Kita-Krise: Hauptsache trocken und satt?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Paul Hanaoka auf Unsplash
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Kleinkind steht an einer Fensterscheibe und schaut raus
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Wer aktuell auf der Suche nach einem Kitaplatz ist, muss sich ganz weit hinten anstellen und unter Umständen sogar damit rechnen, dass es mit der Betreuung am Ende doch nicht klappt.
 

Die Deutschen sollen und wollen Kinder kriegen. Doch junge Mütter, die laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt mit 29,8 Jahren ihr erstes Kind bekommen, möchten häufig nach spätestens einem Jahr wieder zurück in den Beruf. In vielen Fällen muss das auch so sein, denn unter anderem reicht aufgrund der ständig steigenden Lebenshaltungskosten ein Einverdienergehalt nicht immer aus. Für die Rückkehr in den Job braucht es allerdings einen Kitaplatz. Doch einen solchen zu bekommen, gestaltet sich aktuell immer schwieriger. 

Die empfohlene Fachkraft-Kind-Relation wird immer wieder unterschritten

Schon vor Jahren beklagten sich einzelne Einrichtungen über einen Mangel an Erzieherinnen und Erziehern. Besorgt blicken Eltern und Verbände seither auch auf die Fachkraft-Kind-Relation, die immer wieder unterschritten wird. Eine aktuelle Studie des Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK) offenbart, dass aktuell stolze 95 Prozent der Kitas den empfohlenen Mindeststandard beim Personalschlüssel nicht einhalten können. So passiere es immer wieder, dass mitunter bis zu 18 Kinder von einer einzigen Fachkraft betreut würden. Und selbst, wer einen festen Kitaplatz ergattert hat und fleißig Beiträge zahlt, muss bei Krankheit oder Urlaub sein Kind immer mal wieder zu Hause lassen. Eine Flexibilität, die sich nicht jeder leisten kann. »Die Umfrage offenbart in dramatischer Klarheit, in welchem Ausmaß sich die Versäumnisse der Politik der zurückliegenden Jahre im Kitabereich heute rächen«, kommentiert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). 

Ein*e Erzieher*in betreut sogar bis zu 18 Kinder…

Das »Gute-Kita-Gesetz«

Ein Blick auf die aktuellen Zahlen lässt die Sorgenfalten künftiger Eltern bereits vor der Geburt ihres Kindes wachsen. Laut Experten fehlen in Deutschland fast 300.000 Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren – ein Trend, der sich Prognosen zufolge künftig noch verschärfen könnte. Indes hat der Bund auf den Kitaplatzmangel reagiert: Das Familienministerium will bis 2021 etwa 3,5 Milliarden Euro zusätzlich bereitstellen, um das Angebot und die Qualität zu erhöhen. Das sogenannte »Gute-Kita-Gesetz« soll dafür sorgen, dass der Betreuungsschlüssel verbessert wird, Eltern von Gebühren befreit werden und weitere Erzieher*innen qualifiziert werden. 

 

Das Buhlen um die Kita-Plätze sorgt für Ungleichheit

Doch so schnell wird sich die lange Liste der Versäumnisse der letzten Jahre vermutlich nicht bereinigen lassen. Denn neben dem Personalmangel – laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) benötigen wir derzeit zusätzlich 215.000 Betreuer*innen, um alle Kindergarten-Kinder optimal betreuen zu können – und der steigenden Zahl an Kindern, die einen Ganztagsplatz benötigen, sind auch die schlechte Bezahlung bei großer Verantwortung und hoher Belastung sowie der Platzmangel ein Problem. Viele Kita-Projekte scheitern zudem an fehlenden Räumlichkeiten. Auch werden händeringend Lehrerinnen und Lehrer gesucht, die die Erzieherausbildung überaupt erst möglich machen können. Ein weiteres Problem: Das Buhlen um die Kitaplätze hat inzwischen neue Dimensionen erreicht. Wie in einem Beitrag auf Spiegel Online berichtet wird, versuchen immer mehr Eltern, einen Platz einzuklagen. So entstehe ein System der Ungleichheit, denn klagen würden vor allem Akademiker und nicht unbedingt Hartz-IV-Empfänger oder Flüchtlinge – die Hemmschwelle sei an dieser Stelle zu groß. Daher gebe es inzwischen eine klare Favorisierung bei der Vergabe der Kitaplätze. 

Immer wieder müssen Eltern um einen Platz in der Kita kämpfen.

