HIV-Selbsttest – So funktioniert er

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Nicholas Gercken auf Unsplash
HIV-Selbsttest
Ab Herbst 2018 soll es ihn geben: den HIV-Selbsttest. Doch wie funktioniert er und was passiert, wenn das Ergebnis positiv ausfällt?

Bisher dürfen HIV-Selbst- oder auch -Heimtests in Deutschland nicht an Privatpersonen ausgegeben werden. Wer einen solchen Test dennoch im Internet bestellt, muss damit rechnen, dass die Ware vom Zoll eingehalten wird. Der Grund: Die starke Ungenauigkeit der Produkte und eine fehlende CE-Kennzeichnung, die deutlich macht, dass der Test geltenden EU-Richtlinien entspricht. Doch das Verbot soll schon bald aufgehoben werden. Zumindest ist das der Plan von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Damit sein Vorhaben umgesetzt werden kann, ist eine Änderung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung nötig. Stimmt der Bundesrat zu, steht dem Selbsttest nichts mehr im Weg.

HIV-Selbsttest

HIV IN DEUTSCHLAND: 2016 STARBEN 460 MENSCHEN

Warum dieser so wichtig ist, zeigen aktuelle Zahlen. Denn obwohl das Humane Immundefizienz-Virus schon längst kein Todesurteil mehr bedeuten muss, ist es dennoch wichtig, dass es rechtzeitig erkannt wird. Je früher eine Behandlung beginnt, desto besser. Allerdings tragen in Deutschland laut Robert Koch-Institut etwa 12.700 Menschen das Virus unwissentlich in sich. Jährlich stecken sich so etwa 3000 weitere Menschen an – im Jahr 2016 starben 460 HIV-Erkrankte. “Die geschätzte Zahl der undiagnostizierten Personen mit HIV steigt seit 2006 kontinuierlich an. Trotz Testkampagnen und Beratungsangeboten werden zudem viele Personen in einem späteren Stadium mit HIV diagnostiziert, was sich negativ auf den Krankheitsverlauf und die Prognose auswirken kann”, erklärt Dr. Uwe Koppe vom Robert Koch-Institut. Ein Selbsttest, den es künftig in den Drogerien und Apotheken zu kaufen geben soll, kann eventuell die Hürde für eine regelmäßige Kontrolle verringern und weitere Ansteckungen verhindern.

HIV-SELBSTTEST: SO FUNKTIONIERT ER

Wer einen zugelassenen HIV-Selbsttest durchführen möchte, sollte sich in jedem Fall zunächst die Gebrauchsanweisung durchlesen. Anschließend muss durch einen kleinen Piekser etwas Blut entnommen werden. Der Teststreifen funktioniert, indem er nach Antikörpern sucht, die sich bereits zur Abwehr gegen den Virus gebildet haben. Nach etwa 10 bis 15 Minuten steht ein Ergebnis fest. Doch Dr. Uwe Koppe weist darauf hin, dass ein negatives Testergebnis eine HIV-Infektion nicht mit letzter Sicherheit ausschließt: “Wie bei allen HIV-Antikörpertests ist auch bei Schnelltests zu beachten, dass es im Frühstadium der HIV-Infektionen zu negativen Ergebnissen kommen kann, da die HIV-Antikörper noch nicht in ausreichender Menge vorhanden sind.” Bei derartigen Tests ist ein zuverlässiges Ergebnis erst 12 Wochen nach erfolgter Infizierung möglich, erklärt er weiter.

Grundsätzlich gibt es somit vier verschiedene Möglichkeiten, um den Virus festzustellen: Der klassische Labortest wird von Checkpoints und Gesundheitsämtern durchgeführt. Hier findet der Test immer anonym statt und ist meistens sogar kostenlos. Das Ergebnis liegt nach einigen Tagen vor. Der sogenannte Schnelltest dauert etwa 30 Minuten und kann ebenfalls bei Gesundheitsämtern und in Checkpoints gemacht werden. Er wird ebenfalls anonym durchgeführt – ist in der Regel jedoch nicht kostenfrei. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert der Heimtest, der sich nur dadurch vom Schnelltest unterscheidet, dass man ihn zu Hause und also ohne professionelle Unterstützung durchführt. Und dann gibt es noch den Einsendetest, bei dem man sich zu Hause selbst Blut abnimmt und dieses in ein Labor sendet. Hier wird einem das Ergebnis telefonisch oder auch online nach ein bis zwei Wochen mitgeteilt.

Einen ersten in Europa, jedoch nicht in Deutschland, zugelassenen HIV-Selbsttest gab es übrigens ab 2015 zunächst in Großbritannien sowie Frankreich. Der “Autotest VIH” ist dort in Apotheken und inzwischen auch online und in weiteren EU-Ländern erhältlich.

Dr. Uwe Koppe ist sich allerdings auch sicher, dass bei korrekter Anwendung und dem vorgegebenen zeitlichen Abstand eine Zuverlässigkeit gegeben ist: “Bei freigegebenen Tests ist die Sensitivität und Spezifität in der Regel sehr hoch, sodass bei einem negativen Testergebnis das Vorliegen einer HIV-Infektion ausgeschlossen werden kann.”

 

HIV

HIV-SELBSTTEST: WAS TUN, WENN DER TEST POSITIV IST?

Wer sich für einen Heimtest entscheidet, ist mit dem Ergebnis erst einmal allein. Fällt dieser positiv aus, hat eventuell keine vorherige Beratung stattgefunden, und ein Arzt hat auch nicht die Möglichkeit, direkt auf den Patienten einzugehen. Dies trifft allerdings auch auf die anderen Testvarianten zu, bei denen man sich bei der Testauswertung nicht zwangsläufig in einer Arztpraxis befindet. “Ist das Ergebnis des Schnelltestes positiv, sollten sich die Betroffenen an einen Arzt oder eine Beratungsstelle wenden, damit das Ergebnis mit einem Bestätigungstest überprüft werden kann und im Falle eines positiven Ergebnisses über Behandlungsmöglichkeiten informiert werden kann”, bekräftigt Dr. Uwe Koppe. Die Deutsche Aids-Hilfe erklärt, dass der Bestätigungstest übrigens direkt von einem Arzt oder einer Ärztin, im Gesundheitsamt, direkt in einem Labor oder einem Checkpoint der Aidshilfen gemacht werden kann.

HIV-SELBSTTEST: AUSTRALIEN VERZEICHNET POSITIVE EFFEKTE

Um eine Rückversicherung kommt also niemand herum, doch zeigen Untersuchungen aus Australien, wo der Heimtest bereits legal verfügbar ist, dass die Menschen häufiger und vor allem früher zu diesen Tests greifen und dadurch auch automatisch häufiger einen Bestätigungstest durchführen. Ein tolles Ergebnis, das sich neben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auch das Robert Koch-Institut für Deutschland wünscht. „Die Einführung von Selbsttests ist mit der Hoffnung verbunden, dass Testbarrieren abgebaut werden und dass sich auch Menschen auf HIV testen, die von konventionellen Testangeboten bislang nicht angesprochen werden. Eine entsprechende Erhöhung der Anzahl diagnostizierter und behandelter Menschen mit HIV-Infektion würde sich positiv sowohl auf die Krankheitsverläufe der behandelten Menschen auswirken als auch die Weitergabe des Virus aufgrund des Schutzes durch Therapie vermindern“, so Dr. Uwe Koppe.

Im Herbst wird sich zeigen, ob der HIV-Selbsttest auch bei uns eine Chance bekommt…

 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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