Deutschland wird immer älter – wo bleibt der Nachwuchs?

Words by Arzu Gül
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Alte Frau sitzt am Fenster - Geburtenraten Deutschland

Sinkende Geburtenraten, immer ältere Mütter: Deutschland steht vor einem gesellschaftlichen Problem.

Deutschland hat eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Nur durch die Zuwanderung junger Menschen aus dem Ausland können wir aktuell laut ExpertInnen einen Bevölkerungsschwund aufhalten. Doch warum entscheiden sich hierzulande immer mehr Frauen gegen ein Kind? Und welche Auswirkungen hat dies auf die Gesellschaft?

»Ein Kind? Das passt gerade überhaupt nicht. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn die Lebensumstände geeigneter sind« – so oder so ähnlich lautet immer häufiger die Antwort junger Frauen in ihren 20ern und 30ern, wenn sie nach ihrer Familienplanung gefragt werden. Die berufliche Situation ist unsicher, die eigenen Karrierewünsche sollen vorher noch erfüllt werden, die finanzielle Lage bedarf größerer Stabilität, es findet sich kein/e passende/r LebenspartnerIn – es gibt heutzutage viele Gründe dafür, kein Kind zu bekommen.

Die Geburtenraten sind erneut gesunken

2019 ist die Zahl der Neugeborenen in Deutschland mit insgesamt 778.100 Babys um 9.400 gegenüber dem Vorjahr gesunken. Laut statistischem Bundesamt (Destatis) lag die zusammengefasste Geburtenziffer damit bei 1,54 Kindern je Frau. 2018 lag dieser Wert noch bei 1,57 – auch schon nicht glorreich, aber immerhin. Obwohl in den letzten Jahren auch immer mal wieder ein leichter Geburtenanstieg verzeichnet wurde, liegt der Wert doch noch immer weit entfernt von dem sogenannten Bestandserhaltungsniveau, das 2,1 Kinder je Frau ansetzt. Dieser Begriff beschreibt das Geburtenniveau, bei dem der Erhalt der Elterngeneration durch die Kindergeneration gesichert ist. Nach aktuellem Stand schrumpft also unsere Bevölkerung mit jeder Generation.

Die sinkende Geburtenrate hängt dabei maßgeblich mit dem immer höheren Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes zusammen. 2009 lag dieses noch bei 28,8 Jahren, heute liegt der Wert schon bei über 30,1 Jahren. Obwohl eine spätere Schwangerschaft und Geburt aus medizinischer Sicht häufig mit höheren Gesundheitsrisiken für Mutter und Kind einhergeht, haben Kinder älterer Mütter durchaus viele soziale und psychologische Vorteile. Für die Geburtenrate bedeutet dies aber wiederum, dass Frauen nach dem ersten Kind ein kleineres Zeitfenster für weiteren Nachwuchs haben und sich daher einen Wunsch nach drei oder mehr Kindern oft nicht mehr erfüllen können. Nur 16 Prozent aller Familien in Deutschland haben heute drei oder mehr Kinder.

Vater, Mutter, Kind. Statistisch gesehen die typische Familienkonstellation in Deutschland.

Warum entscheiden sich Eltern immer häufiger gegen eine Großfamilie?

Es ist interessant: Laut einer Umfrage des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung wünscht sich ein Großteil der jungen Erwachsenen in Deutschland häufig drei oder mehr Kinder, ohne diesem Wunsch jedoch später nachzugehen. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kinderwunsch- und tatsächlicher Kinderzeugung muss also etwas geschehen, das diesen Wunsch entweder umkehrt oder aber unmöglich macht. Die Umfrage liefert bereits einen ersten Hinweis für diese Diskrepanz: Mehr als die Hälfte der befragten Erwachsenen, die sich eigentlich mehrere Kinder wünschen, sind gleichzeitig der Meinung, dass sich nur Familien mit genügend Geld viele Kinder »leisten« sollten.

Tatsächlich findet in jüngeren Generationen eine Stigmatisierung hinsichtlich kinderreicher Familien statt (als solche gelten Familien mit drei oder mehr Kindern). Häufig werden Großfamilien als ärmlich oder zumindest finanzschwach beschrieben, es wird von einem geringeren Bildungsniveau ausgegangen. Leider sind tatsächlich ein Viertel der kinderreichen Familien in Deutschland armutsgefährdet. Doch warum ist das so?

Kinder führen zu erhöhtem Armutsrisiko

Trotz vieler Bestrebungen, Familienleben und Berufstätigkeit miteinander vereinbar zu machen, ist es heute noch immer schwierig, beide Lebensbereiche erfolgreich miteinander zu verknüpfen. Erwerbsunterbrechungen zur Kindererziehung nach der Familiengründung führen in vielen Fällen zu Einkommenseinbußen. Nach der Geburt eines Kindes gibt meist ein Elternteil vorübergehend die Berufstätigkeit auf, in 95 Prozent der Fälle die Mutter. Je länger und häufiger die Erwerbstätigkeit ausgesetzt wird, umso schlechter ist es später um die Rückkehrmöglichkeiten, Karrierechancen und die eigene Altersvorsorge bestellt. Im Vergleich zu den Einkommen kinderloser Paare sind Familien somit finanziell deutlich benachteiligt – zumal gleichzeitig ihr Bedarf steigt, denn Kinder kosten Geld, nicht zuletzt, weil mehr Wohnraum benötigt wird. Die Folge: Das Armutsrisiko steigt. Ein Szenario, das wohl den meisten jungen Erwachsenen widerstrebt.

