Wie viel Kinderarbeit steckt in unseren Smartphones?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Rawpixel auf Unsplash
Eine Frau hält ein Smartphone in ihrer Hand
Die Arbeit in den Minen ist zum Teil lebensgefährlich: Um ein Smartphone herzustellen, bedarf es zahlreicher Rohstoffe, an deren Beschaffung auch immer noch Kinder beteiligt sein sollen. Wie kann das sein?
 

Vor Kurzem haben wir einen Artikel veröffentlicht, in dem wir uns die einzelnen Bestandteile eines Smartphones näher angeschaut haben. Um die 60 Rohstoffe werden benötigt, um diesen für uns so selbstverständlich gewordenen Alltagsgegenstand herzustellen. Darunter fallen auch Mineralien, die immer seltener werden oder in den Herkunftsländern unter menschenunwürdigen Bedingungen geborgen werden müssen. Anstatt zur Schule zu gehen, sollen auch immer wieder Kinder stundenlang damit beschäftigt sein, die Rohstoffe herauszufiltern – denn viele der Familien sind auf die zum Teil absurd niedrigen Löhne angewiesen.

Kinder arbeiten bis zu 12 Stunden

In einem gemeinsamen Bericht der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Afrewatch (African Resources Watch) aus dem Jahr 2016 heißt es dazu, dass alle großen Smartphone- und Elektronikhersteller ihre Produkte mithilfe von Kinderarbeit herstellen. »Die glamuröse Art, wie die modernen Technologien vermarktet und in den Läden zur Schau gestellt werden, steht in einem krassen Gegensatz zu den Kindern, die säckeweise Steine schleppen, und den Minenarbeitern in engen künstlichen Tunneln, die einen dauerhaften Lungenschaden riskieren«, sagt Mark Dummett, Forscher für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International. Der Organisation zufolge arbeiten die Kinder bis zu 12 Stunden am Tag in den Minen und tragen schwere Lasten, um zwischen ein und zwei Dollar pro Tag zu verdienen. Laut UNICEF haben  im Jahr 2014 rund 40.000 Kinder in Minen im Süden der Demokratischen Republik Kongo gearbeitet. Viele dieser Kinder sollen vorrangig am Kobaltabbau beteiligt gewesen sein. Aber wieso ist das so und weshalb kann die menschenunwürdige Arbeit und vor allem die Kinderarbeit nicht umgehend von den zahlreichen Unternehmen, die auf die Erze angewiesen sind, unterbunden werden?

Kinder arbeiten bis zu 12 Stunden in den Minen.

Nur etwa zehn Prozent aller Minen im Kongo sind zertifiziert

US-amerikanische Elektronikhersteller müssen sich seit 2010 an das sogenannte Dodd-Frank-Gesetz halten. Unter anderem verpflichtet dieses alle in den USA aktiven Hersteller zur Dokumentation der von ihnen verwendeten Metalle und Seltenen Erden. Seitdem das Gesetz in Kraft getreten ist, versuchen viele Hersteller vermehrt, ohne die sogenannten Konfliktmetalle auszukommen und ihre Lieferketten offenzulegen. Doch wirklich sicher sind diese Angaben nicht.

In kongolesischen Minen arbeiten schon Kinder ab sieben Jahren unter lebensgefährlichen Bedingungen, um Kobalt für Elektrogeräte abzubauen, die aus dem Verbraucheralltag nicht mehr wegzudenken sind. Bedeutende globale Elektronikhersteller wie Apple, Samsung oder Sony können nicht garantieren, dass in ihren Produkten kein Kobalt aus Kinderarbeit genutzt wird.

