Kunst und MS: Interview mit Linda Baum

Words by Annekathrin Walther
Photography: Malene Lauritsen
Die Künstlerin Linda Baum stehe im Malerkittel in ihrem Atelier
Ende 2017 wurde bei Linda Baum Multiple Sklerose diagnostiziert. Von einem Tag auf den anderen stand die Welt der in Berlin lebenden dänischen Künstlerin Kopf. Um mit der Diagnose umzugehen, malte sie. Was als Bewältigungsstrategie begann, wurde schnell viel mehr: Im Sommer 2019 fand die Ausstellung »one year via art« an der Berliner Charité statt. Wie es zu dem Projekt kam und wie es ihr heute geht, erzählt Linda im Interview.
 

Du lebst als freie Künstlerin in Berlin. Wolltest du immer schon Künstlerin werden?

Ja. Schon als ich ganz klein war, wollte ich Künstlerin werden. Die Gesellschaft sagt ja immer, dass man von der Kunst nicht leben kann. Deswegen habe ich in Dänemark auch erst eine Ausbildung zur Friseurin gemacht. Aber nachdem ich ein Jahr als Friseurin gearbeitet hatte, war klar: Ich will jetzt Kunst studieren. Ich habe dann viele Jahre beides gemacht. In Berlin lief es dann immer besser mit der Kunst. Da war es dann ganz natürlich zu sagen, ich mache jetzt nur noch das und schaue, ob es klappt.

Kannst du jetzt von deiner Kunst leben?

Gemeinsam mit meinem Freund habe ich die Firma Co ID Art gegründet. Wir fertigen individuelle Kunst an, zum Beispiel für Firmen. Ich nehme aber auch private Aufträge an. Davon lebe ich hauptsächlich. 

Was sind das für private Aufträge?

Ich mache individuell angepasste Themenbilder. Als nächstes mache ich zum Beispiel etwas für ein älteres Ehepaar. Sie sind schon seit 30 Jahren verheiratet und möchten gerne ihr gemeinsames Leben dargestellt haben. Wenn ich so einen Auftrag bekomme, gehe ich zu den Leuten nach Hause, gucke mir die Wohnung an und mache dann ein persönliches Bild für sie. Ich habe auch schon eine Reise gemalt oder ein Lieblingslied. Ich genieße diese Aufträge, weil es schön ist, die Bilder an ihrem Bestimmungsort abzuliefern. Die Leute werden glücklich damit. Von meinem letzten Projekt, das mir ja auch sehr wichtig war, habe ich keine Ahnung, wo die Bilder gelandet sind. 

»one year via art« - aus einer Bewältigungsstrategie wird eine Ausstellung

Dein letztes Projekt war »one year via art«. Wie kam es dazu?

Im November 2017 habe ich die Diagnose Multiple Sklerose bekommen. Im ersten Moment war ich geschockt. Ich wusste nicht, ob die Krankheit jetzt Auswirkungen auf meinen Beruf haben würde. Ich hatte Gefühlsstörungen in der linken Hand, und ich male auch mit links. Im Krankenhaus wurde mir gesagt, ich solle eine Therapie machen oder irgendwas. Ich wusste, für mich ist die beste Therapie, zu malen. Das ist das, was mich am glücklichsten macht.  

The Boat, December 2018, Linda Baum

Und dann hattest du sofort die Idee, ein Projekt daraus zu machen?

Nein. Ich bin erstmal einfach in die Werkstatt gegangen und habe gemalt, wie es mir ging. Damals habe ich noch nicht gedacht, dass ein Projekt daraus wird. Dann war das erste Bild da: »The Boat«. Mir wurde klar, dass es mir gutgetan hatte, dieses Bild zu malen, und dass ich so weitermachen wollte. 

Das heißt, dann hast du dir eine Art Konzept gemacht?

Ich habe dann beschlossen, ein Jahr lang jeden Monat so ein Bild zu machen. Ich dachte mir, wenn ich jetzt jeden Monat male, wie ich mich fühle, dann muss ich Stellung dazu nehmen, wie es mir mit der Diagnose geht. 

Wie ging es dann weiter?

Irgendwann kam mir der Gedanke: Was mache ich nach dem Jahr mit den Bildern? Behalten wollte ich sie nicht. Wer will schon seine Krise zu Hause aufhängen? Ich wollte lieber, dass etwas Positives damit passiert. So kam mir der Gedanke, die Bilder zu versteigern und das Geld der Forschung zu spenden. Zuerst wusste ich nicht, wie das alles funktionieren sollte, aber im Laufe der Zeit hat es sich herauskristallisiert.

