Kann Wirtschaft ohne Wachstum den Klimawandel stoppen?

Words by Jana Ahrens
Photography: Simon Peel
Britischer, altmodischer Straßenzug mit einem Graftiti: Get rich or try sharing.

Auf welcher Grundlage können Länder, Gemeinschaften und Gesellschaften langfristig und gesund existieren? Seit Anfang des 20. Jahrhunderts lautete die Standard-Antwort vieler Fachleute, Unternehmer*innen und Politiker*innen: durch Wirtschaftswachstum. Solange die Wirtschaft Arbeitsplätze biete und genug Steuergeld in die Staatskassen spüle, sei eine komfortable Zukunft gesichert. Diese Denkweise ist durch Postwachstumsökonomen in die Kritik geraten.

 

Was kritisieren die Postwachstumsökonomen? Aus ihrer Sicht sind an die Idee von stetigem Wachstum viele beunruhigende negative Entwicklungen geknüpft. Dazu gehören die Umweltverschmutzung, die finale Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die ständige Beschleunigung unseres Lebensstils. Alle drei Aspekte sind ein beängstigender Teil unserer Gegenwart. Sie lassen sich nicht mehr wegdiskutieren und machen sich immer deutlicher auch finanziell bemerkbar. Die Kosten und Folgen dieser negativen Aspekte müssen über das Gesundheitssystem, die Infrastruktur und die Verknappung von Ressourcen früher oder später von uns allen getragen werden.

…unsere Erde ist nicht unendlich. Je mehr sich die menschliche Aktivität den Grenzen der irdischen Kapazitäten nähert, umso sichtbarer und unlösbarer werden die Schwierigkeiten.

Die Grenzen des Wachstums

Schon seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts haben sich Wirtschaftswissenschaftler kritisch mit der Idee des stetigen Wachstums auseinandergesetzt. Die Hintergründe wurden in der Bewegung der Postwachstumsökonomie zusammengefasst. Sie basiert auf ein paar prägnanten grundlegenden Ideen:

Planetare Grenzen

Gerade in der westlichen Welt sind wir viel mehr auf nicht-erneuerbare Ressourcen wie fossile Brennstoffe oder Bodenschätze angewiesen, als uns im Alltag bewusst ist. Hinzu kommt, dass die letzten Jahrzehnte des Wachstums zur Folge haben, dass die Umwelt uns weltweit immer schlechtere Bedingungen für Landwirtschaft und Ernährungsentwicklung bietet. Kurzum: Unser Planet, und mit ihm das globale Wirtschaftswachstum, gerät an seine Grenzen. Scheint erst einmal logisch, ist aber im klassischen Modell des Wirtschaftswachstums einfach nicht vorgesehen. Diese planetaren Grenzen sind in vielen Sektoren bereits erreicht.

 

 

Peak Oil und Peak Everything

Eine der ersten Grenzen, die schon im 20. Jahrhundert zu einem wichtigen Thema wurde, war das sogenannte »Peak Oil«, auch »Globales Ölfördermaximum« genannt. Der Geologe Marion King Hubbert prophezeite 1974, dass die maximale Fördermenge von Öl schon im Jahr 1995 erreicht würde und die Reserven von da an stetig schwinden würden. Diese These wurde von vielen Seiten angezweifelt, jedoch ging es dabei primär um die Frage der richtigen Rechenmethode. Selbst die US-amerikanische Energy Information Administration, die wesentlich optimistischer rechnete als Hubbert, stellte für sich fest, dass das Plateau der Ölförderung bereits 2005 erreicht würde. Die Tabelle unten zeigt, wie uneinig sich die Wissenschaft darüber war, wann das »Peak Oil« eingetreten ist (oder eintreten würde). Dass es irgendwann eintritt, darüber waren und sind sich die Wissenschaftler*innen allerdings einig.

 

Seit 2008 sprechen Wissenschaftler wie Howard Kunstler und Richard Heinbein nicht mehr nur noch von »Peak Oil«, sondern von »Peak Everything«. Zur Liste der knapper werdenden Ressourcen gehört seitdem nicht mehr nur noch Öl, sondern es gehören auch Kohle, Gas, Getreide, berechenbare Wetterlagen, Trinkwasser und Mineralien wie Erz und Platin dazu.

 

Wir alle wissen von nun an, wie Realitätsverweigerung auf dem Macro-Level funktioniert.

Howard Kunstler für Richard Heinbein

Okay, das sind jetzt insgesamt 9 Ressourcen, die knapp werden. Lässt sich da schon guten Gewissens von einem »Peak Everything« reden? Ja, denn interessant wird es, wenn wir einen Blick darauf werfen, auf welche Wirtschafts- und Versorgungszweige Engpässe in diesen 9 Ressourcen Auswirkungen haben. Dazu gehören unter anderem die folgenden: die Lebensmittelproduktion, die weltweite Logistik, der private Nah- und Fernverkehr und jede Form von Wirtschaft oder anderer Aktivität, die auf Strom angewiesen ist. Das ist – im Grunde genommen – tatsächlich unser ganzes Leben.

 

Dabei ist es wichtig zu ergänzen, dass es bei der Idee vom »Peak Everything« nicht primär darum geht, dass uns bestimmte Ressourcen komplett ausgehen. Die These zeigt vielmehr auf, dass die wirtschaftliche Idee des Umgangs mit Ressourcen während der letzten Jahrzehnte folgendermaßen aussah:

Zuerst beuten wir die Ressourcen aus, die für den geringsten Preis auf die einfachste Art nutzbar gemacht werden können. Im Anschluss steigt die Nachfrage nach den knapp gewordenen Ressourcen so stark an, dass es sich finanziell lohnt, auch sehr viel schwieriger ausbeutbare Quellen für diese Ressourcen zu erschließen.

