Krankheitstage durch psychische Belastung verdoppeln sich

Words by Jana Ahrens
Photography: Arif Riyanto
Frau mit schwarzen Haaren und Brille durch eine Fensterscheibe fotografiert. Sie sitzt an einem Tisch und stützt besorgt den Kopf in die Hände.
Die Zahl der Krankheitstage aufgrund von psychischer Belastung hat sich zwischen 2007 und 2017 deutschlandweit verdoppelt. Am schlimmsten trifft diese Verschlechterung in der psychischen Verfassung von Arbeiternehmern ältere Männer zwischen 60 und 65. Diese Meldung ging schon vor einigen Monaten durch die Presse. Woher kamen jedoch die Daten? Und was ist nach der Veröffentlichung der Daten mit dieser doch recht besorgniserregenden Information passiert? Nicht viel, wenn man der Stille nach dem Aufschrei Glauben schenken mag.
 

Psychische Belastung von Arbeitnehmern – wer wollte das wissen?

 

Die Daten, die zu der schockierenden Erkenntnis führten, dass es deutschen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen psychisch immer schlechter geht, wurden als Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag zusammengestellt und wurden so einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

 

Kleine Anfragen sind hauptsächlich ein Instrument der Opposition, die damit auch die jeweilige Regierung kontrollieren will; oftmals fordert sie Rechenschaft über bestimmte Handlungen, oder sie will Begründungen, warum bestimmte Maßnahmen nicht ergriffen wurden. Außerdem kann sie so Partikularinteressen ihrer Wählerschaft zum Ausdruck bringen, was vordergründig aus wahltaktischen Motiven geschieht.

Wikipedia

 

Bei einer kleinen Anfrage handelt es sich um eine formelle Fragestellung der Opposition an die Regierung, deren Inhalt nur wenige Punkte umfasst und die deshalb einen geringen Rechercheaufwand erfordert. „Wenige Punkte“ – das hieß in diesem Fall, dass es sich um 20 Fragen rund um die arbeitsbezogene psychische Belastung in Deutschland handelte, die Einsicht in vorhandene Daten und eine Stellungname der Regierung zu diesen Daten erforderten.

 

Männer zwischen 60 und 65 am stärksten psychisch belastet

Die Antworten lieferte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Und das Bild, das sich durch die Antworten abzeichnet, fällt äußerst deutlich aus.

 

Die Anzahl der Krankentage, auch AU-Tage (Arbeitsunfähigkeitstage) genannt, die in Deutschland aufgrund von psychischer Belastung genommen wurden, stieg in der Zeit zwischen 2007 und 2017 von 48 Millionen auf 107 Millionen an. Dadurch stiegen die Produktionsausfallkosten im selben Zeitraum von 12,4 Millionen auf 33,9 Millionen an. In realen Zahlen also fast eine Verdreifachung. Prozentual betrachtet stieg der Anteil der krankheitsbedingten Produktionsausfallkosten, die auf psychische und Verhaltensstörungen zurückzuführen sind, von 11 auf 16 Prozent. Doch eigentlich geht es hier ja nicht primär um Kosten, sondern um Einzelschicksale, die einem klaren Trend zu unterliegen scheinen.

 

Deshalb ist es mit Blick auf die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen interessanter, zu betrachten, welche Menschen konkret betroffen sind und ob es Beschäftigungsfelder gibt, die hier besonders herausstechen.

Am stärksten betroffen sind – laut Bundesamt für Arbeit und Soziales – Männer im Alter zwischen 60 und 65. Zwischen 2008 und 2017 stiegen die durchschnittlichen Krankentage in dieser Gruppe von 126 Tagen auf 434 Tage je 100 Arbeitnehmer. Das ist ein Anstieg um 244 Prozent! Und es lassen sich auch Arbeitsfelder ausmachen, die offenbar besonders auf die Psyche schlagen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat 2018 gemeinsam mit dem Bundesamt für Arbeit und Soziales eine Umfrage durchgeführt, in der Arbeitnehmer*innen dazu befragt wurden, welche Arbeitsanforderungen sie als psychisch belastend empfinden. Die erhobenen Daten wurden nach Wirtschaftszweigen getrennt ausgewertet.

