Japans Umgang mit KI und was wir daraus lernen können

Words by Anja Hendel
Photography: Eddie Aguirre
Großes buntes Neonschild mit japanischen Schriftzügen, sowie englischen Schriftzügen: Japan, Technology, Functionality

»Eines Tages wird man sicher unsere Gedanken lesen können«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Gespräch über Künstliche Intelligenz (KI) mit Studenten der japanischen Universität Keio. Während sie über die Vorteile von KI sprach, forderte sie, dass wir uns eine grundlegende Frage stellen sollten: Wollen wir, dass Technologie unsere Gedanken lesen kann?

 

In der letzten Zeit habe ich viel über diese Diskussion nachgedacht und auf meiner Reise nach Japan vor wenigen Wochen einiges zur Einstellung der japanischen Gesellschaft gegenüber neuen Technologien gelernt. Fazit: Sie ist fast gegensätzlich zur deutschen Sichtweise. Hierzulande diskutieren wir neue Technologien eher kritisch, konzentrieren uns auf ihre Risiken und betrachten Veränderungen als Bedrohung. 

Ist künstliche Intelligenz freundlich, oder eine Bedrohung?

Veränderungen sind meiner Meinung nach jedoch vielmehr eine Herausforderung, ein Abenteuer. Etwas, aus dem wir lernen und uns weiterentwickeln können. Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich mit dieser Sichtweise, die nicht nur meine tägliche Arbeit, sondern auch meine privaten Interessen bestimmt, in Deutschland schon fast als Exotin gelte. Aber warum haben andere Kulturen ein völlig anderes Verständnis von Innovation? Dies sind meine wichtigsten Erkenntnisse aus Japan: 

Die besten Freunde der Japaner sind Roboter

Ob in Restaurants, in der U-Bahn-Station oder auf dem Tsukiji-Markt in Tokio: Überall in Japan findet man Roboter – in verschiedensten Formen. Für die meisten Europäer ist es ungewöhnlich zu sehen, wie die Japaner ganz natürlich mit ihren Mitbürgern aus Plastik oder Metall umgehen. Aber für Japaner verkörpern Roboter das Gute. Der Grund dafür soll im Shintoismus zu finden sein. Shinto.... was? Keine Sorge, für alle, die auch nicht wissen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, habe ich nachgeforscht: Der Shintoismus ist eine Glaubensrichtung und schreibt nicht nur dem Menschen, sondern auch Tieren und Gegenständen eine göttliche Seele zu. Dies kann einer der Gründe sein, warum die Japaner keine Angst haben, Maschinen zu bauen, die immer menschenähnlicher werden.

Auch in der Kunst verbindet Japan gern die Tradition mit moderner Technologie.

Die Qualifikationslücke mit KI schließen

Ein weiterer Grund für diese »Grundsympathie« gegenüber Robotern könnte die alternde Gesellschaft und der damit verbundene Fachkräftemangel in Japan als Folge der strengen Einwanderungspolitik sein. Die zunehmende Digitalisierung in vielen Bereichen der Arbeitswelt ist daher eine willkommene Gelegenheit, die Qualifikationslücke und den Mangel an Arbeitskräften auszugleichen – und Roboter zu den Rettern der Wirtschaft zu machen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ein Roboter in Tama bei Tokio scheinbar für den Posten des Bürgermeisters antritt. In Deutschland als Wahlkampfmaßnahme undenkbar, zumindest vorerst. Aber warum? Immerhin treffen intelligente Roboter Entscheidungen auf der Grundlage von Daten und Wissenschaft, nicht auf der Grundlage von Fake News oder geschürten Ängsten. Und sie haben die Geduld und Ausdauer, ihre Sache auch in langen bürokratischen Prozessen zu verfolgen.

 

KI als Chance für eine alternde Gesellschaft

Die Erforschung und Verbreitung von Künstlicher Intelligenz in Japan ist sehr spannend. Hier ist sie bereits von großem Nutzen und in vielen Bereichen etabliert – vor allem in der Altenpflege. Begonnen hat alles mit Aibo, dem Roboterhund, gefolgt von Asimo, dem Tanzroboter, weiter zu Pepper und so weiter.

Der Name dieses Roboters ist einerseits ein Acronym für Advanced Step in Innovative Mobility, andererseits setzt er sich au dem japanischen Wort für Morgen – Asi – und Mobilität – Mo – zusammen.

