Ist unser Plastikproblem jetzt gelöst?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Hermes Rivera auf Unsplash
Enzym soll Plastik essen
Wissenschaftler haben zufällig ein Enzym entwickelt, das Plastik in Rekordzeit zersetzen kann. Nachdem wir in den letzten Wochen so viele Hiobsbotschaften zu Mikroplastik im Trinkwasser und sogar in unseren Lebensmitteln gehört haben: Ist das jetzt unsere Rettung?

Es ist so dramatisch, wie es klingt. Wir sind umgeben von Plastikmüll und brauchen dringend eine Lösung für das Problem. Unser Planet und unsere Weltmeere sind voll von Kunststoff, und bis der sich zersetzt, dauert es Jahrhunderte. Manches wird sogar für immer bleiben. Besonders in den letzten Wochen tauchten immer wieder Videos und Bilder auf, die deutlich zeigen, dass viele Strände im Müll versinken. Und das, obwohl es das sogenannte Polyethylenterephthalat (PET) noch gar nicht so lange gibt – erst 1940 wurde es patentiert.

MIKROPLASTIK IST ÜBERALL

Ungefähr eine Million Plastikflaschen werden jede Minute rund um den Globus verkauft und nur zu etwa 14 Prozent recycelt. Von dem Rest landet ein großer Teil in den Ozeanen, wo der Müll selbst die entlegensten Teile verschmutzt und darüber hinaus, zersetzt in Form von Mikroplastik, dem Meeresleben und über die Nahrungskette letztlich auch den Menschen schadet. Auch über Duschgele, Peelings, Sonnencremes und vieles mehr geraten die fünf Millimeter kleinen Mikroplastik-Teilchen in unser Abwasser und dann in die Kläranlagen. Diese filtern das Mikroplastik nur bedingt heraus. Am Ende landet auch dieses Wasser zusammen mit den Plastikteilchen wieder im Meer.

Kunststoffpartikel, die von Tieren aufgenommen werden, gelangen über die Fische und Säugetiere direkt auch auf unseren Teller. Über die Nebenwirkungen gibt es bisher keine eindeutigen Untersuchungen. Das Bundesumweltministerium weist darauf hin, dass durch die Aufnahme über Lebensmittel bisher keine negativen Auswirkungen bekannt seien – die Teilchen würden angeblich einfach wieder ausgeschieden. Dennoch steht fest: Umwelt, Tier und Mensch leiden unter dem unzerstörbaren Kunststoff. Wie auch dieses Video zeigt: Amelia Whelan postete es während ihres Indonesien-Urlaubs auf ihrem Facebook-Account. An einen schönen Strandspaziergang ist durch den vielen Müll nicht zu denken – barfuß laufen sogar gefährlich.

Look past my bare feet and focus on the destructed earth and soil beneath them. There are more important issues to be discussed and commented on than my lack of shoes. Thank you.

Gepostet von Amelia Whelan am Sonntag, 8. April 2018

DIE ENTDECKUNG DES BAKTERIUMS KÖNNTE DER DURCHBRUCH SEIN

Eine Lösung für die weltweite Problematik könnte diese sein: Forscher aus den USA und Großbritannien haben durch einen Zufall ein Plastik zerstörendes Enzym geschaffen. Der Durchbruch könnte helfen, die globale Krise der Kunststoffverschmutzung zu lösen, indem erstmals das vollständige Recycling von Flaschen ermöglicht wird. Ihre bisherigen Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler der britischen University of Portsmouth und des Labors für erneuerbare Energien in der Zeitschrift “Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America”. Hier beschreiben sie die Untersuchung eines bereits 2016 in Japan entdeckten Bakteriums. Dieses hatte sich höchstwahrscheinlich selbstständig in einer Recyclinganlage entwickelt und angefangen, den Kunststoff Polyethylenterephthalat (PET) – aus dem viele Plastikflaschen hergestellt werden – zu “fressen”. Japanische Forscher hatten versucht, die detaillierte Struktur des dafür notwendigen Enzyms aus dem Bakterium zu entschlüsseln – ohne Erfolg. Das internationale Team nahm sich nun ebenfalls der Aufgabe an, indem es einen intensiven Röntgenstrahl einsetzte, der zehn Milliarden Mal heller als die Sonne ist und mit dem einzelne Atome sichtbar gemacht werden konnten.

Am Ende hatten sie nicht nur das Enzym entschlüsselt und es im Labor gezüchtet, sondern es auch versehentlich zum Mutieren gebracht, was dazu führte, dass es Plastik noch schneller zersetzte. “Was sich tatsächlich herausstellte, war, dass wir das Enzym verbessert haben, was ein kleiner Schock für uns war”, erklärt Professor John McGeehan von der University of Portsmouth, der die Forschung leitet. „Es ist ein großartiges Ergebnis.“

KANN DAS MUTIERTE ENZYM DIE WELT VOR PLASTIKMÜLL RETTEN?

Insgesamt benötigt das Enzym einige Tage, um Kunststoff zu zersetzen – weit weniger also, als der normale Zersetzungsprozess in den Ozeanen braucht. Die Forscher sind optimistisch, dass dies sogar noch beschleunigt werden kann: “Wir hoffen außerdem, dass wir mit diesem Enzym das Plastik wieder in seine ursprünglichen Bestandteile zurückverwandeln können, sodass wir ihn buchstäblich wieder zu Kunststoff recyceln können”, erklärt McGeehan weiter. Was viele nämlich gar nicht wissen: Gegenwärtig ist es so, dass recycelte Flaschen nur zu opaken Fasern für Kleidung oder Teppiche verarbeitet werden können. Das neue Enzym bietet hingegen die Möglichkeit, klare Plastikflaschen auch wieder in durchsichtige Plastikflaschen zu recyceln. Dies könnte künftig die Notwendigkeit, neuen Kunststoff zu produzieren, verringern.

 

Unsere Meere leiden

 

Derzeit arbeiten die Forscher mit Hochdruck an weiteren Möglichkeiten, um das Enzym noch leistungsfähiger zu machen. So wird die Transplantation des mutierten Enzyms in ein “extremophiles Bakterium” untersucht. Das könnte dann Temperaturen über 70 Grad Celsius überleben. An diesem Punkt wechselt PET von einem glasartigen in einen viskosen Zustand, wodurch es sich wahrscheinlich zehn bis hundert Mal schneller abbaut. Bis es so weit ist, kann es jedoch noch längere Zeit dauern. McGeehan erklärt außerdem, dass bisher nur wenige Gramm des Enzyms hergestellt werden können. Um nachhaltig etwas bewirken zu können, würden wesentlich größere Mengen benötigt.

Wann genau es so weit sein wird? Das können die Forscher rund um Professor John McGeehan noch nicht sagen. Die bisher gewonnenen Ergebnisse sind aber definitiv ein Schritt in die richtige Richtung – es besteht also Hoffnung. Bis das Enzym allerdings flächendeckend genutzt werden kann, können noch viele Jahre vergehen. Jahre, in denen wir uns dringend einen verantwortungsvollen Umgang mit Plastik angewöhnen müssen – uns und unserem Planten zuliebe.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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