Mareice Kaiser im Interview: Eine Heldin mit kurzen Haaren

04.06.2018
Words by Jana Ahrens
Mareice Kaiser

Im Leben von Mareice Kaiser geht es um Frauen, um die Familie und darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen. All diese Themen – und das Leben mit ihrer behinderten Tochter – hat sie in einem Buch mit dem Namen Alles Inklusive herzergreifend und lebensnah in Worte gefasst. Mareice ist eine strahlende Persönlichkeit, die sich über vieles wundert, manchmal ärgert und trotzdem nie ihren Humor verliert. Wir haben uns mit der Journalistin, Autorin und Aktivistin über Vielfalt, Inklusion und die spannenden Momente im Leben unterhalten. 

Du bist so umtriebig und machst so viel. Deshalb würde uns zum Einstieg interessieren, wie du dich und deine Arbeit in – sagen wir – 4 Sätzen selber beschreiben würdest.

Ich arbeite als Journalistin. Außerdem blogge ich im Kaiserinnenreich und begleite meine 5 jährige Tochter durchs Leben. Und sie mich. Ich habe ein Faible für tolle Frauen und stelle sie in meinen Instagram-Stories vor. Ich bin ein Fan von Inklusion und habe darüber ein Buch und viele Artikel geschrieben. Ich mag Wolken und Menschen und beobachte sie gern.

“Du bist ihre einzige Heldin mit kurzen Haaren” hat der Vater deiner Tochter mal zu dir gesagt. Dann hast du dich auf die Suche nach Mädchen mit kurzen Haaren in Kinderbüchern gemacht. Was war das Ergebnis?

Das Ergebnis war vor allem ernüchternd. Ich habe erstmal in unserem privaten Umfeld angefangen und bemerkt: Ich selbst habe eine einzige Freundin mit kurzen Haaren. Alle anderen Frauen in meinem Umfeld haben lange Haare. Im Umfeld meiner Tochter sieht es ähnlich aus: Fast alle Mädchen in unserem Kinderladen tragen die Haare lang. Das ist doch verrückt: Da reden wir alle über Vielfalt, und schon beim Thema Haare hört es auf. Diese einheitliche Welt wird dann eben auch in Kinderbüchern und so genannten Frauenmagazinen produziert. Die Ergebnisse meiner Recherchen habe ich in einem Blogpost zusammengefasst. Es gibt ein paar Ausnahmeprojekte, aber man muss sie echt noch suchen.

 

Die Heldin mit den kurzen Haaren. Bildquelle: Mareice Kaiser

 

Was ist Schönheit für dich?

Schönheit hat für mich ganz viel mit dem Moment zu tun. Ich kann schöne Momente wertschätzen, auch an einem Scheißtag. Vielleicht ist das mein Superskill. Ein perfekter Song, ein guter Satz, ein tolles Foto – das ist für mich alles schön. In Bezug auf Menschen finde ich Stil schön. Wenn eine Person irgendwie speziell ist, ihren eigenen Stil hat. Mit genormter Schönheit kann ich nicht viel anfangen. Ich mag minimalistisches Design, Wasser und die Farbe Grau.

In deinem Beitrag zu den Heldinnen mit kurzen Haaren hast du auch geschrieben: “Ja, auch ich dachte mal, mir kommt nur Holzspielzeug ins Haus…” Wie hast du das mit deiner Tochter und mit dir selber verhandelt, als sich das änderte?

Ich bin eine pragmatische Mutter. Das Karussell aus Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, gesellschaftlichem Engagement und Sachen, die einfach Spaß machen, dreht sich eh schon viel zu schnell. Warum also auch noch Druck rund um Erwartungshaltungen machen? Ich muss nicht die perfekte Mutter sein. Es reicht, wenn ich gut genug bin. Unsere Küche muss nicht instagrammable sein – wenn wir abends darin tanzen. Auch die Erfahrung mit meiner behinderten Tochter hat sicher dazu beigetragen, dass ich in den meisten Elternbelangen relaxt bin. Wenn du mehrmals im Jahr wegen Lungenentzündungen mit deinem Kind im Krankenhaus bist, kannst du beim Thema Zucker im Kinderladen-Essen nur müde lächeln.

Wir sind ja eigentlich alle im Erwachsenenalter noch damit beschäftigt, unsere Rollenbilder und unser Selbstwertgefühl zu navigieren. Wie erlebst du das im Vergleich dazu bei deiner Tochter?