Das Fazit lautet: Die psychisch am belastendsten Wirtschaftszweige sind das Gesundheits- und Sozialwesen sowie das Gastgewerbe. Die Aufgaben, die über alle Wirtschaftszweige hinweg die stärkste Belastung auslösen, sind starker Termin- und Leistungsdruck, ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge, die Konfrontation mit neuen Aufgaben, regelmäßige Unterbrechungen bei der Arbeit und die Herausforderung, verschiedene Aufgaben gleichzeitig zu betreuen.

 

Was tun gegen steigende psychische Belastung im Job?

Auch wenn eingeräumt werden muss, dass die Anzahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Belastung zwischen 2016 und 2017 um 2 Prozent zurückgegangen ist, so sprechen die Daten über 10 Jahre hinweg doch eine sehr deutliche Sprache. Besonders hervorgehoben wird hier die sogenannte Gefährdungsbeurteilung, die auch die „geistig-psychische Integrität des Arbeitnehmers“ mit berücksichtigt.

 

Der Druck steigt, und den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen geht es schlechter, obwohl die Arbeitsbedingungen aufgrund von technischen Innovationen und der wirtschaftlichen Situation theoretisch auch besser werden könnten. Auf die Frage, ob die Bundesregierung auf diese kritische Situation mit einer Anti-Stress-Verordnung reagieren wolle, antwortete der Bericht zur kleinen Anfrage allerdings mit einem klaren Nein. Eine psychische Entlastung der Arbeiternehmer*innen lasse sich nicht über weitere Arbeitsschutzverordnungen regeln. Aus Sicht der Regierung gebe es bereits Verordnungen, die Arbeitgeber*innen darin unterstützten, ihre Angestellten vor psychischer Überlastung zu schützen.

 

Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz

 

Arbeitgeber*innen sind über die Gefährdungsbeurteilung gesetzlich dazu verpflichtet, alle Formen der Gefährdung zu erfassen, denen Arbeitnehmer*innen in ihrem Unternehmen ausgesetzt sein könnten. Daraus sollen die Arbeitgeber*innen Maßnahmen ableiten, die ihre Angestellten vor diesen Gefährdungen schützen. Anschließend soll im Rahmen der Beurteilung festgestellt werden, ob die eingeleiteten Maßnahmen den gewünschten Effekt haben. Seit Ende 2013 ist durch das Arbeitsschutzgesetz verpflichtend geregelt, dass auch die Gefährdung durch psychische Belastung bei der Beurteilung erfasst werden muss.

Nicht nur die Arbeitgeber*innen, auch der Betriebsrat ist dazu verpflichtet, die Maßnamen für den Arbeitsschutz zu gestalten.

All diese Schritte sind zwar gesetzlich verankert, es ist jedoch schon seit Längerem fraglich, inwiefern ihre Einhaltung sinnvoll überprüft werden kann. In Punkt 3 der Kleinen Anfrage wird hierzu eine Aussage aus dem Jahr 2011 von Steffen Röddecke, dem damaligen Vorsitzenden des Länderausschusses für Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit, zitiert, in der er verlauten lässt, dass der staatliche Arbeitsschutz durch massiven Stellenabbau in den einzelnen Bundesländern längst an seine Grenzen gestoßen sei.

Es können nur noch die dringendsten Pflichtaufgaben erledigt werden. Der Arbeitsschutz agiert damit wie die Feuerwehr, er löscht, wenn es brennt. Weitere für die Gesundheit wichtige Aufgaben, wie etwa die Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen oder psychischen Fehlbelastungen[,] werden dadurch vernachlässigt.

Steffen Röddecke

 

In gewisser Hinsicht zeigt diese Aussage, dass die Bundesregierung nicht ganz falsch damit liegt, eine weitere Arbeitsschutzverordnung abzulehnen, in der es explizit um Stress geht. Wenn schon die bestehenden Verordnungen nicht ausreichend eingehalten werden, wird auch eine weitere Verordnung nichts am Problem ändern. Offenbar ist eben nicht ein Mangel an Verordnungen das Problem, sondern die mangelnde Fähigkeit des staatlichen Arbeitsschutzes, deren Einhaltung zu kontrollieren.

 

Und deshalb kann es durchaus hilfreich sein, dass die Opposition, dass die Opposition eine Anfrage dieser Art stellt und so die Missstände aufdeckt, die durch den Abbau der Stellen in der staatlichen Überprüfung des Arbeitsschutzes entstehen. Denn was die Entwicklung deutlich zeigt ist: Solange den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern nicht auf die Finger geguckt wird, wird sich an der Tendenz in Richtung größerer psychischer Gefährdungen am Arbeitsplatz nur wenig ändern.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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