Das männliche Konzept von Ehre & was es mit Frauen macht

Words by Arzu Gül
Photography: Polina Zimmerman via Pexels
Lesezeit: 7 Minuten
Frau schaut betrübt in die Kamera - Ehre

Früher war »Ehre« etwas, was man für eine besondere Leistung erlangen konnte. Heute ist es etwas, was Männer in vielen Kulturkreisen durch die Unterdrückung der Frau sicherstellen und erhalten möchten. Woher der Begriff eigentlich kommt, was mit ihm gemacht wurde und wieso das Konstrukt »Ehre« so gefährlich ist.

Auf deutschen Schulhöfen hört man immer öfter Sätze wie »Er hat meine Ehre verletzt« oder »Ich muss meine Ehre verteidigen«. Häufig wird der eigentlich sehr altertümliche Begriff »Ehre« hier für Streitigkeiten unter jungen Männern herangezogen oder für Machtspiele missbraucht. Immer häufiger nutzen Jugendliche diesen Begriff aber auch, um Mädchen und Frauen bestimmte Normen und Werte aufzutragen und ihnen Vorschriften in Bezug auf ihren Lebensstil, ihre Kleidung und Sexualität zu machen. Doch woher kommt der Begriff Ehre überhaupt, welcher ursprüngliche Gedanke steckt dahinter und welche negativen Folgen birgt die Verwendung dieses Begriffs für die Selbstbestimmung von jungen Frauen?

Schlägt man den Begriff »Ehre« im Wörterbuch nach, so wird er als »Ansehen aufgrund offenbaren oder vorausgesetzten Wertes« und als »Wertschätzung durch andere Menschen« beschrieben (Duden). Ganz allgemein bedeutet »Ehre« im Grunde die Anerkennung, ein positives Ansehen oder auch eine Belobigung bzw. eine Auszeichnung eines Menschen. Weiterhin wird die Ehre als etwas definiert, das einer Person als Mitglied eines Kollektivs oder Standes anerkannt werden kann (z. B. »Berufsehre«), oder aber jemandem beispielsweise durch die Verleihung eines Ordens zugesprochen wird.

Ehre gebührte dem, der eine Leistung erbrachte

Liest man sich die Definitionen und Beschreibungen durch, erkennt man sehr schnell, dass alle Erläuterungen einen gemeinsamen Nenner haben, der für die Begriffsbedeutung offenbar charakteristisch und unerlässlich ist: Ehre ist etwas, dass einem erst durch die subjektive Wertschätzung anderer zuteilwird. Das bedeutet: Erst durch außenstehende Dritte, die mir gegenüber Respekt und Ehrfurcht empfinden oder in deren Auffassung und Urteil ich eine ehrenwerte Person bin, kann ich als Individuum erst die Anerkennung von Ehre erfahren. Bei dieser Auslegung des Begriffs müsste eine Person also erst einmal ehrenvolles Handeln vorweisen, um sich diese Anerkennung zu verdienen.

Aber worin kann dieses ehrenvolle Handeln bestehen? : In ihrer Einleitung zum Sammelband, der den Ehrbegriff interdisziplinär unter die Lupe nimmt, schreiben Vogt und Zingerle hierzu: »Jede Epoche, jede Kultur bildet ihr eigenes, jeweils anders akzentuiertes Verhältnis zu den Sachverhalten aus, auf die sich der Ausdruck Ehre bezieht.« Ehre kann verliehen, angestrebt, errungen, gemehrt, vermindert, zu- und abgesprochen werden. Wofür genau, hat sich im Laufe der Zeit aber immer wieder gewandelt: Je nach Epoche, Herkunft oder Kontext konnte die Ehre durch ganz unterschiedliche Leistungen errungen werden. Doch: Ehre hatte immer etwas mit der Erfüllung einer Leistung zu tun. Seien es ritterliche Duelle im Mittelalter, die Herrschaft über eine Monarchie als König, die Berufsehre in Form von traditionellen, berufsständischen Ehrenkodizes (z. B. Anwälte und Ärzte) oder außergewöhnliche und herausragende Leistungen, für die ein offizieller Ehrentitel verliehen wurde.

