Jungs, wir haben ein Problem!

12.04.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro

Intensive, enge Freundschaften werden zunehmend wichtiger. Doch offenbar haben vor allem Männer Probleme damit, soziale Kontakte zu pflegen und neue Bekanntschaften zu knüpfen. Woran liegt das, und was haben klassische Rollenbilder damit zu tun?

Schon länger beobachten Psychologen ein Phänomen, das vor allem der modernen Kommunikation zu Lasten gelegt wird: Obwohl es noch nie so leicht war, mit Menschen in Verbindung zu treten, fällt es uns offenbar immer schwerer, soziale Kontakte zu knüpfen oder aufrechtzuerhalten. Wir chatten, schreiben, kommunizieren – doch meist bleibt es bei einer oberflächlichen Bekanntschaft. Von wahrer Freundschaft, die für uns im wahrsten Sinne lebensnotwendig ist, entfernen wir uns immer weiter. Wer kaum gesellschaftliche oder soziale Kontakte hat, kann in einen Strudel aus Einsamkeit geraten.

In seinem Buch “Einsamkeit – Woher sie kommt, was sie bewirkt, wie man ihr entrinnt” bezeichnet der US-Psychologe John Cacioppo dieses Gefühl als Warnsignal. Fühlt man sich einsam, werden dieselben Hirnareale aktiviert wie bei körperlichem Schmerz. Während eine Depression Menschen bremst, versucht das Gefühl der Einsamkeit, Menschen zu aktivieren, damit sie in die Gemeinschaft zurückfinden. Gelingt es nicht, Freundschaften zu aktivieren, kann das die Gesundheit gefährden. Dabei fühlen sich sogar Menschen einsam, die sich in festen Beziehungen befinden. Das Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner kann sehr hilfreich sein. Doch es wirkt anders als jenes mit einem guten Freund. Als soziale Wesen sind wir abhängig von regelmäßigem Austausch, von Zuneigung, Trost und Verständnis.

Der einsame Mann…

Vor allem Männer geraten mit zunehmendem Alter in die Einsamkeit, wie eine Studie der Harvard University belegt. Robert Waldinger, Psychiater und Psychoanalytiker, ist derzeitiger Leiter der “Harvard Study of Adult Development”. Er führt die Untersuchungen fort, die vor mehr als 75 Jahren begannen. Deren Ziel ist es bis heute, herauszufinden, was uns gesund und glücklich macht. Angefangen hat alles mit Professor Arlie Bock, der 268 männliche Harvard-Studenten untersuchte. Frauen waren an der Universität damals noch nicht zugelassen – so kam es zu diesem Fokus auf das männliche Geschlecht. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die konkreten Ziele der Studie immer mal wieder verschoben – das Wesentliche ging dabei aber niemals verloren: Die Untersuchung der Verbindung zwischen Körper und Geist.

Allen Männern der Studie wurde immer wieder die gleiche Frage gestellt: Wen würdest Du mitten in der Nacht anrufen, wenn du krank oder ängstlich wärst? Es stellte sich heraus, dass Männer, die jemanden hatten, an den sie sich wenden konnten, glücklicher mit ihrem Leben und ihrer Ehe waren. Zusätzlich konnte festgestellt werden, dass es eine Verbindung zwischen den Antworten der Männer auf diese Frage und ihrer körperlichen Gesundheit gab. Waldinger erklärt, dass die Studie eindeutig belegt, dass Menschen, die engere Beziehungen haben, länger leben, seltener chronische Krankheiten entwickeln und im Durchschnitt weniger krank werden als Menschen, die keine engen Beziehungen pflegen. Andersherum führen als negativ empfundene Beziehungen dazu, dass körperliche Schmerzen, besonders im Alter, verstärkt werden.

Einsamkeit kann Männer krank machen
Bildquelle: Unsplash

Jedes Leiden verursacht Depression, wenn es nur lange genug anhält

– Charles Darwin

Durch die damaligen Umstände scheint die Studie wenig repräsentativ. Robert Waldinger und sein Team arbeiten jedoch schon seit einigen Jahren weiter an den Theorien. Und auch andere Forscher sehen hier ein großes und voranschreitendes Problem: die soziale Isolation unter Männern.

Stereotyp Mann: Stark. Unabhängig. Smart.

Als Grund dafür wird immer wieder das Stereotyp des Mannes genannt, das es uns häufig unmöglich macht, aus gewohnten und erlernten Mustern auszubrechen. Im Allgemeinen werden Männer als das starke Geschlecht definiert. Sie dürfen keine Schwächen zeigen. Überzogen gesagt, sollen sie sportlich und gebildet, einfühlsam und durchsetzungsfähig, liebevolle Väter und Ehemänner sein – dabei aber auch nie die Karriere aus den Augen verlieren. Wer sich labil zeigt oder sogar einen Zusammenbruch erleidet, gilt als Verlierer oder Versager. Dass das nicht stimmt, ist uns eigentlich klar. Das in den Köpfen verfestigte Rollenbild sagt aber offenbar etwas anderes.

Allerdings möchten sich immer mehr Männer bewusst auf den Spagat zwischen dem “muskelbepackten Beschützer”, der die Familie ernährt, und dem liebevollen Ehemann, der auch zu Hause gleichberechtigt als “Hausmann” mit anpackt, einlassen. Doch auch das gestaltet sich als schwierig: “Die Geschlechterrollen werden von unserem Umfeld geprägt. Ganz traditionell gesehen ist es so, dass der Mann sich in erster Linie im Beruf entwickelt. Das Bild des Hausmannes wird nicht unterstützt. Auch nicht von den Frauen. Eher einigen sich beide darauf zu arbeiten. Auf der anderen Seite bedeuten Rollenbilder aber auch Entlastung und Erleichterung. Wenn wir anfangen sie aufzubrechen, müssen wir immer wieder neu überlegen, was wer macht”, erklärt Diplom-Psychologe Jens Lönneker, Chef der Marktforschungsagentur Rheingold Salon im Gespräch mit uns.

