Ist Intelligenz erblich und wollen wir das testen?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Priscilla Du Preez auf Unsplash
Familie DNA Test
Schon bald könnte es möglich sein, die Intelligenz eines jeden Menschen durch einen DNA-Test zu bestimmen. Doch ist es wirklich schlau diesen auch zu nutzen?

Stellen wir uns einmal vor, alle Menschen würden nach der Geburt einem DNA-Test unterzogen werden. Das analysierte Ergebnis würde dann preisgeben, bei welchem Wert ihr Intelligenzquotient liegt und in Zukunft liegen wird. In diesem Fall wäre es doch theoretisch auch möglich, für diese Menschen zu entscheiden, ob sie in die Vorschule oder direkt in die erste Klasse kommen, und vielleicht auch, ob mit dem vorhandenen Intellekt ein Studium sinnvoll ist oder eben nicht. Wenn man nicht weiter darüber nachdenkt, mag dieses Szenario vielleicht erst einmal ganz praktisch wirken. Beschäftigen wir uns einen Moment intensiver mit dieser Theorie, bekommt der Gedanke daran schon einen bitteren Beigeschmack. Doch der Verhaltensgenetiker Robert Plomin vom King’s College London ist sich sicher: Genau so wird unsere Zukunft aussehen.

Intelligenz

Intelligenz ist stark vererbbar

Seit Jahrzehnten sind Genforscher nun schon auf der Suche nach den genetischen Grundlagen der Intelligenz. Innerhalb des letzten Jahres kam es dann zu einem Durchbruch, der nun genetische Unterschiede erkennen lässt, die mit dem IQ in Verbindung gebracht werden können. Inzwischen konnten mehr als 500 Gene aus dem Erbgut von über 200.000 Test-Teilnehmern herausgefiltert werden, die in einem Zusammenhang mit Intelligenz stehen. Robert Plomin verspricht, dass es schon bald 1000 Gene sein werden. Im Januar stellte er das Ergebnis seines DNA-Testszenarios in seinem Bericht “The new genetics of intelligence” genauer vor.

“Intelligenz – die Fähigkeit zu lernen, zu argumentieren und Probleme zu lösen – steht im Vordergrund der verhaltensgenetischen Forschung. Intelligenz ist stark vererbbar und sagt wichtige Bildungs-, Berufs- und Gesundheitsergebnisse besser voraus als jedes andere Merkmal. Neuere genomweite Assoziationsstudien haben erfolgreich vererbte Genomsequenzunterschiede identifiziert, die 20 Prozent der 50 prozentigen Erblichkeit von Intelligenz ausmachen. Diese Erkenntnisse eröffnen neue Wege für die Erforschung der Ursachen und Folgen von Intelligenz durch Verwendung von genomweiten polygenen Scores, die die Auswirkungen von Tausenden von genetischen Varianten aggregieren”, heißt es in seinen Ausführungen.

Seine erlangten Erkenntnisse bringen ihn zu dem Schluss, dass Eltern künftig durch direkte Tests erfahren können, wie es um die geistigen Fähigkeiten ihrer Kinder bestellt ist, um so frühzeitig wichtige Entscheidungen in Bezug auf ihre Zukunft treffen zu können. Plomin nennt dieses Szenario “Präzisionsbildung” (precision education).

Ärzte

KRITIKER GLAUBEN NICHT AN DNA-IQ-TEST

Doch was geschieht, wenn die Testergebnisse nicht den Erwartungen und Hoffnungen entsprechen? Wie stehen wir zu der Vorstellung, dass der zukünftige Doktortitel eines Kindes von einem Test abhängen könnte, weil sich Eltern künftig danach richten und so den Weg ihrer Sprösslinge in eine bestimmte Richtung lenken? Darüber machen sich derzeit auch zahlreiche Kritiker von Plomins Arbeit Gedanken. Die Verwendung von DNA-Tests, um die akademischen Aussichten von Kindern zu bewerten, sei höchst gefährlich. “Die Idee ist, diese Information immer und überall verfügbar zu haben, wie eine Identifizierungsmarke. Jeder weiß, wer man ist und was es mit einem auf sich hat. Das finde ich wirklich beängstigend. Eine Welt, in der man aufgrund seiner angeborenen Fähigkeiten in Schubladen gesteckt wird – das ist Gattaca, das ist Eugenik.”, sagt Catherine Bliss, Soziologin an der Universität von Kalifornien, San Francisco, und Autorin des Buches, “Social by Nature”, das den Gebrauch von Genetik in den Sozialwissenschaften infrage stellt.

Danielle Posthuma, statisitische Genetikern, nimmt Plomin indes völlig den Wind aus den Segeln. Sie ist nicht der Meinung, dass sich seine Theorie bewahrheitet. “Wir werden nie in der Lage sein, jemandes DNA zu betrachten und zu sagen, dass er einen IQ von 120 haben wird. Zudem denke ich nicht, dass es so viel Sinn ergibt, diese Daten zu benutzen. Ich würde den Leuten weiterhin einfach einen IQ-Test geben.” Im Jahr 2017 leitete Posthuma die große IQ-Studie. Ihr Hauptaugenmerk liegt darin, zu erforschen, wie das menschliche Gehirn auf einem Grundlevel funktioniert. Dort könne das Auffinden von Genen, die in Verbindung mit Intelligenz stehen, wirklich nützlich sein, glaubt sie.

