Gendergleichheit: Wie gerecht ist die deutsche Sprache?

Words by Arzu Gül
Photography: Trent Szmolnik via Unsplash
Genderleicht: Frau schreibt mit Stift am Schreibtisch

Diskriminierungsfrei sprechen und schreiben geht ganz einfach: Das Portal Genderleicht.de macht es nun vor und verrät viele nützliche Tipps und Tricks.

 

Gendergerechtes Schreiben und Sprechen ist in den letzten Jahren zu einem Streitthema geworden. Viele Menschen finden das korrekte Gendern übertrieben und haben das Gefühl, es verkompliziere die deutsche Sprache unnötig. Von manchen wird der Wunsch nach Geschlechterneutralität gar als »Genderwahn« verunglimpft. Doch tatsächlich ist der bewusste Umgang mit unseren täglichen Worten und Aussagen wichtiger denn je. Denn: Studien haben ergeben, dass beim Lesen einer rein männlichen Berufsbezeichnung wie beispielsweise »Politiker« oder »Arzt« im Gehirn direkt die Assoziation mit einem Mann hervorgerufen wird. Die wenigsten denken bei diesen Begriffen an eine Frau, weshalb man es sich zu leicht macht, wenn man sagt, die männliche sei auch zugleich die genderneutrale Form (das sogenannte »generische Maskulinum«).

Genderleicht.de gibt Hilfestellungen für alle

Aus diesem Grund hat der Journalistinnenbund im Juni 2019 das Portal Genderleicht veröffentlicht – ein Serviceangebot für JournalistInnen, aber auch für alle anderen, die schreiben, fotografieren, Audio- oder Videoinhalte produzieren oder einfach Interesse daran haben, gendergerechtes Schreiben und Sprechen zu erlernen. Bei dem Projekt geht es nicht darum, als eine Art »Genderpolizei« den mahnenden Zeigefinger zu erheben. Vielmehr sollen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt und für eine gleichberechtigte Sprache im Alltag sensibilisiert werden. Das Motto von Genderleicht ist: »Alle sind gleich wichtig. Alle sind gleich viel wert. Gendern bringt das auf den Punkt.«

Was viele nicht ahnen: Beim genderneutralen Schreiben muss sich niemand starren Vorgaben unterwerfen. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Formen, die genutzt werden können, um alle Geschlechter mit einzubeziehen. Am bekanntesten ist wohl die amtlich korrekte Formulierung mit Schrägstrich (»Lehrer/-in«), aber auch Binnen-I (»LehrerIn«), Gendersternchen (»Lehrer*in«) und Gendergap (»Lehrer_in«) werden in der deutschen Medienlandschaft immer häufiger genutzt. 

Genderneutralität für intergeschlechtliche Identitäten

Wem diese Formen zu abstrakt sind oder den Lesefluss stören, kann aber auch beide Geschlechtsformen ausschreiben (»Lehrer und Lehrerin«) oder durchgehend neutral bleiben und auf die Einbindung von männlichen und weiblichen Formen ganz verzichten. Letzteres ist auch aufgrund von immer mehr intergeschlechtlichen Identitäten zu empfehlen. Zwar sollen Gendersternchen, Gendergap und Co. die Vielfalt der Geschlechter verdeutlichen, jedoch bleibt immer eine Assoziation zu Frau oder Mann bestehen. Mit einer neutralen Umschreibung (z. B. »die Lehrkräfte«) werden auch die 160.000 Menschen in Deutschland miteinbezogen, deren Geschlecht sich nicht eindeutig als männlich oder weiblich zuordnen lässt.

Wie spreche ich gendergerecht?

Beim Sprechen empfiehlt Genderleicht entweder die Nennung beider Geschlechtsformen in immer wieder unterschiedlicher Reihenfolge oder einfach die Aussprache der Lücke. Das Gendergap, wie beispielsweise in »Politiker_innen«, lässt sich mit einer kleinen Pause zwischen dem männlichen Wortstamm und der weiblichen Nachsilbe sprechen und bezieht damit auch im täglichen Sprachgebrauch männliche, weibliche sowie weitere Geschlechtsformen mit ein.

Da für die Umstellung auf genderneutrales Sprechen und Schreiben ein wenig Übung notwendig ist, bietet die Webseite viele Tipps & Tools, Video-Anleitungen und Audio-Dateien zum Thema. Menschen, die beruflich in den Medien tätig sind, können sich bei Genderleicht ebenfalls Unterstützung holen. Im integrierten Textlabor lassen sich konkrete Fragen zu Begriffen und Formulierungen stellen, die das Team hinter dem Projekt beantwortet und für alle zugänglich macht. 

Unterstützt wird das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Während der zweieinhalbjährigen Förderzeit wird das Portal laufend aktualisiert, bietet Weiterbildungen, Infos, Newsletter und viele Aktivitäten im Social-Media-Bereich an. Es lohnt sich also, regelmäßig hineinzuschauen und sich ab und zu auch einmal selbst zu kontrollieren. Denn: Mit etwas Übung fällt das genderneutrale Sprechen und Schreiben bald nicht mehr schwer und kann so im Alltag Mitmenschen für die Wichtigkeit der Gleichberechtigung sensibilisieren.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

1 Kommentar

Anonym
#2 — vor 2 Wochen 2 Tage
Bei der Arzt oder der Politiker gibt es auch eine weibliche Form (die Ärztin,die Politikerin), daher könnte man je nach Fall die männliche oder weibliche Form benutzen oder auch ein Mischung (der/die Ä-/Arzt/in, der/die Politiker/in.

MfG L.L.

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