Heuschnupfen-Anfälligkeit 2018: Warum niesen gerade so viele?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Edu Grande
Heuschnupfen
Ist es euch auch aufgefallen? Dieses Jahr ist die Zahl der Heuschnupfen-Gequälten immens hoch. Und auch Menschen, die den Allergietest eigentlich unbeschadet überstanden haben, müssen viel niesen, die Augen reiben und die Nase putzen. Was ist da los? Wir haben recherchiert und mit einer Spezialistin gesprochen.

Allergien können wirklich unglaublich unangenehm sein. Wer selbst darunter leidet oder betroffene Verwandte und Freunde im Umfeld hat, weiß: In ganz schlimmen Fällen kann sogar das ganze Leben negativ beeinflusst sein. In Deutschland sind etwa 25 Millionen Menschen von einer Allergie betroffen, erklärt die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ESCARF) – Tendenz steigend. Dazu zählen Nahrungsmittel-, Atemwegs- oder Hautallergien. Am weitesten verbreitet ist dabei die Pollenallergie, die den Heuschnupfen auslöst, eine Form der allergischen Rhinitis, einer allergisch bedingten Entzündung der Nasenschleimhaut, die auch durch andere Allergene wie Hausstaubmilben, Pilzsporen und Tierhaare ausgelöst werden kann. Erste Symptome treten oftmals bereits im Schulalter auf. Doch auch im Laufe des Lebens können sich Allergien noch entwickeln. Schützen können wir uns davor übrigens nicht, wie uns Jana Witte, Fachärztin für Dermatologie und Oberärztin am UKE in Hamburg, in einem Gespräch erklärt: “Weshalb und wann wir eine Allergie entwickeln, lässt sich kaum genau bestimmen. Leider kann es jeden bis ins hohe Alter erwischen.”

Von März bis Juli hält der Heuschnupfen Betroffene auf Trab. Brennende, juckende Augen, Kopfschmerzen, Niesattacken oder eine verstopfte Nase gehören dazu. Experten sind sich sicher, dass sich Allergien allgemein weiter ausbreiten werden und dass bis 2025 mindestens die Hälfte der EU-Bevölkerung damit zu kämpfen haben wird. Für Maria Oppermann, Ökotrophologin vom Deutschen Allergie- und Asthmabund e.V. (DAAB) sieht dabei ein großes Problem: “Es ist so, dass die Zahl der Allergiker steigt und die ärztliche Versorgung im allerlogischen Bereich zurückgeht. In ganz Deutschland bieten nur noch 1,5 Prozent aller Ärzte allergologische Leistungen an”, heißt es in einem Beitrag auf der Website. Wer Probleme hat, muss unter Umständen schon jetzt sehr lange auf einen Termin warten oder sich in der Apotheke beraten lassen – was oftmals nicht reicht, um die Symptome vollständig einzudämmen. Doch wie entsteht eigentlich eine Allergie und können wir uns nicht einfach präventiv davor schützen?

Pollenallergie

WIE ENTSTEHEN ALLERGIEN?

Nimmt der Körper eine fremde Substanz über den Magen-Darm-Trakt, die Nase oder die Haut auf, prüft das Immunsystem, ob es sich um einen Krankheitserreger handelt. Fällt die Prüfung positiv aus, wird der Krankheitserreger durch eine komplexe Abwehrreaktion bekämpft. Gelegentlich kommt es vor, dass das Immunsystem nicht zwischen schädlichen und weniger schädlichen Substanzen unterscheiden kann – somit kommt es auch zu einer Abwehrreaktion gegen harmlose Stoffe. Mediziner sprechen bei einer solchen Reaktion des Immunsystems von einer Sensibilisierung. Treten typische Symptome auf, handelt es sich um eine Allergie. Insgesamt gibt es übrigens 20.000 mögliche Auslöser. Doch Allergie ist nicht gleich Allergie. Unterschieden wird zwischen den Typen I bis IV.

