KI-App macht Datenschutz für dich leichter

Words by Jana Ahrens
Photography: Iris Wang
Frau mit langen schwarzen Haaren an einem Schreibtisch stützt den Kopf auf die linke Hand und schaut konzentriert auf einen Laptop

Liest du von jeder App, die du auf deinem Telefon oder deinem Tablet installierst, vorher die AGB? Nein? Dann befindest du dich in bester Gesellschaft. Studien haben ergeben, dass nur ca. 0,001 % der Internetnutzer überhaupt auch nur damit anfangen, die AGB zu lesen, bevor sie diese akzeptieren. Jetzt gibt es eine App, die dich vor Datenfallen schützen kann, auch wenn du nicht die kompletten AGB liest. Die App heißt Guard und arbeitet mit künstlicher Intelligenz.

 

Das bislang kurzlebigste Meme des Jahres 2019? Der Age-Filter von FaceApp. Nachdem viele Social-Media-NutzerInnen die Face-App bereits genutzt hatten, um ihr künstlich gealtertes Gesicht mit Freunden und Familie zu teilen, stellte sich heraus, dass die App Unmengen an Daten von den Geräten sammelte, auf denen sie installiert war. Oft wurde geschrieben, diese Daten würden »gestohlen«. Doch das ist nicht ganz richtig.

 

 

Alle NutzerInnen, die FaceApp auf ihren Geräten installiert hatten, hatten durch ihre Zustimmung zu den Datenschutzbestimmungen der App aktiv die Erlaubnis erteilt, auf gespeicherte Fotos zuzugreifen, und der Freigabe ihrer Daten zugestimmt. Wie kann das sein?

So übersehen wir Datenrisiken

Dass wir alle kaum noch dazu in der Lage sind, alle Datenschutzbestimmungen, denen wir bei der Nutzung digitaler Services begegnen, in Ruhe durchzulesen, ist ein alter Hut. Nicht nur die schiere Masse der genutzten Apps, sondern auch die rechtlichen Formulierungen und das Kleingedruckte machen die Sache schwierig. Deshalb finden sich viele NutzerInnen bereits damit ab, ihre Daten mit Services zu teilen und in der Konsequenz einen Teil ihrer Privatsphäre aufzugeben. Im Fall von FaceApp war es vor allem die Kombination aus Datenschutzbestimmungen in den AGB und einer harmlos wirkenden Aufforderung, der App Zugriff auf die Fotos zu gewähren, die das Ganze so brisant machte. Denn dass die NutzerInnen mit einem kleinen Klick auf »Ok« dem folgenden Passus zustimmten, war wohl den wenigsten klar:

 

Sie gewähren FaceApp unbefristete, unwiderrufliche, nichtexklusive, gebührenfreie, weltweite, vollständig abgegoltene, übertragbar lizensierbare Erlaubnis, ihre Inhalte zu nutzen, zu reproduzieren, zu modifizieren, zu adaptieren, zu veröffentlichen und zu übersetzen, sowie diese zu verbreiten, öffentlich vorzuführen und auszustellen, verbunden mit jedweder Form von Namen, Nutzernamen oder Ähnlichkeit, die durch ihre Daten mit dem Inhalt verbunden sind. Dies bezieht sich auf alle heute bekannten Medienformate und Kanäle, sowie alle die in Zukunft entwickelt werden. Quelle: FaceApp

 

Das ist die liberalste Form einer Datenschutzbestimmung, die vorstellbar ist. Da dieser Absatz jedoch Teil der sehr langen AGB ist und wir uns daran gewöhnt haben, diese mit einem schnellen Klick abzuhaken, ist diese Aufforderung der eigentliche Moment der Wahrheit:

 

 

In dem Moment, in dem NutzerInnen hier auf »Ok« klicken, werden die Fotos aus der Foto-Bibliothek mit all ihren Meta-Daten für FaceApp freigegeben. Sprecher der App sagen zwar, dass sie nur die Fotos in ihrer eigenen Cloud speichern, die auch in der FaceApp genutzt werden. Dies ist jedoch für NutzerInnen nicht überprüfbar. Auch wie lange Fotos gespeichert werden und wofür sie – neben den App-Angeboten – noch genutzt werden, bleibt im Dunklen. 

 

Guard filtert mithilfe von künstlicher Intelligenz Datenschutzbestimmungen

Die App Guard setzt dieser Form von Manipulierung jetzt etwas entgegen. Sie arbeitet mit einem neuronalen Netz – einer Art künstlicher Intelligenz –, das sich wiederholende Muster erkennt. So versuchen die Macher der App Probleme, die durch Technologie entstehen, mit Technologie zu lösen. Auf diese Weise scannt Guard die Datenschutzbestimmungen von Online-Services. Guard analysiert sie auf etwaige Datenschutz-Risiken für NutzerInnen. Diese werden dann auf der Guard-Webseite übersichtlich aufgelistet. So machte Guard transparent, dass die App Tinder private Konversationen und User-Matches mit Dritten teilen darf, wenn UserInnen den Datenschutzbestimmungen zustimmen, während sich Netflix vorbehält, jede Form von Daten über NutzerInnen jederzeit zu sammeln, weiterzuleiten oder offenzulegen.

 

Auch bereits in der Vergangenheit liegende Skandale zum Thema Datenschutz werden dabei in die Bewertung aufgenommen. Die Skala der Bewertung ist alphabetisch, feindifferenziert mit Plus- und Minus-Markierungen, sowie farblich geclustert. So erhalten die Bestimmungen von Mozilla ein grünes A, die der Kommunikationsapp Telegram sogar ein grünes A+, während Spotify mit einem roten D und Tumblr sogar mit einem roten F nicht besonders gut abschneiden. Warum das so ist, lässt sich bei Guard nachlesen.

Diese Apps wurden bereits von Guard analysiert.

 

Bisher hat Guard die Datenschutzbestimmungen von 22 besonders populären Online-Services ausgewertet und auf Gefahren für die Nutzer untersucht. Zwar ist es noch nicht möglich, Guard individuell auf die Datenschutzbestimmungen einer Wunsch-App anzusetzen. Doch das soll sich – mithilfe der Guard-Community – bald ändern. Es gibt zwei Möglichkeiten, die Entwickler von Guard bei ihrer Arbeit zu unterstützen. NutzerInnen können neue Apps vorschlagen, die analysiert werden sollen. Oder sie können helfen, den Algorithmus der App selber zu trainieren. Über einen simplen Test mit A- und B-Antworten lernt das neuronale Netz, auf welche Formulierungen es in den komplexen Dokumenten zum Datenschutz achten muss.

Im Guard Play Modus könnt ihr die künstliche Intelligenz hinter der App trainieren. Bisher nur auf Englisch.

 

Noch gibt es den Service ausschließlich auf Englisch. Doch je mehr das neuronale Netz lernt und je mehr Guard genutzt wird, umso weiter kann sich der Service auch international entwickeln. Das heißt: Wenn ihr könnt, macht mit, schlagt Apps vor und trainiert die App. Damit eure Daten in Zukunft ein bisschen sicherer sind.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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