Die Betreuungssituation hat sich verbessert

Die schwierigen Umstände lassen die durchaus positiven Entwicklungen in den Hintergrund treten. »In den vergangenen Jahren hat sich die Betreuungssituation in Deutschland verbessert: So gibt es jedes Jahr mehr Erzieher und Betreuer in Kindergärten, Horten und Co.«,erklärt IW-Studienautor und -Ökonom Wido Geis-Thöne. »Betrachtet man die Kitas und Horte, für die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfestatistik deutlich differenziertere Angaben vorliegen, ist die Zahl der pädagogischen und im Leitungsbereich Tätigen zwischen den Jahren 2008 und 2018 von 379.000 auf 621.000 gestiegen. Auch beim pädagogischen und Verwaltungspersonal in den Heimen und Tagesgruppen war ein starker Anstieg von 44.000 im Jahr 2006 auf 79.000 im Jahr 2016 zu verzeichnen«, so Geis-Thöne weiter. 

Der erbitterte Kampf um den Kita-Platz

Dass all diese positiven Entwicklungen nicht mithalten können, weiß auch Stephanie B. aus Hamburg. Noch vor der Geburt ihrer Tochter klapperte sie verschiedene Kitas ab und wurde immer wieder weggeschickt. »Ich bin dann mit meinem zwei Wochen alten Baby in die Kitas gegangen, um mich zu bewerben. Dort hieß es dann, wir müssten uns online über ein Kontaktformular oder per E-Mail zurückmelden. Aktuell stehe ich auf 18 Wartelisten in verschiedenen Stadtteilen.« Bis heute hat die junge Mutter keine Zusage – ihre Tochter ist inzwischen 16 Monate alt. »Ich bin am Ball geblieben und habe sogar Excel-Listen mit Erinnerungsfunktionen geführt, damit ich rechtzeitig bei den einzelnen Kitas nachhaken kann.« Vor Kurzem ist Stephanie mit ihrer Familie umgezogen und hat sich rund um ihr neues Zuhause noch einmal bewerben müssen. Doch auch hier hatte sie bisher kein Glück. »Jetzt stehe ich zusätzlich auf Wartelisten, die ab 2021 wieder offen sind – dann ist sie 3 Jahre alt – da braucht sie dann aber keinen Kita-Platz mehr, weil sie dann in die Elementarstufe kommt.« Als Alternative blieben ihr nur noch Tagesmütter – doch auch die werden inzwischen knapp. Dennoch bekam Stephanie nach intensiver Recherche einen positiven Bescheid und wird ihre Tochter künftig zu einer Tagesmutter bringen können. 

Das Problem, so erzählt sie uns weiter, sei vor allem auch, dass die Kitagebühren in Hamburg bis 25 Stunden von der Stadt übernommen würden. Doch so verdienen die Kindergärten kein Geld. Man habe ihr mehrfach geraten, erst gar keine Bewerbung abzusenden, wenn diese nicht für mindestens 35 Stunden sei. »Die wollen keine Kinder, die nur 25 Stunden in die Kita kommen – so finanzieren die sich eben nicht.« Trotz intensiver Bemühungen musste sie ihre Elternzeit um ein halbes Jahr verlängern. »Das ist wirklich ein richtig ärgerliches Thema, das mir schlaflose Nächte bereitet hat. Ich habe zum Glück Chefs, die das Verständnis mitbringen – in meinem Fall war es kein Problem, die Elternzeit zu verlängern. Das ist jedoch keine Selbstverständlichkeit.«

Was es für die Existenz bedeuten kann, wenn Mütter oder Väter es aufgrund der fehlenden Kinderbetreuung nicht wie geplant zurück in den Job schaffen, ist für nicht Betroffene kaum vorstellbar. Dass sich schnellstmöglich etwas ändern muss, ist klar. In Bremen ist der Anteil der Kinder unter drei Jahren ohne Betreuungsplatz übrigens mit 20,2 Prozent am größten. Es folgen Nordrhein-Westfalen (16,2 Prozent) und Rheinland-Pfalz (16,0 Prozent). In Mecklenburg-Vorpommern sind es »lediglich« 3,1 Prozent der Kinder unter drei Jahren, die aktuell keinen Betreuungsplatz haben. Ob das »Gute-Kita-Gesetz« die zahlreichen Lücken wie geplant schließen kann, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

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Politik

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

Uli
#1 — vor 1 Monat 2 Wochen
Wenn man sich die Karte anschaut, kommen einige Fragen auf. Warum klappt es im Osten ? Klar doch, die Hausmuetterchen lebten wohl im Westen. Irgendwann, sind die Frauen dann auf die Idee gekommen, auch zu arbeiten. Da fehlte dann wohl die Infrastuktur. Bis heute. Ich brauchte das damals als alleinerziehender Vater im Schichtdienst. Hat geklappt ! Beide stehen im Leben und im Beruf ! Ich in Fast - Rente. Die Politik verspricht sehr viel, wenn der Tag lang ist und nach der Wahl hat man keine Erinnerung mehr !

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