Konkurrenz für Facebook: Wie wahr ist Vero wirklich?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Vero
Vero
Neue Konkurrenz für Facebook und Instagram? Seit einigen Wochen herrscht ein Hype um die Social-Media-Plattform Vero, die ohne Werbung und selektierende Algorithmen auskommen will. Doch die Kritik wächst…

Neben Facebook, Instagram, Twitter und Co. gibt es jetzt auch noch Vero. Wobei, ganz so neu ist die App gar nicht: Bereits seit 2015 steht sie zum Download bereit. Doch erst jetzt erlebt das soziale Netzwerk einen richtigen Hype. Der Grund dafür könnte das Versprechen sein: Vero ist lateinisch und bedeutet Wahrheit. Ihren Claim, “True Social” – echt sozial zu sein, haben sich die Entwickler auf die Fahne geschrieben. Keine nervige Werbung oder Algorithmen, die kaum jemand nachvollziehen kann – endlich wieder das angezeigt bekommen, was wirklich interessiert. Das klingt gut und trifft bei vielen Social-Media-Nutzern den richtigen Nerv.

WIE FUNKTIONIERT VERO?

Vero funktioniert ähnlich wie ein Mix aus Instagram und Facebook. Es können Fotos und Videos gepostet, aber auch Filme, Musik, Bücher und Ahnliches geteilt und geliket werden. Neu ist, dass es wieder möglich sein soll, den eigenen Nachrichtenfeed so zu gestalten, wie man es selbst für richtig hält. Das funktioniert, weil Vero vollkommen auf Werbekunden verzichten will. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, eigene Beiträge in den Kategorien “Follower”, “Bekannte”, “Freunde” und “enge Freunde” zu verteilen. Das Bikini-Foto vom Strand? Sehen mit einer unkomplizierten Einstellung direkt vor dem Posten nur die Personen, von denen wir es wirklich wollen. Und egal, was wir posten, wirklich alles soll durchkommen und eben nicht in der Flut an bezahlten News und Anzeigen untergehen. “Im Gegensatz zu den meisten Mitbewerbern basiert das Geschäftsmodell von Vero nicht auf Anzeigenschaltung. Als abonnementbasierter Service sind unsere Nutzer unsere Kunden und nicht das Produkt, das wir an Werbetreibende verkaufen”, heißt es auf der Website.

Da Vero durch den Verzicht auf Werbekunden natürlich auch keine Werbeeinnahmen hat, soll die App durch einen Mitgliedsbeitrag finanziert werden. Die ersten eine Million Anmeldungen waren kostenfrei und werden es auch bleiben. Inzwischen wurde die Aktion verlängert. Ab wann gezahlt werden muss und wie hoch die Gebühr in Zukunft sein wird, wurde bisher noch nicht bekanntgegeben.

Vero App
Kann Vero Facebook & Instagram ersetzen?

VERO: DAS STECKT DAHINTER

Doch wie sieht es nun aus? Kann das “True Social”-Konzept auch unter den strengen Augen der Öffentlichkeit bestehen? Neben anfänglichen Serverproblemen, die die Verantwortlichen mit der Masse an Anmeldungen begründeten, fiel auf, dass sich die Server von Vero aktuell in England – und nach dem vollzogenen Brexit damit künftig außerhalb der EU – befinden. Möglich, dass europäische Datenschutz-Regeln im Ernstfall nicht gelten.

Weiterhin wurden Gerüchte laut, das Unternehmen habe Influencer für die PR bezahlt, die den Hype in den letzten Wochen ordentlich ankurbeln sollte. Gerade für Influencer könnte Vero eine gute Stütze im Follower-Wachstum sein. Die Algorithmen, die beispielsweise bei Instagram das korrekte Ausspielen wichtiger, geldbringender Posts verhindern, gibt es bei Vero nicht. Durch das Influencer-Marketing könnte es indirekt also doch eine Menge Werbung auf der Plattform geben – nur eben nicht von Vero selbst.

Die Anmeldeprozedur ist nicht ungewöhnlich, viele könnten trotzdem ein schlechtes Gefühl bekommen: Wer einen Account erstellt, muss seine Telefonnummer angeben. Sie diene lediglich der Verifizierung und dazu, andere Vero-Nutzer aus der eigenen Telefonliste schneller finden zu können. In den AGBs wird allerdings nicht ausgeschlossen, dass sich zum Unternehmen gehörende Firmen die angegebenen Daten (Name, Mail-Adresse, Telefonnummer, geteilte Inhalte) auch einmal anschauen, um sich diese bei Bedarf zu Nutze zu machen. Für das vollständige Löschen des Profils nimmt sich das Unternehmen übrigens 24 Stunden Zeit.

Ein weiterer Aufschrei wurde durch die Person des Mitgründers und CEOs der Plattform ausgelöst: Ayman Hariri, der laut Forbes ein geschätztes Vermögen von 1,33 Milliarden US-Dollar besitzt. Ein Großteil des gesamten Familienvermögens (das geschätzt bei über 16 Milliarden US-Dollar liegt) soll dabei durch Korruption und Ausbeutung erwirtschaftet worden sein. Zuvor arbeitete Hariri als Geschäftsführer der größten saudi-arabischen Baufirma Saudi Oger. Diese wurde von seinem Vater, Rafiq al-Hariri, der in der Vergangenheit zweimal Ministerpräsident des Libanon war, bevor er 2005 bei einem Anschlag getötet wurde, gegründet. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, soll Saudi Oger 2016 etwa 2000 pakistanische Gastarbeiter nicht ausreichend bezahlt und in mangelhaften Arbeits- und Lebensbedingungen zurückgelassen haben, als das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet. Die Firma stellte 2017 ihre Geschäfte ein.

Schaut man sich die Bewertungen der App an, fallen diese sehr unterschiedlich, in vielen Fällen jedoch negativ aus. Das liegt allerdings zum größten Teil an den Schönheitsfehlern (lange Ladezeiten, Upload-Probleme und Ähnliches), die die App in den Tagen nach dem ersten Ansturm noch hatte. Aber es gibt auch zufriedene User: “Fast perfekt. Es läuft jetzt super, nur ein paar Features wie eine Explorer-Seite oder Ähnliches wäre super. Die Community ist schön dort und auch Vero selber. Man fühlt sich nicht ignoriert.” Wie bei jeder App fallen auch hier skeptische Meinungen auf, die davon ausgehen, die eigenen Daten seien nicht sicher.

Wie groß die Chancen für Vero wirklich sind, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Das Konzept erinnert an Apps wie Path oder Ello, die ebenfalls versuchten, authentische Social Networks zu etablieren – aber sehr schnell von der Bildfläche verschwanden. Weiterhin bleibt abzuwarten, ob und wie sich die Korruptionsvorwürfe um CEO Ayman Hariri auf den Erfolg auswirken werden.

Du möchtest die App selbst testen? Hier kannst du sie dir für iOS und Android herunterladen.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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