Roboter können ältere Menschen unterhalten und sie gleichzeitig medizinisch überwachen. In Deutschland scheint das allerdings noch ziemlich weit weg zu sein: Die einzigen Roboter, die wir weit verbreitet einsetzen, finden sich hierzulande in Produktion und Fertigung. Das prägt auch unser Bild von Robotern: Entweder sind es riesige Maschinenanlagen, mit denen z.B. der neue 911 Porsche gebaut wurde, oder die süßen, gehenden und sprechenden Assistenten aus der Zukunft, die wir im Kino sehen. In Japan sind diese Roboter der Zukunft jedoch bereits Realität und die meisten älteren Menschen genießen die Interaktion mit ihnen. Ich würde mir wünschen, dieses Miteinander bald auch in Deutschland zu sehen. Besonders in der Pflege wären KI und Robotik eine großartige Erweiterung bestehender Systeme – auch, wenn Roboter natürlich nie menschliche Nähe ersetzen können.

Der Einsatz der Technologie ist eine Frage der Einstellung

Ja, ich weiß, das ist ein alter Hut – aber trotzdem: Bei der Einführung von Technologie geht es nicht wirklich um die Technologie an sich, sondern um unsere Denkweise, mit der wir ihr begegnen.

Werbung für eine Show in einem Roboter-Restaurant in Tokio.

Japaner lieben Videospiele und Gadgets – über Generationen hinweg. Die japanische Popkultur ist bunt, laut und ein wenig verrückt. Das prägt die Art und Weise, wie ihr Blick auf die Welt und ihr Umgang mit neuen Technologien gestaltet wird. In Deutschland galten Spiele lange Zeit als Beschäftigung für Kinder oder Nerds, nur langsam ebnen sie sich ihren Weg in den Mainstream. Aus meiner Sicht können wir von der Offenheit, Verspieltheit und Neugier der Japaner nur lernen. Mit so einer Einstellung erscheinen die »Schrecken« der Digitalisierung plötzlich gar nicht mehr so schrecklich.

Mit technischen Innovationen zum Perfektionismus

In anderen Dingen sind die japanische und deutsche Kultur gar nicht so unterschiedlich: Der technologische Fortschritt von Japan zeigt sich nicht dadurch, dass im Restaurant Essen mit einem Tablet bestellt werden kann, sondern an den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die asiatische Hightech-Nation ist zu Recht stolz auf die Zuverlässigkeit ihrer Züge. Japan Railway betreibt die pünktlichsten Züge der Welt. Im Vergleich dazu: Die Deutsche Bahn hält hingegen einen ICE bis zu einer Verspätung von 15:00 Minuten für pünktlich.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ein Beitrag geteilt von plique (@plique) am

 

Eine Sache wird an dem Beispiel Japan sehr deutlich: Die Mischung aus innovativer Technologie und wahren Werten sind der Schlüssel zum Erfolg. Wir müssen KI entmystifizieren, um davon zu profitieren, aber wir müssen uns immer über die ethischen Auswirkungen im Klaren sein. Das Zusammenspiel von Moderne und Geschichte in Japan trägt wesentlich zur Faszination bei, die dieses Land ausübt. Wenn wir dies bedenken, können wir viel offener für neue Technologien sein – und das muss dringend passieren, damit wir das volle Potenzial ausschöpfen und es für alle Menschen nutzbar machen können.

Share:
Portrait Anja Hendel

Anja Hendel

Editor

Anja Hendel ist Wirtschaftsinformatikerin, Kunst-Fan und verliebt in Daten. Als  Leiterin des Porsche Digital Lab in Berlin beschäftigt sie sich gemeinsam mit ihrem internationalen Team aus Technologie- und Software-Experten sowie Wissenschaftlern mit der Frage, wie Innovationen aus den Bereichen KI, Internet of Things und Blockchain in die Praxis übertragen werden können.

2 Kommentare

Heinrich Zimmermann
#2 — vor 7 Monaten 2 Wochen
Zweites mal Kommentar. Wer nach Ethik fragt hat KI nicht begriffen
Heinrich Zimmermann
#1 — vor 7 Monaten 2 Wochen
Ethik beachten bei KI? Da haben die, welche solche Frage stellen nicht begriffen was KI ist.
Vor allem wenn man die Ostergeschichten meint im Kopf haben zu müssen. Ich witzele immer »Die künstliche Intelligenz kann nicht dümmer sein als der Mensch« Also ich frei mich auf sie.

Kommentieren