Männer nutzen den Ehrbegriff heutzutage, um die Unterdrückung der Frau zu rechtfertigen

Hier tun sich viele Fragen zur heutigen Verwendung des Begriffes auf, die zuweilen geradezu paradox erscheint: Wie, bitteschön, kann beispielsweise ein 13-jähriger Schüler, dessen – überspitzt gesagt – wichtigste Leistung es ist, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, seine Hausaufgaben zu machen und das von Mama gekochte Mittagessen aufzuessen, von Ehre sprechen? In welchem Szenario hat sich dieses Kind die Ehre und die Anerkennung seiner Mitmenschen verdient, sodass es seine Aufgabe wäre, diese Ehre zu erhalten und zu verteidigen?

Wenn aus Ehre die »persönliche Würde« wird

Offenbar wurde der Begriff »Ehre« im Laufe der Zeit zweckentfremdet bzw. erweitert. Neben der ursprünglichen Bedeutung, die auch weiterhin existiert (zum Beispiel kann man weiterhin mit einem Preis, einer Auszeichnung »geehrt« werden), wurde »Ehre« nun auch als etwas sehr Persönliches, als etwas der Person Inhärentes aufgefasst– also in etwa als Synonym für die menschliche Würde. An und für sich ist an dieser Form der Auslegung erst einmal nichts auszusetzen. Es bedeutet, dass jeder Mensch eine menschliche Würde bzw. eben eine Ehre besitzt, die man sich nicht erst durch Leistung verdienen muss, sondern die einem bereits mit der Geburt zuteilwird. Es bedeutet auch, dass Menschen unabhängig von ihrem sozialen Stand, ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht oder ihrer Religion fair, würdevoll und mit Respekt behandelt werden sollten.

Problematisch wurde diese Definition erst durch die Weiterinterpretation durch patriarchalische Systeme, die die persönliche Ehre in eine direkte Wechselbeziehung mit der weiblichen Selbstbestimmung stellten. Und während die Menschenwürde unantastbar ist – die Ehre, wie sie hier verstanden wird, ist es nicht. In vielen mediterranen Kulturen im Mittleren und Nahen Osten, in Italien, Griechenland, Albanien und der Türkei, in Pakistan, Afghanistan, aber auch in Afrika und Ostasien wird die Ehre eines Mannes oder gar ganzer Familien seit Jahrhunderten an die Taten von Frauen geknüpft.

Frauen haben kaum Rechte, aber viel Einfluss auf die Ehre

Denn obwohl Frauen in diesen Kulturkreisen häufig einen niedrigeren gesellschaftlichen Stand einnehmen als Männer, wird ihre Ehre paradoxerweise zum Dreh- und Angelpunkt jeglicher Diskussionen. Zeigt eine Frau unerwünschtes oder »schändliches« Verhalten, so steht mitunter die Familienehre mehrerer Generationen auf dem Spiel. Während die Erlangung von Ehre bei den Männern mit edlen oder heroischen Handlungen verbunden ist, beispielsweise durch den Ausdruck von Mut, Stärke, Gastfreundschaft oder Verlässlichkeit, hängt die Ehre von Frauen primär an ihrer Sexualität, bzw. an der empfundenen Notwendigkeit, diese privat zu halten und nicht zur Schau zu stellen, was mit einer Einschränkung ihrer Selbstbestimmung in Bezug auf Kleidung, soziale Kontakte, Arbeit, sexuelle Identität und viele weitere Faktoren ihres Lebens einhergeht.

Überspitzt gesagt: Eine Familie kann ein hohes Ansehen genießen und sich über mehrere Generationen als gastfreundlich, ehrlich, verlässlich und hilfsbereit erwiesen haben, doch sollte die Tochter in einem zu kurzen Rock durch die Straßen laufen und dabei erwischt werden, wie sie sich mit einem fremden Mann verabredet, so steht die gesamte Ehre der Familie einschließlich der Großeltern, Eltern, Brüder und Schwestern, der Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen auf dem Spiel.