Amnesty International

Zu einem der wichtigsten Metalle, die für die Smartphone-Herstellung benötigt werden, gehört Kobalt. Es befindet sich in den Lithium-Ionen-Akkus aller Mobilgeräte. Fast zwei Drittel der Weltproduktion stammen aus den Minen des Kongo. Von dort aus gelangen die Erze direkt nach China, wo sie geschmolzen und raffiniert werden. Einer der größten Mineralverarbeiter im Land ist die Zhejiang Huayou Cobalt-Tochterfirma Congo Dongfang Mining (CDM). Mehr als 40 Prozent des dort verarbeiteten Kobalts stammen aus der Demokratischen Republik Kongo. Und schon an dieser Stelle wird es kniffelig, denn die genaue Herkunft der Rohstoffe lässt sich nur schwer zurückverfolgen. Laut des Berichts von Amnesty International kaufen die chinesischen Bergbaukonzerne in Afrika Rohstoffe über Mittelsmänner ein. Diese Rohstoffe werden bei der Verarbeitung mit den Erträgen der chinesischen Minen vermischt. Hinzu kommt, dass nur etwa zehn Prozent aller Minen im Kongo zertifiziert sind und auch nicht-zertifizierte Minen einfach weiterproduzieren.

 

Unternehmen müssen mit China zusammenarbeiten

Wie viele Menschen bei der Bergung der Rohstoffe, die nicht nur in Smartphones, sondern auch in Laptops, Fernsehgeräten, Autos und vielen weiteren Gebrauchsgegenständen landen, verschüttet werden oder wie viele Kinderhände wirklich involviert sind, lässt sich auch bis zum heutigen Tag nicht zweifelsfrei belegen. Wieso also nicht von China loslösen und im Westen produzieren? In einem Beitrag auf Welt.de heißt es, dass unter anderem der Rohstoff Coltan eine Zeit lang im Norden Kanadas abgebaut wurde. Innerhalb weniger Jahre führten allerdings neue Umweltschutzvorschriften in den USA und Kanada dazu, dass sich das Geschäft für westliche Produzenten nicht mehr lohnte.

Die Missbräuche in den Minen bleiben häufig unkommentiert.

Die Missbräuche in Minen bleiben vor den Augen vieler Menschen verborgen, weil die Verbraucher auf den heutigen globalen Märkten keine Ahnung von den Bedingungen in den Minen, Fabriken und von der Produktionskette haben. Wir haben festgestellt, dass Händler Kobalt kaufen, ohne zu fragen, wie und wo es abgebaut wurde.

Emmanuel Umpula, Geschäftsführer von Afrewatch

Die Vorgaben wurden zu streng und die Produktion zu teuer. »Infolgedessen machten praktisch alle westlichen Produzenten von Seltenen Erden zu«, sagt James Kennedy, Leiter der Thorium-&-Rare-Earth-Element-Beratung in St. Louis in Missouri, so heißt es in dem Beitrag. »Diese Vorschriften sind verantwortlich für das Ende der westlichen Produktion. China dagegen hatte keine Vorschriften, sodass der Großteil der Industrie dorthin abwanderte.« Der Experte ist sich sicher, dass allein fünf amerikanische Minen den gesamten Weltbedarf decken könnten. Um das zu gewährleisten, müsste der US-Kongress jedoch die strikten Vorschriften lockern und westliche Hersteller müssten investieren, um eine Lieferkette außerhalb Chinas aufbauen zu können. Doch so lange das nicht der Fall ist, gilt: Wer auf Seltene Erden angewiesen ist, kommt aktuell nicht an China vorbei.

Und so suchen viele Tausende Menschen in selbstgebuddelten Schächten weiter auf eigene Faust nach dem begehrten Rohstoff – auch ohne Erlaubnis. Nach dem Verkauf des Erzes müssen hin und wieder Minenaufseher und die Polizei bestochen werden. Doch auch sie lassen sich auf das Geschäft ein und tragen dazu bei, dass die Ärmsten unter den Armen ihr Leben riskieren.

Die Weltkonzerne haben kaum eine Wahl: Die drei wichtigsten Hersteller von Batteriekomponenten für die gesamte Branche produzieren in China und Südkorea. Die Unternehmen befinden sich somit in einer Abhängigkeit und müssen sich dabei auf die Angaben ihrer Partner verlassen. Doch genau dieses Vertrauen sollte ganz dringend wesentlich häufiger hinterfragt werden.

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Politik

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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