Einsamkeit fördert Depressionen, Aggressionen und Alkoholismus

Bereits im Kindesalter werden Jungen darauf getrimmt, zu erfolgreichen, starken Männern zu werden. Gefühle zu zeigen und darüber zureden ist laut Stereotyp Sache der Mädchen. Die Angst, als zu verweichlicht wahrgenommen zu werden, begleitet viele Männer ein Leben lang. Darüber hinaus neigen sie dazu, Themen der Außenwelt in den Vordergrund zu stellen. Was beispielsweise in der Politik oder im Sport geschieht, wird ohne Probleme diskutiert. Geht es hingegen um sie selbst und ihre eigene Gefühlswelt, schweigen viele Männer. Dadurch gelten sie zunehmend als gefährdet, bestimmte psychische Störungen zu entwickeln. Einsamkeit und soziale Isolation können die Folge sein. “Männer neigen dazu, schnell zu vereinsamen, weil ein wesentlicher Teil der sozialen Beziehungen über das berufliche Umfeld definiert ist”, erklärt Jens Lönneker.

Jens Lönneker weist außerdem darauf hin, dass Vereinsamung und soziale Isolation nicht nur dazu führen können, dass wir krankheitsanfälliger werden und die Lebenserwartung stark sinkt. Mit der Zeit treten immer weitere Verhaltensweisen auf, die den sozialen Umgang zusätzlich erschweren. Da Wärme und Feedback fehlen, nimmt die eigene Wertschätzung ab. Auch der Fokus auf gesunde Ernährung und die eigene Körperpflege lässt nach. Eine solche Sinnkrise kann sogar zum Alkoholismus führen oder, wie im Fall des Münsteraner Attentäters, Aggressionen gegen das Umfeld sowie Suizidgedanken auslösen.

Kurz vor der Tat soll Jens R. in der Einsamkeit gefangen gewesen sein und keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, als sich umzubringen und dabei andere mit in den Tod zu reißen. “In solchen Fällen schauen sich Menschen an, was Selbstmörder und Attentäter in der Vergangenheit getan haben. Derartige Attacken gelten als Vorbild und sind ein stückweit prägend. Dabei haben die Biografien der Attentäter oft etwas gemeinsam. Es handelt sich um Einzelgänger, ‘Verlierer’, die Wut in sich tragen. Sie denken: ‘Ich habe hier keine Chance gehabt und nehme auch euch mit’. Um ein letztes Mal die volle Aufmerksamkeit zu bekommen, werden Unschuldige zu Opfern gemacht”, so Jens Lönneker.

Einfach gesagt, gute Beziehungen halten uns glücklich und gesund.

– Robert Waldinger

US-Psychologe John Cacioppo beschreibt in seinem Buch “Einsamkeit”, dass einsame Männer viele unterschiedliche Strategien verfolgen, um sich weniger allein zu fühlen. Auf Dauer sind diese jedoch wenig hilfreich. Dazu gehören Fernsehen gucken, lesen, kochen, Spazierengehen. Doch verbringt man sie alleine, finden sich bei diesen Aktivitäten keine neuen Freunde. Cacioppo weißt außerdem darauf hin, dass auch Menschen, die sich wegen Stress im Beruf sozial isoliert fühlen, oftmals in noch mehr Arbeit stürzen.

Jungs brauchen Freunde, um nicht einsam zu sein
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Männer und Frauen sind von Voreingenommenheit geplagt

Die Angst der Männer, “unmännlich” zu wirken, birgt also ein noch viel größeres Risiko als gedacht. Sowohl Männer als auch Frauen sind von einer Voreingenommenheit geplagt, die uns eher in die Isolation treibt, als miteinander in Verbindung bringt. Dazu gehören beispielsweise Gedanken, die sich einschleichen, sobald wir auf eine geschiedene Person mittleren Alters ohne nennenswerte soziale Kontakte treffen: “Mit ihm oder ihr kann etwas nicht stimmen”. Oder die Gedanken, die uns daran hindern, fremde Menschen in der Bahn anzusprechen: “Total peinlich! Natürlich möchte niemand von Fremden angequatscht werden.” Annahmen, die in zahlreichen Studien widerlegt werden konnten.

Wie können wir uns als Gesellschaft dahingehend verändern, dass es niemandem an diesen grundlegenden emotionalen Grundbedürfnissen mangelt? Dass jeder die Fähigkeit entwickelt, die menschliche Welt zu lesen, sich mit ihr zu beschäftigen und qualitativ hochwertige Beziehungen darin zu pflegen? Im Grunde haben wir alle Möglichkeiten und Freiheiten, um diesen Schritt zu gehen – wir können alles verändern, was wir ändern wollen. Den Anfang muss allerdings jeder bei sich machen. Denn Psychologen sind sich sicher: “Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt.”

Du hast das Gefühl, dass du selbst Hilfe benötigst? Dann wende dich bitte an die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de): Unter folgenden Telefonnummern stehen Berater jederzeit für dich zur Verfügung: 0800-1110111 oder 0800-1110222.
Bei Freunde fürs Leben (www.frnd.de/suizid) findest du weitere Experten, Hilfsangebote und Infos zum Thema Suizid. Du möchtest diese Organisation unterstützen und spenden? Dann kannst du das hier tun: www.frnd.de/spenden.

Weitere Informationen zu Robert Waldinger und seiner Studie findest du hier

Das Beitragsbild ist übrigens von Hannah Busing auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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