Klima-Killer! Müssen wir uns das Autofahren abgewöhnen?

Words by Monda Magazin
Photography: Taneli Lahtinen auf Unsplash
Müssen wir uns der Umwelt zuliebe das Autofahren abgewöhnen?

Alle sprechen über alternative Antriebs‐ und Mobilitätskonzepte. Doch wie sieht es hierzulande aus? Hat Deutschland den Trend verschlafen?

 

Die Antwort lautet »Jein«. Denn die deutschen Konzerne testen alternative Konzepte schon viel länger, als es Dieselskandal und SUV-Umsatz vermuten lassen. Diese Konzepte waren in der Testphase sehr effizient. Warum haben sich die innovativen Entwürfe dann trotzdem nicht durchgesetzt? Nehmen wir beispielhaft den Stuttgarter Daimler‐Konzern, den Erfinder des Automobils: Vor etwas mehr als 25 Jahren, genauer am 13. April 1994, stellte die Marke Mercedes‐Benz unter dem Akronym NECAR, New Electric Car, ein Fahrzeug mit »unter Alltagsbedingungen arbeitenden Brennstoffzellen« vor. 

Die »Elchtest«-A-Klasse

Bereits drei Jahre früher wurde in Stuttgart‐Untertürkheim erkannt, dass es alternativer Antriebe bedarf. Mit dem Beginn der Entwicklung der Studie A, aus der dann ein paar Jahre später die »Elchtest«-A‐Klasse entstand, wurde bereits an alternative Antriebskonzepte gedacht. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Automobilen der damaligen Zeit fehlte die lange Kühlerhaube fast komplett. Der Motor »rutschte« beim Frontalcrash unter Fahrer und Beifahrer durch. Ein reiner Frontantrieb benötigte keine Antriebswelle nach hinten, und das Weniger an Platz wurde durch den erhöhten, doppelten Boden ausgeglichen. Netter Nebeneffekt: Man saß etwas höher, weswegen das Auto vor allem bei älteren Menschen sehr gut ankam. Wichtiger jedoch: Die Studie A wurde – parallel zum Modell mit Verbrenner-Motor – auch als reiner Stromer entwickelt. Im Sandwich‐Boden war genug Platz für die notwendigen Batterien. 

Smarte Entwicklung? 

Zur mehr oder weniger gleichen Zeit wurde auch der Smart – eine Marke, die bis heute Bestandteil des Daimler‐Konzerns ist – entwickelt und am Markt eingeführt. Es war die Trend-Zeit der Swatches: günstige, poppige und anpassbare Schweizer Armbanduhren. Nicolas Hayek, der Gründer der Swatch‐Gruppe, wollte sein erfolgreiches Uhrenkonzept auf die Auto-Welt übertragen. Er scheiterte bei Volkswagen, wurde dann aber – durchaus vorausschauend – von Daimler unterstützt.

Ziel war es, ein kleines, stadttaugliches Fahrzeug zu entwickeln. Hayek selbst dachte an Elektro‐ oder Hybridantrieb, Daimler hingegen wollte den Benziner. Und das ist wirklich bemerkenswert: Auf der einen Seite wird bereits fleißig an der Brennstoffzelle und der elektroantriebstauglichen A‐Klasse gewerkelt. Bei der Entwicklung des Smart wird dieser Antrieb hingegen von Anfang an als nicht tauglich oder vermarktbar eingestuft. Dass das Smart Zweisitzer-Modell Fortwo seit 2012 auch vollelektrisch angeboten wird, kann dann durchaus als Korrektur der damaligen Entscheidung angesehen werden. 

Die Zukunft der Mobilität ist und bleibt ein Problem

Der Daimler‐Konzern war seiner Zeit also eigentlich weit voraus. Vermutlich zu weit. Denn der Staat konnte mit den alternativen Antriebsmodellen noch nichts anfangen. Gerald Hornburg, einer der geistigen Väter der Brennstoffzelle bei Mercedes‐Benz, erzählt in seinem Blog eine bittere Anekdote: Das Wasserstoffbrennstoffzellenfahrzeug weist, abseits von chemisch reinem Wasser, absolut keine chemischen, technischen oder physikalischen Emissionen auf. Trotzdem musste es, um eine Straßenzulassung zu erhalten, zur Abgassonderuntersuchung. Das Ergebnis bei der Untersuchung: Die Abgase waren sauberer als die angesaugte Umgebungsluft für die Brennstoffzelle. 

So weit, so schlecht. Man kann jetzt viele Argumente, teilweise sehr stichhaltige, vorbringen, warum die Elektromobilität vermutlich auch nicht die Lösung des hochverzweigten Problemkomplexes »Zukunft der Mobilität« und Umweltschutz ist. Ideen und Produkte (vielleicht auch noch nicht vollausgereifte) waren und sind aber vorhanden. Der Autoindustrie die Lösung des Problems alleine zu überlassen, ist – je nach Sichtweise – auch nicht zielführend. Wir Verbraucherinnen und Verbraucher sind in der breiten Masse weder in der Lage oder willens, durch unser Verhalten eine Änderung herbeizurufen. Bleiben noch der Staat und die von uns allen gewählten Volksvertreterinnen und ‐vertreter. Die sind aber nicht zu beneiden, da sie nun mal zwischen allen Stühlen sitzen. Die Wirtschaft soll florieren, aber was, wenn es irgendwann keine stabile klimatische Basis mehr gibt, auf der sie florieren kann? Doch eins ist klar: So wie bisher kann es nicht weitergehen.

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Wenn heute über die deutsche Autoindustrie gesprochen wird, sind ganz schnell große Emotionen im Spiel. Die einen sagen, es werde betrogen, gelogen und nichts getan, um die Umwelt zu schützen. Die andere Seite schwingt umgehend die Endzeitstimmungskeule für ganz Deutschland, sollte die Industrie nicht geschützt und wie gewohnt erhalten werden.

 

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