Vorher/Nachher Lebenslauf mit Annie O.

Words by Annekathrin Walther
Photography: Manolo Ty
Eine junge Frau mit rot geschminkten Lippen und wasserstoffblonden Locken lächelt verschmitzt in die Kamera

Früher Investmentbankerin, heute DJane. Mit gerade einmal 22 Jahren verdiente sie ein Top-Gehalt. Doch dann nahm die Karriere von Annie O. eine überraschende Wendung. Wie es dazu kam und was sie über Risiko, Mut und Sicherheit denkt, verrät sie in unserem Vorher/Nachher-Fragebogen.

 

Das ist meine Situation heute: Ich lebe in Berlin und bin hauptberuflich DJane.

Das war meine Situation früher: Ich habe BWL studiert und war mal Investmentbankerin in London.

Eine junge, blonde Frau im Business-Look lächelt in die Kamera
So ging Annie O. früher zur Arbeit

An diesem Punkt war mir klar, dass ich etwas verändern muss: Als ich mir an jedem Arbeitstag gewünscht habe, dass er endlich vorbei ist. Als mein Fluchtreflex-Bauchgefühl so stark geworden ist, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte.

Das war der erste Schritt, den ich unternommen habe, um die Veränderung herbeizuführen: Ich habe meinen Job bei der Investmentbank gekündigt.

Es gab keinen Plan B

So ging es weiter: Danach hatte ich erst mal keinen Plan B. Durch Zufall bin ich dann an die Musik geraten: In London habe ich die Live-Musik-Szene für mich entdeckt und war viel auf Konzerten. Dabei war ich immer von den Schlagzeugern fasziniert und hatte eines Tages die plötzliche Eingebung, dass ich das auch lernen will. So begann ich, Schlagzeug zu spielen. Dann bin ich zufällig meinem zukünftigen Bandpartner begegnet, und wir gründeten eine Band, mit der wir jahrelang aufgetreten sind. Als die Band sich dann aufgelöst hat, habe ich alleine als DJane weitergemacht.

So hat mein Umfeld auf die Veränderungen reagiert: Durchweg unterstützend. Zum Glück war mein soziales Umfeld sowieso schon immer recht alternativ, so dass es keine große Umstellung gab. Meine Eltern waren zunächst etwas überrascht und besorgt. Sie haben aber verstanden, dass es mir in dem Job überhaupt nicht gut ging.

So geht Annie O. heute zur Arbeit

Risiko bedeutet für mich...: Eine Entscheidung mit ungewissem Ausgang zu treffen.

Obwohl – eigentlich überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Denn sobald man sich für etwas entscheidet, entscheidet man sich gleichzeitig gegen alle anderen Optionen. Man muss dann damit umgehen können, wenn man im Nachhinein das Gefühl hat, dass etwas anderes besser gewesen wäre. Manchmal ist eine Entscheidung total klar und stimmig, so dass man schon weiß, dass man nichts bereuen wird (so wie in meinem Fall). Das fühlt sich dann nicht wie Risiko an. Schwieriger wird’s, wenn man sich nicht sicher ist. Meistens ist es dann eher eine Kopf- und keine Bauchentscheidung.

Selbstbestimmung ist Sicherheit

 

Sicherheit bedeutet für mich...: Selbstbestimmung! Wenn ich das Gefühl habe, dass ich mein Schicksal selbst in der Hand habe, fühle ich mich sicher.

Mut bedeutet für mich...: Viele Leute sagen mir, dass sie meine Entscheidung mutig finden. Damit projizieren sie jedoch ihre eigenen Gefühle auf mich, da es ihnen selbst vielleicht schwerfallen würde, die Sicherheit eines festen und gut bezahlten Jobs aufzugeben. Für mich persönlich spielte Mut dabei aber gar keine Rolle. Mir war das Geld nicht wichtig und ich habe den festen Job – bzw. die damit verbundene Fremdbestimmung – als eine starke Einengung empfunden. Ich habe mich lediglich für meine Bedürfnisse entschieden: Selbstbestimmung und Abwechslung. Das, was andere als »Unsicherheit« empfinden, ist für mich eine große Erfüllung, wenn nicht sogar eine Notwendigkeit.

Mut bedeutet für mich: Über den eigenen Schatten zu springen und Ängsten bewusst ins Auge zu sehen. Für meine Karriereentscheidung war Mut nicht entscheidend, aber natürlich kenne ich solche Gefühle aus dem privaten Kontext.

Eine junge Frau mit wasserstoffblonden Locken und bunt gemustertem Outfit lächelt in die Kamera
Für Annie O. fühlt sich ihre Arbeit nicht wie Arbeit an

Wenn ich das alles nochmal machen würde, würde ich...: ... wenn möglich eher auf meinen Bauch hören. Mein Kopf hat mir lange vorgegaukelt, dass nur Leistung zählt und dass ich dadurch Selbstbestätigung bekommen würde. Dabei habe ich gar nicht gemerkt, was meine wahren Bedürfnisse sind, und musste erst vor eine Wand laufen, um aufzuwachen.

Allerdings bereue ich nichts – es ist alles so gekommen, wie es gekommen ist. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich letztendlich die Kurve gekriegt habe. Auch wenn – oder gerade weil – es einen interessanten Umweg gab.

Das liebe ich an meinem Leben:  Die Freiheit, die Selbstbestimmung, die Abwechslung, die unbegrenzten Möglichkeiten. Die Tatsache, dass sich meine Arbeit nicht als solche anfühlt. Dass es keine Trennung zwischen meinem privaten und beruflichen Ich gibt. Dass ich mich nicht verstellen muss. Dass ich Geld dafür bekomme, etwas zu tun, was mir Spaß macht.

Unser Vorher/Nachher-Fragebogen zeigt, dass das Umstyling eines Lebenslaufes sehr viel interessanter sein kann als das Umstyling eines Outfits. Das sich der Look der von uns vorgestellten Frauen dabei manchmal radikal verändert (wie bei Annie O.) ist eher eine – wenn auch bezeichnende – Nebensache. Kennt ihr Frauen, die ihr ganzes Leben umgestellt haben, um ihrem Glück zu folgen? Oder vielleicht auch, weil es nicht anders ging? Über Vorschläge in den Kommentaren für weitere Interviews in dieser Reihe, würden wir uns freuen. 

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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