ONLINE-DIENSTE VERWENDEN DAS TEST-SZENARIO BEREITS

Doch von dieser Meinung sind nicht alle überzeugt – zumindest nicht ganz. Wie MIT Technology Review herausfand, werden einige Aspekte des Test-Szenarios von Plomin bereits verwendet. Online-Dienste wie GenePlaza und DNA Land haben damit begonnen, den genetischen IQ mithilfe einer Speichelprobe zu quantifizieren. Obwohl sich die Macher ihre Analyse natürlich bezahlen lassen, weisen sie darauf hin, dass derartige Test vorrangig als “Spaß” zu sehen und nicht allzu ernst zu nehmen sind. Denn auch sie wissen vermutlich: Aufgrund der derzeit geringen Verlässlichkeit, könnte es zu großen Missverständnissen kommen – das Ergebnis könnte Menschen sogar an ihrer Intelligenz zweifeln lassen. Aaron Panofsky, Soziologe an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, hält das auch persönlich für ein gravierenderes Problem: “Diese Technologie könnte am Ende einen Einstein als einen Idioten abstempeln und umgekehrt”.

 

Mikroskop

DER “G”-FAKTOR ALS “ALLMÄCHTIGE VARIABLE”

Wenn Psychologen den IQ bestimmen, messen sie den sogenannten “g”-Faktor, der die allgemeine Intelligenz beschreibt. Menschen, die beispielsweise besser in Mathematik, räumlichem Denken – über stärkere verbale oder andere Fähigkeiten verfügen – haben einen höheren “g”-Wert, als andere. Darüber hinaus korreliert der “g”-Faktor sehr stark mit dem Einkommen, Glück, Gesundheit und der Lebensspanne. Für Plomin ist es die „allmächtige Variable“ im Leben. Somit wird seine Theorie durch vorangegangene Studien mit Zwillingen, die beweisen, dass die Genetik mehr als die Hälfte der Intelligenz ausmache, wobei die restlichen Prozent durch die Schulbildung, Ernährung und verschiedene Umweltfaktoren zustande kommen, entkräftet. Denn, wie sich die drei letzten Punkte im Laufe eines Menschenlebens entwickeln, lässt sich mit dem DNA-Test natürlich nicht vorhersagen.

Ein positiver Effekt des Tests: Neben dem IQ lassen sich außerdem, wie von Polmin beschrieben, persönliche Risikofaktoren bestimmen. Wer beispielsweise ein erhöhtes Risiko in sich trägt, der Alkoholsucht zu verfallen, könnte mit diesem Wissen bewusst auf jeglichen Konsum verzichten und so einer Sucht aus dem Weg gehen. Auch Erbkrankheiten lassen sich so bestimmen, wodurch eventuell notwendige medizinische Behandlungen rechtzeitig eingeleitet werden können. Plomin selbst ließ sich natürlich auch testen und seine Ergebnisse von einem Forschungszentrum berechnen. Dem Test zu folge hat er ein hohes Risiko für Arthritis und eine hohe Wahrscheinlichkeit für Übergewicht – dafür aber ein niedriges Risiko an einer Depression zu erkranken. Was die Arthritis und das Übergewicht angeht – er hat mit Gelenkentzündungen zu kämpfen und wog in der Vergangenheit bereits 108 Kilo – scheint der Test recht zu behalten. Sein errechneter Intelligenzquotient hingegen lag bei 99. Diesen Wert betitelte er scherzhaft als “peinlich”. Wie hoch sein IQ in Wahrheit ist, will der Professor nicht verraten. In einem Interview mit Zeit Online aus dem Jahr 2015 erklärte er, dass er 1960 einen Test gemacht und das Ergebnis vergessen habe.

Kinder DNA IQ

SIND WIR BEREITS FÜR DEN DNA-IQ-TEST?

Wenn wir also über die Verwendung von DNA-Tests in Bezug auf die Bestimmung von möglichen Erbkrankheiten oder Süchten sprechen, könnte das durchaus hilfreich sein. Doch würden wir es auch wissen wollen, wenn wir an einer unheilbaren Krankheit leiden und wann genau unser Leben vorbei sein könnte? Und was bedeutet es, wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind womöglich besonders intelligent ist oder eben nicht? Für Plomin zumindest ist die Antwort bereits klar. Er sagt, dass die polygenen Werte für den IQ die Rolle der Intelligenz bei der Bestimmung der Gehälter, der Wahl der Partner und sogar der Struktur der Gesellschaft offenbaren und die Menschheit dies auch erfahren wolle.

Ob und wann derartige Tests ihren Weg in die Gesellschaft finden, ist unklar – und auch, ob wir wirklich bereit für Testergebnisse sind, die eventuell drastisch in unser Leben eingreifen und es für immer beeinflussen werden…

 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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