Frauen in der Formel 1: Es ist Zeit für eine neue Ära

Words by Arzu Gül
Photography: Kireyonok_Yuliya / Freepik
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Frauen in der Formel 1 - Closeup Frau Augen im Rennfahrerhelm

Frauen in der Formel 1: Bisher handelte es sich um seltene Ausnahmen. Doch inzwischen zeigen immer mehr Frauen, dass sie im Rennsport genauso erfolgreich sein können, wie ihre männlichen Kollegen. Wer diese Frauen sind, welche außergewöhnlichen Leistungen sie erbracht haben und welche Zukunft Frauen im Rennsport haben.

 

In wohl keinem anderen Sport der Welt sind Frauen so gering vertreten wie im Motorsport. Schaut man sich die Anzahl der Frauen an, die je eine Formel-1-Weltmeisterschaft bestritten haben, so ist die Auswahl ziemlich ernüchternd. 

Die Italienerin Maria Teresa de Filippis aus Neapel war die erste Frau, die je in einem Formel-1-Rennen startete – und das zu einer Zeit, in der die Mehrheit der Frauen nicht einmal einen Führerschein besaß. 1958 ging sie beim Grand Prix von Belgien in einem Maserati an den Start und wurde Zehnte. Ganze 17 Jahre dauerte es, bis wieder eine Frau an einer Formel-1-Weltmeisterschaft teilnahm: Maria Grazia »Lella« Lombardi, ebenfalls italienische Automobilrennfahrerin, fuhr 1975 beim Großen Preis von Spanien mit und erhielt als erste und einzige Frau jemals eine Punkteplatzierung in der Formel 1. 

Susie Wolff gründet Organisation für weibliche Nachwuchstalente

Auch später gab es immer wieder vereinzelt Frauen in der Rennsport-Geschichte, jedoch reichte es nie für eine Qualifikation oder Platzierung in der Königsklasse Formel 1. Die wohl bekannteste Anwärterin, die in jüngerer Zeit für die Formel 1 gefahren ist, ist Susie Wolff. Die britische Automobilrennfahrerin war von 2012 bis 2015 Test- und Entwicklungsfahrerin für das Williams-Team. Obwohl sie mit ihren Leistungen durchaus überzeugen konnte, wurde ihr ein Rennstart verwehrt. Inzwischen ist sie Teamchefin des Formel-E-Teams Venturi und hat einen gemeinnützigen Verein für weiblichen Rennfahrerinnen-Nachwuchs gegründet. 

»Dare to be Different« (zu Deutsch: »Mut zum Anderssein «) soll jungen Mädchen zwischen 8 und 18 Jahren den Zugang zum Motorsport ermöglichen und Karrieremöglichkeiten aufzeigen und sie ganz allgemein für den Sport begeistern. Dabei muss es nicht zwangsläufig um eine Karriere als Rennfahrerin gehen – auch als Ingenieurin, Journalistin oder Testfahrerin kann man es in der Branche weit bringen. Das beweisen Frauen wie Monisha Kaltenborn, ehemalige Chefin des Sauber-Teams, oder Claire Williams, stellvertretende Teamchefin des Weltmeister-Teams Williams. Tatsächlich gibt es immer mehr Frauen, die auf diversen Managerinnen-Posten einen starken Einfluss im Motorsport haben. Doch warum werden sie nicht auch in den Renncockpits eingesetzt?

Frauen scheitern an fehlenden Sponsoren und finanzieller Hilfe

Die kolumbianische Rennfahrerin Tatiana Calderón, die seit 2019 für Arden International in der Formel-2-Meisterschaft fährt und Testfahrerin in der Formel-1 ist, ist sich sicher: Es liegt an der fehlenden finanziellen Unterstützung. Tatsächlich ist der Rennsport mit einem extremen finanziellen Aufwand verbunden. Zum Vergleich: Eine Teilnahme an einer Formel-3-Saison kostet etwa 800.000 Euro, in der Formel-2 liegen die Kosten schnell bei 1-2 Millionen Euro. Geld, das die meisten AnwärterInnen nicht haben. Laut Calderón benötigen RennfahrerInnen daher Unterstützung in Form von Sponsoren oder Förderprogrammen. Die Suche nach entsprechenden Geldgebern gestaltet sich aber als sehr schwierige Aufgabe.