Die Typ-I-Allergie, auch Soforttypallergie genannt, umfasst etwa 90 Prozent aller Allergien und kommt somit am häufigsten vor. Dazu gehören Reaktionen auf Gräser und Baumpollen, Nahrungsmittel, Bienen- und Wespengift, Tierhaare und Hausstaubmilben. Die Typ-IV-Allergie kommt am zweithäufigsten vor und wird auch als Spätallergie bezeichnet, da sie erst nach 24 bis 48 Stunden auftritt. Typisch ist das allergische Kontaktekzem auf der Haut, das unter anderem von Nickel oder Duftstoffen ausgelöst werden kann. Verantwortlich dafür sind allergenspezifische Immunzellen. Diese befinden sich im Blut und in den Lymphknoten im Unterhautgewebe. “Warum ein Mensch eine Allergie entwickelt und ein anderer nicht, lässt sich nicht eindeutig sagen. Sicherlich spielt die genetische Vorbelastung eine Rolle. Das Risiko für eine Allergie steigt, wenn diese bereits in vorherigen Generationen aufgetreten ist. Am Ende ist es allerdings reiner Zufall. Das Immunsystem kann jedoch auch jederzeit eine Fehlregulation entwickeln und plötzlich eine Abwehrreaktion starten”, weiß die Expertin.

Nicht nur bei uns in Deutschland, sondern weltweit ist die Anfälligkeit für Allergien gestiegen. Warum das so sein könnte, wo also die genauen Ursachen liegen, wollen unterschiedliche Theorien und Studien erklären. So sagt Adnan Custovic, klinischer Professor der Kinderallergologie am Imperial College in London, dass die veränderten Umweltfaktoren etwas mit der steigenden Zahl an Allergikern und somit auch Heuschnupfen-Geplagten zu tun haben könnten. Da sich der genetische Hintergrund der Menschen in den letzten 50 Jahren nicht wesentlich verändert habe, seien die äußeren Umstände, laut Custovic, eine mögliche Erklärung. Klimatische Veränderungen machen sich, mehr oder weniger, auf der ganzen Welt bemerkbar. Das Immunsystem könne sich nicht schnell genug auf den stetigen Wandel einstellen. Auch Jana Witte glaubt an einen Zusammenhang zwischen den sich verändernden Umweltbedingungen und einer steigenden Zahl an Pollenallergikern: “In diesem Jahr sind besonders viele Birkenpollen unterwegs, auf die viele Menschen reagieren. Das verursacht zunehmend Probleme und die Zahl der Allergiker steigt. Es besteht zudem ein großer Zusammenhang mit dem Klimawandel, der die Pollenflugzeit verlängert. Eine weitere Rolle spielt die Umweltverschmutzung. Umweltverschmutzende Partikel hängen an den Pollen, die wir einatmen. Alle Faktoren zusammen genommen sorgen dafür, dass auch in diesem Jahr die Reaktionen besonders stark ausfallen.”

Allergie in der Kindheit

FÖRDERT ZU VIEL HYGIENE DIE ENTSTEHUNG VON ALLERGIEN?

Eine weitere Theorie ist die sogenannte “Hygiene-Hypothese” und hat mit den veränderten allgemeinen Hygienebedingungen zu tun. Mehrere Studien besagen, dass Menschen, die unter weniger hygienischen Bedingungen aufwachsen und leben, weniger Allergien entwickeln. Nicht umsonst heißt es, dass es Kindern hin und wieder gestattet sein sollte, sich im Dreck zu vergnügen. Auch der Kontakt mit Tieren soll angeblich helfen, das Risiko für auftretende Allergien zu mindern. Die American Academy of Allergy Asthma and Immunology (AAAAI)untersucht seit Längerem den Zusammenhang zwischen Menschen, die auf dem Bauerhof leben, und dem bei diesen deutlich selteneren Auftreten von allergischen Reaktionen. Untersucht wurde die Bevölkerungsgruppe in Amerika mit den wenigsten Allergien: die in Indiana lebende Untergruppe der Amischen. Sie haben keine Elektrizität, sie verwenden Kutschen und Pferde für den Transport und die Arbeit auf dem Feld. Außerdem trinken sie rohe, nicht pasteurisierte Milch. Über einhundert Kinder wurden einem Allergietest unterzogen. Sieben Prozent der getesteten Kinder wiesen Allergien auf – in anderen, “zivilisierteren” Gebieten waren es über 50 Prozent. Auch Jana Witte bestätigt uns im Gespräch, dass es immer wieder Studien gibt, die beweisen, dass Kinder, die unter bestimmten Umständen auf dem Land aufwachsen, weniger Allergien entwickeln als in der Stadt lebende Kinder. Bestimmte Keime und Mikroorganismen seien wichtig, um ein natürliches Schutzschild aufbauen zu können. Laut der AAAAI sind es vor allem die ersten Lebensjahre, in denen sich entscheidet, wie empfindlich ein Mensch auf künftige Umwelteinflüsse reagieren wird. Geschwister scheinen auch eine Rolle zu spielen: Ist ein Kind krank und steckt das andere an, kann das zur Stärkung des Immunsystems führen.