Eine ganz normale Handlung - Selfies mit Freundinnen auf der Straße - verletzen in bestimmten Kulturkreisen bereits die Ehre

In Ordnung – sehen wir einmal über die Ungerechtigkeit in der Bewertung hinweg und nehmen an, die Frau hätte tatsächlich aufgrund ihres Modestils und einer Verabredung die Ehre der gesamten Familie aufs Spiel gesetzt. Nun müsste es doch auch im Handlungsfeld dieser »schuldigen« Person liegen, die Ehre wiederzuerlangen und den Fehler auszubügeln? Solch eine Schlussfolgerung wäre logisch, doch auch hier hat das Patriarchat wieder eine andere Regel parat: Die Erhaltung oder Verteidigung der Ehre obliegt nicht den Frauen selbst, sondern den Männern. Das ist aber noch nicht alles: Während junge Männer ihre Ehre durch entsprechendes Verhalten erwerben, aufrechterhalten oder auch wiederherstellen können, kann die Ehre einer Frau verloren, aber nur sehr selten, eigentlich nie, wiederhergestellt werden. Der Mann muss also bereits im Vorfeld strikt seiner Aufsichtspflicht nachgehen und sicherstellen, dass ihre Ehre gar nicht erst verloren geht, denn ist sie erst einmal abhandengekommen, gibt es schließlich kaum eine Möglichkeit, sie jemals wieder zurückzugewinnen.

Die Ehre des Mannes liegt zwischen den Beinen seiner Frau

Türkisches Sprichwort

Dieses türkische Sprichwort zeigt sehr deutlich, zu welchen Überzeugungen ein so gravierend missinterpretiertes soziales Konstrukt führen kann: Die Frau ist minderwertig, hat eigentlich nichts zu sagen; ihre Handlungen könnten aber zum Ehrverlust gesamter Generationen führen, weshalb sie nicht selbst über diese bestimmen darf, sondern sich durch einen oder mehrere Männer ihrer Familie kontrollieren lassen muss.

Könnte man dieses Konzept mit seiner Altertümlichkeit entschuldigen und erklären, dass diese Überzeugungen sich seit Jahrhunderten überlebt haben, wäre es vielleicht gerade noch zu ertragen. Man könnte es dann vielleicht abtun mit der Begründung, dass die Menschen damals eben unaufgeklärt waren und es halt nicht besser wussten. Macht man sich aber bewusst, dass dieses Konstrukt heute noch in weiten Teilen der Erde Bestand hat, so kann man eigentlich nur mit vollstem Unverständnis reagieren. Ein solches Konzept von »Ehre« entbehrt einfach jeder Logik.

In vielen Teilen der Welt, aber auch hier - mitten unter uns - haben viele Frauen kein Recht auf Selbstbestimmung

Der »Ehrenmord« ist nur die Spitze des Eisbergs

Die Auswirkungen für Frauen sind fatal: Männer, seien es die kleinen Brüder oder entfernte Cousins, ein Onkel oder der eigene Vater, mischen sich in alle Lebensbereiche der Frauen ein. Sie werden fremdbestimmt in der Auswahl ihrer Kleidung und ihrer Freunde, in ihrer Bildung, Ausbildung und Berufsauswahl und ganz klar auch in ihrer Sexualität. Fügt die Frau sich nicht in die an sie gestellten Erwartungen, wird das erwünschte Verhalten durch äußeren Druck forciert, durch den Einsatz von psychischer und physischer Gewalt.

In schlimmeren Fällen werden Ehen arrangiert, sodass die Frau auch ja früh genug unter dem Deckmantel der Ehe ihrer Pflicht als ehrenvoller Nachwuchs der Familie nachkommt. Wehrt sie sich, kann eine Zwangsheirat beschlossen werden. Und wenn alles nichts nützt, wenn die Frau trotzdem ihren Willen durchsetzt, von zu Hause abhaut oder sich gar zu vorehelichem Geschlechtsverkehr erdreistet? Dann wird die Frau höchstwahrscheinlich und unwiderruflich von der Familie verstoßen oder fällt schlimmstenfalls dem sogenannten Ehrenmord zum Opfer: dem Mord an einem Familienmitglied als Mittel, die vermeintlich verlorene Ehre der anderen Familienmitglieder wiederherzustellen. Ein Vorgehen, das grausam und absurd ist, aber leider bis heute noch in vielen Teilen der Welt zum Alltag gehört. Natürlich kommt es nicht immer so weit. Aber die generelle Unterdrückung, Demütigung und Gewaltanwendung gegen Frauen durch Familienmitglieder gehört in vielen kulturellen Kreisen noch immer zur »Normalität«.  

