigenen vier Wänden Herr zu werden, sondern auch der »Unordnung im Herzen«. Denn – so predigten schon Generationen weiser Mütter und Großmütter – ein aufgeräumtes Zuhause bedeutet auch ein aufgeräumtes Leben. 

Laut Marie Kondō ist weniger oftmals mehr. Sie ist eine Verfechterin des Minimalismus.

Schritt für Schritt zum Erfolg

Die KonMari-Methode kann in vier grobe Schritte untergliedert werden, die aus jedem chaotischen Wirrwarr ein gepflegtes Nest zaubern sollen.
 

1. Nach Kategorien aussortieren

Laut Marie Kondō ist es nicht sonderlich sinnvoll, sich nacheinander einzelne Räume vorzunehmen. Dabei könne man sich leicht in der Unordnung verlieren, was den Aufräumprozess unnötig in die Länge ziehe. Besser sei es, nach Kategorien auszumisten. Hierfür nennt die Beraterin eine feste Reihenfolge: Kleider, Bücher, Papiere, Kleinkram und Erinnerungsstücke. Da Kleider in der Regel den geringsten emotionalen Wert haben, sei es einfacher, hier mit dem Aussortieren zu beginnen. Erinnerungsstücke bedürfen mehr Zeit und Überlegung, weshalb diese Dinge erst zum Schluss in Angriff genommen werden. 
 

2. Schmeiße alles auf einen Haufen

Unser Hab und Gut ist oftmals auf unterschiedliche Räume und Schubladen verteilt. So fällt uns meist gar nicht auf, wie viele Besitztümer wir schon angesammelt haben. Wenn wir mit einer Kategorie beginnen und dabei alle dazugehörigen Gegenstände auf einen Haufen legen, werde uns zum ersten Mal das Ausmaß unseres eigenen Konsums bewusst. Dieser Schockmoment helfe bei der Reflexion und ermutige dazu, sich im Anschluss von Dingen zu trennen.
 

3. Fasse jedes Teil an

Nachdem wir unseren gesamten Besitz vor unseren Augen ausgebreitet haben, ist es an der Zeit, zu entscheiden, was bleiben darf und was nicht. Hierfür sollen wir uns die Zeit nehmen, jeden Gegenstand anzufassen und kurz in uns zu gehen. Jetzt entscheide nicht mehr der Kopf, sondern das Gefühl. Laut Marie Kondō sei der wichtigste Faktor bei der Entscheidung, ob ein Gegenstand Freude in uns auslöst. Lieben wir das Kleidungsstück? Weckt das Buch positive Erinnerungen? Fühlen wir uns beflügelt oder inspiriert, wenn wir eine Sache in den Händen halten? Dann dürfen wir es behalten. Verspannt sich unser Körper hingegen oder verspüren wir negative Emotionen, darf das Objekt guten Gewissens unseren Besitz verlassen. Dabei sollten die Gegenstände natürlich nicht einfach weggeworfen werden. Alles, was noch funktionsfähig ist, darf gerne verschenkt, gespendet oder für kleines Geld, beispielsweise auf einem Flohmarkt, verkauft werden.
 

4. Alles hat seinen Platz

Sind wir am Ende unserer Aufräumaktion angelangt, sei es wichtig, jedem Gegenstand, der bei uns bleibt, einen festen Platz zuzuweisen. Nutzen wir ihn, wird er im Anschluss immer wieder dorthin zurückgelegt. Natürlich hat die Aufräum-Expertin auch für diesen Anlass besondere Ordnungs- und Falttechniken, um den bestmöglichen Überblick in unseren Regalen und Kommoden zu schaffen. Ihre Techniken versprechen nicht nur doppelt so viel Platz, sondern auch eine bleibende Ordnung in den Schränken.

Ihre berühmten Falt-Methoden sollen für nachhaltige Ordnung in unseren Schränken sorgen.

Welche Auswirkungen hat die Methode auf unsere Psyche?

