Das Handbuch zur Extinction Rebellion

Words by Jana Ahrens
Photography: S. Fischer
Buchcover in verschieden pinken Farbtönen mit schwarzer Aufschrift "Wann wenn nicht wir"

Während die erste umfangreichere Welle von Extinction-Rebellion-Protesten in Deutschland angekündigt wurde, gab der Verlag S. Fischer ein Buch mit dem Titel »Wann wenn nicht wir*« und dem Untertitel »Ein Extinction Rebellion Handbuch« heraus. Während die Proteste, Straßensperren und Blockaden in Berlin anliefen, las ich das Buch und vernahm die ersten linkspolitischen Distanzierungen von der Bewegung. Das Fazit nach der Lektüre und Recherche ist erhellend und verwirrend zugleich.

 

Inhalt des Buches »Wann wenn nicht wir*«

 

Bei Wann wenn nicht wir* handelt es sich um eine Sammlung von Essays, die entweder von MitgründerInnen und SympathisantInnen der Bewegung Extinction Rebellion oder von SpezialistInnen für bestimmte Themen geschrieben wurden. Dazu gehören erwartbare AutorInnen wie die Umwelt-Anwältin Farhana Yamin, der britische Landwirt Roger Hallam oder Sam Knights, die alle eine wichtige Rolle bei der Gründung der Extinction Rebellion gespielt haben.

 

Hinzu kommen aber auch Statements und sachkundige Berichte von illustren Persönlichkeiten wie der deutschen Science-Fiction-Autorin Sina Kamala Kaufmann, der Performance- und Musik-Künstlerin Anohni oder der deutschen Umweltaktivistinnen Antje Grothus und Kerstin Rudek, die federführend bei den Protesten gegen den Braunkohleabbau in NRW tätig sind (Stichwort »Hambi bleibt«).

 

 

Die Texte, die auf Umweltpapier in einem knallpinken Einband versammelt sind, befassen sich einzeln mit all den Fragen, die bei Interessierten zu einer so neuen, so radikal anmutenden Organisation wie Extinction Rebellion aufkommen könnten. Und das nicht nur pragmatisch, sondern auch emotional. Was bewegt die Menschen, die sich freiwillig festnehmen lassen? Wie schafft es die Organisation, so große Gruppen von Menschen wie beim Brückenprotest 2018 in London über einen längeren Zeitraum mit Essen zu versorgen? Was sind eigentlich die Kernziele des Protests, und was sind die Grundlagen, auf denen protestiert wird? All das ist sehr nützlich.

 

Stimmung im Handbuch zur Rebellion

 

Doch da gibt es auch noch diese andere Ebene, die – manchmal berechtigt und manchmal verwirrend – schmerzhaft ist. Hier geht es tatsächlich um eine Rebellion. Wir sind – aufgrund von Abnutzung und Werbebotschaften und westlicher Sättigung – gewohnt, diesen Begriff mehr als Schlagwort zu sehen, denn als das, was er wirklich bezeichnet: den Aufstand, den Widerstand gegen die Staatsgewalt. Auch wenn sich die Mitglieder und GründerInnen von Extinction Rebellion auf absoluten Gewaltverzicht festgelegt haben, so ist ihre Rhetorik doch von so starken, emotionalen und bedingungslosen Worten geprägt, dass es erst einmal richtig schwer fällt, sich auf diese Form der sprachlichen Radikalität (die manchmal arg rückwärtsgewandt wirkt) einzulassen. Doch war mir beim Lesen auch oft nicht klar, ob das tatsächlich an den Aufsätzen selber lag oder daran, dass ich mich innerlich schon gegen die Drastik der bevorstehenden Klimakatastrophe abgeschottet habe. Das müssen alle LeserInnen für sich selbst herausfinden.

Natürlich ist es nicht einfach, sich über 226 Seiten hinweg damit auseinanderzusetzen, dass viele kluge Menschen inzwischen der Ansicht sind, dass wir die Klimakatastrophe auch dann nicht mehr werden aufhalten können, wenn wir jetzt so richtig Gas geben. Dass genau diese Menschen in den meisten Fällen schon einen Weg gefunden haben, trotz dieser Einstellung einen positiven Blick auf ihre Zukunft zu behalten – und auch versuchen, die Strategien dafür mit den LeserInnen zu teilen – heißt nicht automatisch, dass der Funke direkt überspringt. Erst einmal sind die dystopischen Aussagen gravierend. Und die Idee, dann fix einfach Kraft aus Liebe zu schöpfen, um trotzdem noch eine erstrebenswerte Zukunft möglich zu machen, ist sicherlich eine gute. Doch das ist leichter gesagt als getan.

 

Linkspolitische Kritik an der Extinction Rebellion

 

Und dann ist da ja noch die andere Frage: Ist die Kritik aus dem linken Lager, die Extinction Rebellion als sektenartige, kapitalismus-unkritische, indoktrinierende und dadurch extrem gefährliche Bewegung bezeichnet, berechtigt?

Jein. Noch ist nicht klar, wohin sich diese Bewegung entwickeln wird. Das sagen auch die, die sich in diesem Buch transparent über deren Strukturen und Ziele äußern. Wie bei so vielen Bewegungen und Rebellionen kann den GründerInnen zuerst einmal attestiert werden, dass sie das ganz große Gute erreichen wollen. Doch eine Massenbewegung, die auf flachen Hierarchien, freiwilliger Partizipation und Eroberung von Neuland basiert, kann nur bedingt kontrollieren, ob die Grundwerte ihrer Idee tatsächlich international so umgesetzt werden, wie es anfänglich gedacht war.

 

Dass Extinction Rebellion jedoch gezielt Menschen gegen ihre eigenen Interessen arbeiten lassen möchte, sie manipuliert und bewusst gefährdet, kann ich nach allem, was die ProtestteilnehmerInnen, MitbegründerInnen und SympathisantInnen in diesem Buch berichten, nicht für möglich halten.

 

Es bleibt den geneigten Interessierten allerdings nichts anderes übrig, als die Arbeit dieser Bewegung weiterhin selber zu verfolgen, sich vielleicht sogar vor Ort ein konkretes Bild der Lage zu machen und die eigenen Werte immer wieder unter die Lupe zu nehmen, um sie mit denen der Protestierenden abzugleichen.  Dieses Buch bietet genau dafür einen sehr guten Einstieg. 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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