Balancing a fishbowl, March 2018, Linda Baum

Meine Welt ist erstmal zusammengebrochen.

Nochmal zurück zu deiner Diagnose: War schnell klar, dass es MS ist, nachdem du die ersten Symptome hattest, oder hat es eine Weile gedauert, bis du wusstest, was los ist?

Es war sehr schnell klar, dass es MS ist. Es war schneller klar, als mir klar war, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich hatte damals gerade angefangen, in Vollzeit Kunst zu machen. Ich stand viele Stunden am Stück mit gehobenem linkem Arm in der Werkstatt und habe das auch genossen. Als die Missempfindungen auftraten, dachte ich, da ist ein Nerv eingeklemmt, und bin zum Arzt gegangen. Der Arzt hat mich dann zum Neurologen geschickt. Der meinte, der Nerv sei in Ordnung. Er hat mich dann für weitere Tests ins Krankenhaus überwiesen. Damals war mir gar nicht klar, dass die nach sowas wie MS gucken. 

Und dann?

Im Krankenhaus habe ich nach drei Tagen Tests die Ärztin auf dem Flur gefragt, ob sie schon etwas herausgefunden hätten. Sie hat sich umgedreht und gesagt, dass es wahrscheinlich MS ist. Meine Welt ist erstmal zusammengebrochen. Sie konnte sehen, dass ich geschockt war, und hat mich dann mitgenommen in einen Raum. Dort meinte sie, dass sie noch auf ein Testergebnis warteten, aber im Moment alle Zeichen darauf hindeuteten, dass es MS sei. Am nächsten Tag kamen sie dann zu mir und haben die Diagnose bestätigt.

Hattest du damals eine Vorstellung davon, was MS ist?

Ja, das wusste ich, weil eine meiner besten Freundinnen MS hat. Sie hat es schon seit sieben Jahren. Ich wusste also genau, was es ist. 

Glaubst du, das hat den Schock im ersten Moment noch verstärkt?

Ja, ich glaube schon. Da war dann doch dieses Bild vom Rollstuhl und die Frage, ob ich ein normales Leben führen werde. 

Wie ist es eine beste Freundin zu haben, die mit derselben Diagnose lebt?

Wir haben irgendwann angefangen, so zu tun, als hätten wir nicht dieselbe Krankheit. Wir tun so, als hätten wir zwei unterschiedliche Diagnosen, denn man kann die Krankheit einfach nicht vergleichen.

Wie hast du an deinem Projekt weitergearbeitet, nachdem das erste Bild fertig war? 

Ich habe mir immer Notizen gemacht, wie es mir geht. Ich habe nie geplant, was ich konkret malen will, sondern habe dann immer in die Notizen geguckt und daraus etwas als Inspiration zum Malen genommen. Ich male sowieso sehr intuitiv. 

Wie war das Malen der Bilder für dich? 

Es war nicht schmerzhaft, sondern irgendwie sehr erkenntnisreich. Es war befreiend, als ob ich die Gefühle aus mir herausmalen konnte. Ich konnte sie malen, anschauen und dann auch ein bisschen loslassen. Wenn man sie so darstellen kann, werden einem auch Sachen klar.

Zum Beispiel?

Bei dem Triptychon mit den Vögeln ist mir erst, nachdem ich es gemalt hatte, aufgefallen, dass es total Sinn macht, dass es ein Triptychon ist. Der Juli 2018 war für mich nämlich dreigeteilt. Am Anfang des Monats musste ich nochmal ein MRT von meinem Kopf machen lassen. Ich habe mir natürlich gewünscht, dass dort keine neuen Entzündungsherde zu sehen sind. Zum Glück war es dann auch so, und dieses freie Gefühl, das diese gute Nachricht in mir ausgelöst hat, waren die Vögel, die nach oben steigen. Am Ende des Monats habe ich dann herausgefunden, dass ich schwanger bin. Deswegen fliegt der Vogel hoch und gibt dem kleinen Vögelchen etwas zu essen. Ich hatte das Bild von vornherein in drei Teile geteilt, und erst als der Monat vorbei war, wurde mir klar, dass es total Sinn macht. 

Es war, als ob ich die Gefühle aus mir herausmalen konnte

Flying Wishes, July 2018, Linda Baum

War die Schwangerschaft geplant gewesen?

Ich habe nicht mehr verhütet, und dann passiert es eben, wenn es passiert. Wir dachten, es wäre schön, wenn es klappt. Allerdings hatte ich eine Zeit lang auch gedacht, dass ich gar nicht schwanger werden könne, weil ich einen so unregelmäßigen Zyklus hatte. Nach der Diagnose habe ich meine Ernährung umgestellt und hatte dann plötzlich einen guten Rhythmus. Vielleicht hat es auch deshalb dann geklappt.