Die KonMari-Methode hat sich bereits millionenfach bewährt. Viele Menschen schwören auf die Technik und sprechen von einem befreienden Gefühl. Aber kann eine aufgeräumte Sockenschublade uns wirklich glücklicher machen? StudentInnen der amerikanischen DePaul University in Chicago sagen: Ja! Sie haben in einer Studie herausgefunden, dass physische Unordnung stark mit Prokrastination und einer geringeren Lebensfreude einhergeht. Bei Menschen, die in einem chaotischen Umfeld leben, sei ein weitaus höherer Wert des Stresshormons Cortisol im Körper nachgewiesen worden. Bei Frauen sei diese Korrelation sogar noch stärker ausgefallen. Das heißt: Die Unordnung in unserem Zuhause wirkt sich nachhaltig auf unser Wohlbefinden aus.

Diese Beobachtungen lassen sich auch auf die menschliche Psyche erweitern. Denn nicht nur die physische Unordnung kann Menschen stressen, sondern auch die Unordnung im Kopf. In unserer Gesellschaft ist es normal geworden, nach hohen Leistungsstandards zu streben – nicht nur beruflich, sondern auch im Bereich des sozialen Lebens. Wir möchten hart arbeiten, Karriere machen, Beziehungen pflegen, Freunde treffen, für die Familie da sein, neue Sprachen erlernen, Sport treiben, uns gesund ernähren, unsere Persönlichkeit weiterentwickeln, meditieren, Yoga machen. Viele Menschen finden sich in einer Spirale des Tuns und vergessen dabei, dass es manchmal eben auch wichtig ist, nichts zu tun. Mit dieser Problematik befasst sich auch der neue Lifestyle Trend »Niksen«, der aus den Niederlanden stammt. Das aktive »Nichtstun« soll Menschen dabei helfen, endlich zu innerer Gelassenheit zu finden.

Können wir Marie Kondōs Methoden auch auf unser Privatleben anwenden?

Does it spark joy?

Wer die Methode von Kondō schon einmal selbst ausprobiert hat, wird schnell festgestellt haben: Die Frage »Bringt es mir Freude?« lässt sich nicht nur in Bezug auf Kleidung und Bücher stellen, sondern darüber hinaus auch auf Ernährung, Finanzen, Gewohnheiten, Freundschaften, Beziehungen und mehr anwenden. In vielen Bereichen sind wir Menschen offenbar zunächst gewillt, Unangenehmes hinzunehmen und negative Gefühle zu »ertragen«. Als Gewohnheitstieren fällt es uns häufig nicht leicht, Dinge, Situationen und Menschen loszulassen, auch wenn sie uns nicht guttun. Wir halten an ihnen fest und hoffen auf mirakulöse Besserung. 

Es ist erstaunlich, wie lange Menschen dazu in der Lage sind, Gegebenheiten hinzunehmen, die ihrer Seele und ihrem Wohlbefinden schaden. Bei physischen Reizen sind wir hingegen sehr gut und schnell darin, positive Gefühle von negativen zu unterscheiden. Denn: Wie lange würden wir etwas kauen, das fürchterlich schmeckt? Wie lange würden wir ein Musikstück anhören, das regelrecht Schmerzen in unseren Ohren verursacht? Wie lange würden wir in einer unangenehmen Sitzposition verharren, die unsere Muskeln verspannt und uns wehtut? Bei körperlichen Reizen ziehen wir schnell einen Schlussstrich, bei seelischen manchmal nie. 

Die KonMari-Methode besagt: Bringt uns etwas keine Freude, sondern eher Schmerz und negative Emotionen, sollten wir lernen loszulassen. Auch damit wir Platz für Neues in unserem Leben schaffen. Und nachdem wir die Methode auf unseren Kleiderschrank angewendet haben, können wir sie also guten Gewissens auch auf alle weiteren Lebensbereiche ausweiten. Im Prozess des Ausmistens finden wir dann vielleicht auch irgendwo die Ruhe und Gelassenheit, die uns irgendwann abhandengekommen ist.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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