Hier kannst du dir eine beste Freundin leihen

31.07.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Japan: Hier kannst du dir eine Freundin ausleihen

Seit Jahren schießen in Japan Agenturen aus dem Boden, die unter anderem beste Freundinnen vermieten. Für umgerechnet 50 Euro pro Stunde begleiten die Schauspielerinnen ihre Klientinnen beinah überall mit hin.

Wahre Freunde kann niemand trennen und schon gar nicht kaufen. Doch eine Freundschaft auf Zeit schon – zumindest gilt das für Japan – und speziell Tokio. Hier ist es möglich, sich eine beste Freundin auszuleihen. Dabei ist es völlig egal, ob es um einen Spaziergang am Nachmittag, die Party am Wochenende oder das Familienfest geht, auf dem die Leihfreundin dann sogar eine emotionale Rede hält und Geschichten von früher erzählt, die so natürlich niemals passiert sind. Der Service kostet um die 50 Euro pro Stunde und ist immer, so das Versprechen, besonders diskret und professionell.

In Japan leben die meisten Singles
In Japan leben die meisten Singles / Bildquelle: Unsplash

Japan: jeder zweite Mensch ist Single

Bei diversen Agenturen wie “Client Partners” oder “Hagemashi Tai” kann unter hunderten von Schauspielerinnen und Schauspielern gewählt werden, die auf die jeweiligen Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen und bei Bedarf sogar dauerhaft buchbar sind. Deshalb ist es auch möglich, einen “festen” Partner oder eine “feste” Partnerin zu leihen. Und der Bedarf dafür scheint zu steigen: Jeder zweite Mensch in Japan ist Single, und etwa die Hälfte von ihnen will daran auch gar nichts ändern.

Ein inszeniertes Leben

In der Millionenmetropole geht die Karriere für die meisten Menschen vor, doch mit zunehmendem Alter steigt der Druck. Um die Familie zu beruhigen, werden immer häufiger Partner und Partnerinnen gebucht, die vorgeben, die ganz große Liebe zu sein. Und auch die sozialen Netzwerke wollen gepflegt werden. Das erfolgreiche und erfüllte Leben auf allen Ebenen lässt sich dank der Agenturen und der passenden Schauspieler inszenieren.

Autor Chris Colin ist nach Tokio gereist. Um besser zurecht zu kommen, buchte er sich Miyabi, wie er in einem Beitrag auf dem Reiseblog AFAR beschreibt. Als die beiden aufeinandertreffen, arbeitet Miyabi bereits seit fünf Jahren als professionelle “Mietfreundin”. Im Gespräch mit Chris erzählt sie, dass sie in der Vergangenheit bereits als weinender Gast für eine Beerdigung gebucht wurde oder gute Stimmung auf einer Hochzeit verbreitete. Ein anderes Mal wurde sie von einem Studenten für ein einziges Instagram-Foto bezahlt. Klingt merkwürdig? Für Miyabi ist es ein Job wie jeder andere.

Tokio: Hier geht die Karriere vor
Die Karriere geht vor… / Bildquelle: Unsplash

Einzig und allein als ein Kunde seine nervösen Eltern beruhigen wollte und beruhigen wollte und sie dafür buchte, eine Zeit lang als seine feste Freundin, später sogar als seine Verlobte aufzutreten. “Es war peinlich”, erzählt sie. “Aber zu sehen, wie gut sich seine Eltern fühlten, als ich all die netten Dinge über ihren Sohn erzählte – das ist nicht nur verkehrt.”

“Rent a Family”: Eine Dokumentation

Der preisgekrönte dänische Filmemacher Kaspar Astrup Schröder hat Ryuichi Ichinokawa, den Gründer der Agentur “Hagemashi-Tai” (übersetzt: Wir wollen dich aufheitern), für seinen Dokumentarfilm “Rent a Family” begleitet. Der Mann, der eigentlich als Angestellter bei einem Lieferservice arbeitet, führt das Unternehmen als eine Art Zweitjob. Wer sehen möchte, wie das Geschäft mit dem Leihen von Freunden, Partnern und weiteren Familienmitgliedern läuft, kann sich den Film hier anschauen.

Rent a Family 52min from Films Transit International on Vimeo.

Sex spielt bei der ganzen Sache übrigens keine Rolle. Wer gern so weit gehen möchte, muss sich auch hier an einen anderen Service wenden. Und so skurril es klingt: Eine Person zu leihen, ist in Japan nichts Ungewöhnliches und längst an der Tagesordnung. Doch nicht nur dort, sondern auch in anderen Ländern – sogar hier in Europa gibt es inzwischen einige solcher Agenturen. Doch das diese so häufig genutzt werden wie in Japan, daran glaubt Kaspar Astrup Schröder nicht: “Ich weiß, dass es ähnliche Branchen in China, Griechenland, Indien und anderen Ländern gibt. Ich habe aber meine Zweifel, ob die auch so gut laufen wie in Japan.”

Und wir haben da auch so unsere Zweifel…

Das Beitragsbild ist übrigens von Victoriano Izquierdo auf Unsplash

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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