Vor einigen Wochen machte sich auf der Social-Media-Plattform Instagram ein neuer Trend breit: Frauen posteten Schwarz-Weiß-Porträts von sich selbst und versahen den Post mit dem Hashtag #challengeaccepted. Gleichzeitig forderten sie weitere Frauen per Privatnachricht dazu auf, es ihnen gleichzutun. Von vielen wurde dieser Trend ganz allgemein als gegenseitiger Support unter Frauen missinterpretiert – sogar prominente Stars und Sternchen posteten entsprechende Bilder und taggten sie mit »#womensempowerment« und »#womensupportingwomen«. Doch schnell wurde der eigentliche Ursprung dieses Trends erklärt und vielfach geteilt: Die Idee hinter den Schwarz-Weiß-Fotografien stammt aus der Türkei. Dort wollten Frauen auf die zahlreichen Frauenmorde aufmerksam machen, die derzeit das Land erschüttern. Allein im vergangenen Jahr starben nach Angaben der Menschenrechtsgruppe »Kadin Cinayetlerini Durduracagiz« (zu Deutsch: »Wir werden Frauenmorde stoppen«) insgesamt 474 Frauen durch die Gewalt von Männern, ca. 30.000 Fälle von männlicher Gewalt gegen Frauen wurden offiziell angezeigt. Die Dunkelziffer liege aber weitaus höher, so die Organisation. Mit den Fotografien, die an Todesmeldungen aus Zeitungsausschnitten erinnerten, wollten die Frauen so den weiblichen Opfern eine Stimme geben.

Türkei und Polen wollen aus der Istanbul-Konvention austreten

Besonders gravierend: Das türkische Parlament unterzeichnete 2012 die so genannte Istanbul-Konvention des Europarats, die Frauen vor männlicher Gewalt schützen und rechtlich mit Männern gleichstellen soll. Vor Kurzem forderten nun die Vertreter der konservativ-islamischen Regierungspartei AKP den Austritt aus dieser Konvention. Ihr Vorwurf: Die Konvention beschädige die Familie, normalisiere Homosexualität und widerspreche dem gottgegebenen Verhältnis zwischen Mann und Frau, das keine Gleichstellung vorsehe. Doch nicht nur in der Türkei, auch in Polen gibt es aus konservativen Kreisen nun Bestrebungen, die Istanbul-Konvention zu verlassen.

Infolge der umstrittenen Bestrebungen gingen in den letzten Wochen Tausende Frauen in Polen und der Türkei auf die Straßen, um gegen einen Austritt zu demonstrieren. »Femizide sind keine Naturkatastrophen. Sie können verhindert werden. Aber das wird nicht geschehen, wenn die Istanbul-Konvention infrage gestellt wird«, sagte laut der Süddeutschen Zeitung die Wortführerin einer Demonstration in Izmir. 

Und während in diesem Moment irgendwo eine junge Frau, eine Tochter, Schwester oder Mutter, deren einzige »Schuld« darin besteht, ihr Leben selbst bestimmen zu wollen, unter psychischer oder physischer Gewalt leidet, hört man auf irgendeinem Schulhof einen halbstarken kleinen Jungen etwas von Ehre erzählen. Statt also Wörter wie »Ehrenmann« zum Jugendwort des Jahres (Langenscheidt, 2018) zu küren, sollten wir vielleicht junge Männer fortan bereits frühzeitig lehren, was Ehre eigentlich bedeutet und wieso die Verwendung dieses Begriffes so gefährlich ist. Vielleicht wächst dann eine Generation junger Menschen heran, die es künftig besser macht.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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