Wie alt ist dein Kind heute?

Er ist jetzt sechs Monate alt.

Linda Baum in ihrer Werkstatt

Durch das Projekt hast du ja relativ schnell nach deiner Diagnose mit der Krankheit in der Öffentlichkeit gestanden. Wie war das für dich? 

Das war sehr komisch. Zuerst habe ich nur das nähere Umfeld eingeweiht. Es war nie ein Geheimnis, gleichzeitig hatte ich auch nicht das Bedürfnis, überall davon zu erzählen. Ich wusste aber, wenn ich aus diesem Projekt etwas Positives herausholen möchte und eine Ausstellung machen will, dann wird meine Diagnose öffentlich. Ich habe dann entschieden, wenn das Jahr vergangen ist und alle Bilder fertig sind, werde ich auch bereit dafür sein. Als ich dann alles auf Facebook gepostet habe, habe ich mich trotzdem gefragt, was für Reaktionen wohl kommen würden. In dem Post habe ich dann den Fokus auf das Projekt gelenkt. Das hat ganz gut funktioniert. 

Wie waren die Reaktionen?

Die Leute haben gut reagiert. Viele haben mir geschrieben, dass sie es sehr mutig finden und dass sie das Projekt cool finden und so weiter. Ich habe dann aber auch gemerkt, dass es gar nicht so wichtig ist, was andere Leute darüber denken. 

 
Sunrise, November 2018, Linda Baum

4.700 € sind bisher zusammengekommen

Es gibt auch ein Buch zur Ausstellung, das im Bäßler-Verlag erschienen ist. Wieso hast du dich dazu entschieden, es drucken zu lassen?

Als ich die Diagnose bekommen habe, war es für mich auch wichtig zu hören, wie andere Leute in ähnlichen Situationen damit umgegangen sind. Es hat mir geholfen, die Gedanken von anderen zu lesen. Ich habe mich dadurch weniger alleine gefühlt. Deswegen habe ich mich für das Buch entschieden, denn so kann man die Gedanken zu jedem Bild nachlesen. Die Bilder alleine zu interpretieren finde ich auch schön, aber wenn man dann nachlesen möchte, was das eigentlich bedeutet und was ich in dem Moment gefühlt habe, dann kann man es in dem Buch. 

Die Ausstellung in der Charité und die Online-Auktion sind jetzt schon eine Weile her. Wie ist es gelaufen? 

Gerade gestern ist das Geld überwiesen worden. 4.000 € sind durch den Verkauf der Bilder zusammengekommen, und bisher 700 € durch den Verkauf des Buches. Wir haben aber so viele Bücher drucken lassen, dass wir theoretisch 2000 € mit dem Buchverkauf reinbekommen können. Ich gehe also davon aus, dass noch mehr Geld zusammenkommt.

An wen wird das Geld jetzt gehen?

Ich habe entschieden, die Hälfte des Geldes an die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zu geben und die andere Hälfte an die NAMS-Studie zur Ernährung. Ich glaube, dass man mit Ernährung viel bewirken kann. Die NAMS-Studie macht viel mit MS-Patienten, aber auch mit anderen neurologischen Erkrankungen. Das finde ich auch wichtig. 

Anti-Gravity, January 2018, Linda Baum

Weißt du von keinem der Bilder, wo es gelandet ist?

Doch. Mein Freund hat das zweite Bild aus der Serie gekauft. Es hängt jetzt bei uns zu Hause. Es heißt »Anti-Gravity«, weil ich damals das Gefühl hatte, dass ich in meinem Leben nach der Diagnose noch keine Bodenhaftung gefunden hatte. Als das Bild fertig war, ist mir aber plötzlich klar geworden, dass ich zwar noch keine Bodenhaftung, aber gleichzeitig eine neue Perspektive gewonnen hatte. Es kann auch ein Geschenk sein, so plötzlich alles in Frage zu stellen. Man kann daran wachsen. Ich finde es mittlerweile schön, dass etwas, das eigentlich mal ein schlechtes Gefühl war, jetzt für mich ein positives Bild ist. 

Was kommt als nächstes? Erstmal Elternzeit?

Jetzt ist endlich Elternzeit. Also, vorher hatte ich auch schon Elternzeit, aber ich habe trotzdem ein bisschen gearbeitet. Es ist ganz komisch, dass ich plötzlich so viel Zeit habe. Ich werde es einfach genießen. 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Linda.

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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