 

 

Am Beispiel Gas wäre das die neue Technologie des Frackings, bei der Chemikalien in harte Steinböden eingeleitet werden, um sie so porös zu machen, dass Gas-Einschlüsse aus diesen Böden extrahiert werden können. Diese neue Methode ist nicht nur sehr viel teurer, sondern auch weitaus umweltschädlicher als die althergebrachten Methoden der Gas-Gewinnung. Die Umweltverschmutzung beim Fracking hat wiederum großen Einfluss auf die Verfügbarkeit anderer Ressourcen wie sauberem Trinkwasser oder beackerbarem Boden. Diese werden dann ebenfalls nicht nur knapper, sondern auch teurer.

Dieses Beispiel zeigt, dass es mit der Zeit immer schwieriger werden wird, das Wirtschaftssystem, das heute als Standard gesehen wird – und das größtenteils auf der Verfügbarkeit billiger Energiequellen basiert – aufrechtzuerhalten.

Reichtum als Glücksquelle ist endlich

Hinzu kommt, dass die Idee vom unendlichen Wirtschaftswachstum unter anderem auf einer Idee von Abgrenzung durch Anhäufung von Konsumgütern basiert. Unsere Motivation für Innovation und intensiven Arbeitseinsatz ist also – etwas simpel ausgedrückt –, uns größere und neuere Autos, opulentere Vorgärten oder teurere Luxusurlaube als andere leisten zu können. Die gesellschaftliche Entscheidung darüber, wer »besser« und »schlechter« ist, wird also häufig auf Basis von Konsumentscheidungen getroffen.

Mehr Geld kann das soziale Wohlgefühl verbessern, wenn es gleichzeitig heißt, dass es Menschen aus der Armut befreit, oder diese Menschen in Entwicklungsländern leben. Aber das Einkommen scheint das soziale Wohlgefühl auf lange Sicht wenig zu verbessern, wenn es sich bei den Mehrverdienenden um Individuen handelt, denen es bereits gut geht und deren materielle Wünsche mit dem Mehr an Einkommen ständig ansteigen.

Ed Diener, Robert Biswas-Diener

Doch psychologische Studien haben ergeben, dass wir ab einem gewissen Grad von Wohlstand und Konsum nicht mehr glücklicher werden. Mit der Anhäufung von Statussymbolen und steigendem Reichtum werde das Leben irgendwann nicht mehr besser, sondern komplizierter. Denn es verlange uns mehr Verantwortung und zahlreichere Verpflichtungen ab. Zudem steige die Sorge vor dem finanziellen und damit gesellschaftlichen Absturz.

Umweltzerstörung und der Rebound-Effekt

»Peak Oil« und »Peak Everything« deuten bereits darauf hin, dass es vor allem die Umwelt ist, die unter der Idee des grenzenlosen Wirtschaftswachstums zu leiden hat. Optimisten vertreten allerdings die Ansicht, das Wirtschaftswachstum könne auch dazu führen, dass die ökologische Zerstörung mithilfe von technischen und wissenschaftlichen Neuentwicklungen aufgehalten wird. Die Logik hinter dieser Argumentation: Nicht das Wachstum als solches sei das Problem. Entscheidend sei vielmehr, wofür wir das Wachstum einsetzen. Mit Umdenken und umweltfreundlichen Innovationen könne das stetige Wirtschaftswachstum beibehalten werden. Das zweifeln die Vertreter*innen der Postwachstumsökonomie an. Ihre Kritik bedient sich des sogenannten Rebound-Effekts.  Darunter versteht man den Effekt, dass sich Effizienzsteigerungen nicht zwangsläufig in Einsparungen niederschlagen, sondern dazu führen, dass einfach mehr konsumiert wird, so dass ihr Potenzial quasi verpufft.

 

 

Ein einfaches Beispiel für diesen Effekt sind Energiesparleuchten. Wie der Name schon sagt, wurden sie entwickelt, damit weniger Energie verbraucht würde. Doch die Effizienz dieser Leuchtmittel und die Tatsache, dass sie irgendwann sehr günstig hergestellt werden konnten, führte dazu, dass die Menschen inzwischen sehr viel mehr Leuchtmittel einsetzen, als sie es jemals zuvor getan haben. Unterm Strich ist der Energieverbrauch also gleichgeblieben, es gibt jetzt einfach mehr Leuchtmittel. Da die Energiesparleuchten aber zugleich weniger Hitze abstrahlen, muss in Ländern mit langen (dunklen) Wintern mehr geheizt werden. Was zu einem weiteren Anstieg des Energieverbrauchs führt. Das heißt natürlich nicht, dass Energiesparleuchten schlecht sind und die Rückkehr zu altmodischen Glühbirnen das Problem lösen würde. Doch aus postwachstumsökonomischer Sicht ist dieses Beispiel ein Beleg dafür, dass sich eine Wende im Umgang mit Ressourcen nur durch das Ende des Wachstumsglaubens einleiten lässt. Doch der Glaube an die Kraft des Wirtschaftswachstums bleibt dort ungebrochen, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden.

40 Jahre nach den Grenzen des Wachstums und 20 Jahre nach dem Erdgipfel von Rio de Janeiro, der eine Entwicklung anstoßen sollte, die das Einhalten dieser Grenzen sicherstellt, spitzen sich die ökologischen Probleme zu und die Grenzen des Wirtschaftswachstums der letzten Jahrzehnte werden spürbar. Doch zugleich halten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nachdrücklich am Wachstumsmodell fest.

Irmi Seidl und Angelika Zahnt

 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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