Als sehr absolut. Da gibt es keine Differenzierungen, sondern nur Schwarz und Weiß. Ich mag das. Diese Willensstärke und den Willen, alles klar zu sortieren. Dass das nicht klappt, wird sie ja noch früh genug feststellen. Die Sehnsucht nach Sortierung kennen wir ja alle, und bei Kindern klappt es manchmal noch. Gleichzeitig muss ich oft darüber lachen, für wie erfahren mich meine Tochter hält. Als wüsste ich so ganz genau, wie der Hase läuft. Letzens im Freibad, als ein starkes Gewitter kam und alle das Wasser und die Wiese verlassen mussten, fragte sie mich: „Hast du sowas schon mal erlebt?“ Ich sagte Ja und sie fühlte sich sicher. Dass ich trotzdem Angst hatte, habe ich für mich behalten. Und so ist es ja auch mit den Rollenbildern und dem Selbstwertgefühl.

Das Mutter-Tochter-Verhältnis ist ein besonderes. Bildquelle: Mareice Kaiser

Was wünschst du dir für deine Tochter, wenn sie so alt ist, wie du es jetzt bist?

Dass sie viel lacht und gerne atmet. Dass sie sich hinterfragt und freut, wenn sie an einem Spiegel vorbeikommt. Und dass sie alle Entscheidungen so frei wie möglich treffen kann.

Auch im Journalismus können ja durch gut erzählte Geschichten neue Bilder entstehen. Du hast auf der re:publica 2018 einen Workshop zum Thema “Vielfalt im Journalismus” organisiert. Was war das Ergebnis?

Es ist erschreckend, wie heterogen Redaktionen nach wie vor sind. Mein liebstes Hass-Schlagwort ist „homosoziale Reproduktion“. Das bedeutet, dass Führungspersonen so gut wie immer Leute einstellen, die so ähnliche Hintergründe haben wie sie selbst. Und wenn man sich in den Chefredaktionen umsieht, sieht man: weiße, heterosexuelle Männer. Dadurch entsteht ein einseitiger Blick. Das Ergebnis ist dann ein Journalismus, der sich fragt, ob geschlechtersensible Sprache denn sein müsse (siehe aktuelle ZEIT). In unserem Workshop haben wir gemeinsam mit über 70 Teilnehmenden Strategien für einen vielfältigeren Journalismus entwickelt.

Welche sind das?

Es gibt verschiedene Ansätze, und am besten macht man alle. Es beginnt damit, jungen Leuten die Perspektive Journalismus zu eröffnen. Wenn meine Eltern keine Zeitung abonniert haben, woher soll ich dann wissen, dass es Journalist*innen gibt und was sie tun? Da ist pädagogische Bildungsarbeit wichtig und auch Mentoringprogramme, die in der Schule beginnen. Nachgedacht werden muss über die Zugangshürden von Journalistenschulen und Stipendien und vor allem darüber, wie alle potentiell Interessierten damit erreicht werden können. Bei den Einstellungen muss Diversität ein Kriterium sein und zwar in allen Facetten: Geschlecht, Bildung, Herkunft, Familienstand, Behinderung und andere Diskriminierungsmerkmale. Medienprodukte brauchen nicht nur ein Lektorat, sondern auch einen Vielfaltscheck. Geschichten werden spannender, wenn man auf sie aus unterschiedlichen Perspektiven sieht und auch innerhalb der Geschichten vielfältige Menschen zu Wort kommen lässt. Eine Zusammenfassung des Workshops gibt es im Watch Salon, dem Blog des Journalistinnenbundes. Damit gibt es jetzt wirklich keine Ausreden mehr, warum Journalismus nicht vielfältig gemacht wird.

Apropos vielfältige Blickwinkel! So wird Mareice von ihrer Tochter gesehen. Bildquelle: Mareice’s Tochter.

Was würdest du machen, wenn du nicht schreiben würdest?

Sprechen. Und singen.

Wie geht es weiter mit Mareice Kaiser, dem Kaiserinnenreich und @mareicares?

Das Thema Inklusion bearbeite ich weiter als Journalistin und ab sofort auch als Redakteurin bei ze.tt. Außerdem möchte ich mich noch intensiver mit Bildung und Verletzlichkeit beschäftigen, vielleicht auch in einem Podcast. Das Kaiserinnenreich wird bleiben, und es wird sich gemeinsam mit mir entwickeln. Bei Instagram teile ich weiterhin meine Alltagspoesie und stelle tolle Frauen vor. Ich möchte einfach dazu beitragen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Vielleicht auch irgendwann in einem zweiten Buch.

Vielen Dank für das wundervolle Gespräch!

Mehr zu Mereice Kaiser findest du bei Twitter, auf ihrem Blog und ihrer Webseite

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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