Auch Sophia Flörsch, Deutschlands erfolgreichste Rennfahrerin, sieht das so. In zahlreichen Interviews erklärt sie, dass das Problem der weiblichen Benachteiligung nicht an der körperlichen Herausforderung der Sportart liege, sondern an fehlender Chancengleichheit und Förderung. Um es als RennfahrerIn weit zu bringen, bedürfe es etlicher Trainings- und Renneinheiten. Diese müssten durch einen Sponsor getragen werden. Da es bisher aber keine Frau erfolgreich in die Formel 1 geschafft habe, seien die Förderangebote sehr überschaubar. Das Resultat: Der weibliche Nachwuchs erhalte nicht die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten wie die männlichen Kollegen und damit auch keine Chance auf eine Qualifikation.

W-Series: Umstrittene Formel-Meisterschaft für Frauen

Nicht zuletzt aus diesem Grund haben der ehemalige Formel-1-Pilot David Coulthard und Star-Designer Adrian Newey (Red Bull Racing) 2019 erstmalig die »W-Series« ins Leben gerufen, eine internationale Rennserie nur für Frauen. Der Wettbewerb wird mit Formel-3-Rennwagen bestritten und wurde für die zweite Saison 2020 bereits ins Rahmenprogramm der Formel 1 aufgenommen. Für die Teilnahme ist, anders als bei konventionellen Meisterschaften, kein teures Startgeld nötig. Die Anwärterinnen durchlaufen ein mehrteiliges Bewerbungsverfahren und können sogar ein beachtliches Preisgeld von 500.000 Euro gewinnen.

In der offiziellen Mitteilung der Organisation hieß es, ein Frauenwettbewerb sei notwendig, um eine höhere weibliche Beteiligung zu »erzwingen«. Sobald die Pilotinnen genug Erfahrungen gesammelt hätten, stünde einem Aufstieg in die offiziellen Meisterschaften aber nichts im Wege. Aus den Kreisen bekannter Rennfahrerinnen hagelte es dennoch starke Kritik. Die britische IndyCar-Pilotin Pippa Mann sprach von einem »traurigen Tag für den Motorsport«. Auch Sophia Flörsch lehnte eine Teilnahme an den W-Series ab. Für sie stelle es einen sportlichen Rückschritt dar. Sie wolle sich im Wettstreit mit den Besten messen, unabhängig vom Geschlecht.

Erste Gewinnerin erhält 500.000 € und darf Formel 1 Wagen fahren

Obwohl die Kritik in vielen Punkten nachvollziehbar ist, bietet die W-Series Frauen im Rennsport erstmalig ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Auch die anfänglich sehr kritische DTM-Pilotin Ellen Lohr zeigt sich inzwischen zuversichtlich. Nach einer erfolgreichen ersten Saison gebe die Rennserie weiblichen Pilotinnen »eine Möglichkeit zu fahren, tatsächlich Geld zu verdienen und Aufmerksamkeit zu erregen«. 

Gewonnen hat die erste Auflage der Frauen-Rennklasse übrigens Jamie Chadwick. Die 21-jährige Britin wird auch 2020 wieder antreten, um ihren Titel zu verteidigen. Parallel wird sie außerdem als Entwicklungsfahrerin beim Formel-1-Team Williams tätig sein. Obwohl eine Chance auf einen Renneinsatz in der Formel 1 aktuell noch unwahrscheinlich ist, könnte dies der Grundstein für eine Karriere ganz oben an der Spitze sein. 

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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