Doch gilt das nicht zwangsläufig für die Zeit der Schwangerschaft: “Hat eine Schwangere vermehrt Kontakt zu Rauch oder Schimmel, kann das ein Auslöser für später auftretende Allergien sein. Erhöhter Fischkonsum während der Schwangerschaft und des Stillens kann vorbeugend wirken – und das Stillen an sich stärkt das Immunsystem. Im Anschluss ist der Kontakt zu anderen Kindern, beispielsweise im Kindergarten, ebenfalls wichtig, um der Entstehung von Allergien entgegenzuwirken”, erklärt Jana Witte weiter.

Manchmal wird auch befürchtet, dass fehlendes Sonnenlicht für einen Anstieg der Allergien verantwortlich sein könnte. Vitamin-D-Mangel sei ein ernstzunehmendes Problem, da Vitamin-D der Schlüssel für die Entwicklung der Lunge und des Immunsystems ist. Allerdings hat Professor Catherine Hawrylowicz vom King‘s College London diese Theorie bereits in einer Stellungnahme relativiert: “Beobachtende und experimentelle Studien sagen voraus, dass Vitamin-D-Supplementierung die Anfälligkeit für akute Atemwegsinfektionen reduzieren wird, aber klinische Studien, die sich stark von diesen Erkenntnissen unterscheiden, haben keinen konsistenten Nutzen gezeigt.”

Allergie macht müde

STEHEN HEUSCHNUPFEN UND ASTHMA IN DIREKTEM ZUSAMMENHANG?

Neben tränenden, brennenden Augen, einer verstopften Nase und vielem mehr kann eine Allergie auch schwerwiegendere Folgen haben. Die steigenden Durchschnittstemperaturen und der globale Anstieg der CO2-Werte sollen nicht nur Heuschnupfen und Allergien im Allgemeinen verstärken, sondern als Folge auch die Verbreitung von Asthma beschleunigen. Dabei stehen Heuschnupfen und Asthma vermutlich sogar in einem direkten Zusammenhang miteinander. Die European Community Respiratory Health Survey (ECRHS), eine u.a. von der EU finanzierte Untersuchung aus dem Jahr 2001 hat ergeben, dass 70 Prozent der Teilnehmer mit Atemwegserkrankungen unter Asthma und gleichzeitig auch unter Heuschnupfen leiden. Die globale Initiative schätzt, dass an dieser Erkrankung jährlich etwa 250.000 Menschen sterben. Die Fachärztin für Dermatologie, Jana Witte, ergänzt: “Man spricht hier vom sogenannten Etagenwechsel. Es fängt als Heuschnupfen an und geht sozusagen eine Etage tiefer. Dass sich aus einer Pollenallergie Asthma entwickelt, ist also gar nicht so unwahrscheinlich und kann im Grunde jedem passieren.”

Auch die Anaphylaxie, bekannt als allergischer Schock, kann eine schwerwiegende Folge sein, die sogar zu Atem- und Kreislaufstillstand führen kann. In den weniger schlimmen Fällen können Juckreiz, Schwellungen, Erbrechen, Heiserkeit oder aber auch Bauchkrämpfe auftreten.

Wir stellen also fest: In diesem Jahr sind besonders viele Birkenpollen unterwegs, auf die viele Menschen reagieren. Die Umweltverschmutzung und der Klimawandel spielen laut Expertin Jana Witte ebenfalls eine große Rolle. In diesem Jahr schniefen so viele Menschen, wie schon lange nicht mehr. Dennoch hält die Dermatologin übertriebene Sorge für überflüssig: “Ja, es ist ein Aufwärtstrend zu verzeichnen. Ich würde jedoch keine Schwarzmalerei betreiben und denke nicht, dass wir in Zukunft alle unter einer Allergie leiden werden.”

Diejenigen, die bislang noch nicht an Allergien leiden, dürfen also hoffen, dass das auch so bleibt. Allen anderen ist sehr zu wünschen, dass die Pollensituation im kommenden Jahr schon wieder ganz anders aussieht…

Weitere Informationen zum Thema Allergien, Pollenflug, Ernährung und zu vielem mehr gibt es auf den Seiten des Deutschen Allergie- und Asthmabundes und bei der European Centre for Allergy Research Foundation.

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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