Leider wird eine frühe Elternschaft immer noch häufig auf dem Arbeitsmarkt bestraft.

Martin Bujard - Forschungsdirektor Bundesinstitut für Bevölkerungsforsschung

Martin Bujard, Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, erklärt: »Kinderwünsche werden oft erst dann angegangen, wenn beide beruflich Fuß gefasst haben.« Besonders deutlich sei dieser Umstand bei Akademikerinnen. Diese seien bei der Geburt des ersten Kindes im Durchschnitt 32 Jahre alt. Mehr als die Hälfte von ihnen sei im Alter von 35 (noch) kinderlos.

Kaum Nachwuchs – das Ende der bisherigen Sozialsysteme?

Für die Politik sind dies wichtige Botschaften. Denn bei der Geburtenrate und der Familienplanung geht es nicht nur um die eigene individuelle Selbstverwirklichung, sondern auch um hochgradig relevante gesellschaftliche Themen. Kinderreiche Familien leisten einen wichtigen Beitrag für den Fortbestand der Gesellschaft, darunter die Gewährleistung einer leistungsfähigen Volkswirtschaft, die Finanzierung des Rentensystems und die Entwicklung der sozialen Sicherungssysteme.

Schon heute ist die Funktionsfähigkeit der sozialen Systeme aufgrund der demographischen Entwicklung nicht mehr vollständig gewährleistet. Denn sowohl der gesetzlichen Krankenversicherung als auch der gesetzlichen Rentenversicherung liegt das Umlageverfahren zugrunde. Bei der Rente bedeutet dies beispielsweise, dass BeitragszahlerInnen die Bezüge der aktuellen RentenbezieherInnen finanzieren und so einen Anspruch auf eine eigene spätere Rente erwerben – die dann von der nachfolgenden Generation erwirtschaftet werden muss. Inzwischen muss aber eine immer kleiner werdende Gruppe von EinzahlerInnen eine immer größer werdende Anzahl von RenterInnen finanzieren, denn es werden nicht nur immer weniger Kinder geboren, die Menschen werden auch immer älter. Die gesetzliche Rentenversicherung kann in absehbarer Zeit also nur noch als Grundsicherung dienen. Schon heute empfehlen ExpertInnen ArbeitnehmerInnen daher, sich rechtzeitig um eine Privatvorsorge zu kümmern.

Auch bei den Krankenversicherungen greift ein ähnlicher Effekt: Einerseits werden die Menschen immer älter und damit auch anfälliger für Krankheiten und Altersleiden, andererseits sinkt die Anzahl der BeitragszahlerInnen. Dies wiederum führt unweigerlich zu immer höheren Beitragskosten und der Notwendigkeit alternativer Modelle.

Sollte die Bevölkerung in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten weiterhin schrumpfen und älter werden, stehen aber noch weitere wichtige Fragen offen im Raum: Welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf die Zahl der Erwerbstätigen und damit auch auf die gesamte Wirtschaft haben? Wie wird sich der demographische Wandel auf die Innovations- und Leistungsfähigkeit des Landes auswirken? Welchen Stand wird Deutschland im internationalen System einnehmen?

Wenn die jüngere Generation die Rente der älteren Generation nicht mehr tragen kann, muss Deutschland seine Sozialsysteme neu gestalten

Die Politik muss Familienmodelle attraktiv gestalten

Um der sinkenden Geburtenrate entgegenzuwirken, bedarf es also vor allem einer klaren Vereinbarkeit von Beruf und Familie und einer fördernden Familienpolitik, die die Entscheidung zugunsten von eigenen Kindern erleichtert. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sei hierfür eine stärkere finanzielle Unterstützung von kinderreichen Familien notwendig, aber auch die Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur.

Heutzutage sei die berufliche Teilhabe von großer Bedeutung, insbesondere für gut ausgebildete Frauen. Daher müsse die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch entsprechende gesetzliche Regelungen sichergestellt sowie eine finanzierbare und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung gewährleistet werden. Der Mangel an geeigneten Kindergartenplätzen in Deutschland ist bereits seit Jahren ein großes Problem. Schon mit dem ersten Kind tun sich hier große Schwierigkeiten auf, sowohl in Bezug auf die Organisation von Betreuungsmaßnahmen als auch auf deren Finanzierung. Für viele Eltern ist dies einer der Gründe dafür, sich den Wunsch nach weiterem Nachwuchs nicht zu erfüllen. Die Bereitstellung von qualitativ hochwertigen Kindergärten, die beispielsweise direkt an Unternehmen angeschlossen werden, könnte die Entscheidung für weitere Kinder positiv beeinflussen. Des Weiteren müsse für große Familien bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden – besonders in den teuren deutschen Großstädten macht ein diesbezüglicher Mangel den Wunsch nach drei oder mehr Kindern unmöglich.

Laut ExpertInnen der University of Washington werde sich die Fruchtbarkeitsrate bis 2050 auf 1,9 Kinder je Frau reduzieren. In rund 23 Ländern, darunter auch Deutschland, soll sich die Bevölkerung bis zur Jahrhundertwende daher halbieren. Gegenüber der Deutschen Welle gibt sich Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungswachstum demgegenüber optimistisch: »Prognosen über die Geburtenrate für so einen langen Zeitraum halte ich für pure Spekulation. Man kann zwar die Bevölkerungsgröße und -alterung für einige Jahrzehnte vorausberechnen, aber speziell die Geburtenrate hängt von heute noch unbekannten Faktoren ab.«

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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