Kinder aus dem Haus: Die große Leere und was danach kommt

Words by Arzu Gül
Photography: Freepik
Lesezeit: 3 Minuten
Empty-Nest-Syndrom Ehepaar sitzt getrennt voneinander und wirkt deprimiert

Wenn die eigenen Kinder das Haus verlassen, ist da erst einmal eine große Leere und Einsamkeit. Wie schaffen es Eltern, in der Mitte ihres Lebens sich selbst neu zu finden und mit dem Empty-Nest-Syndrom klarzukommen?

Es ist ein ganz natürlicher Prozess: Wer Kinder hat, zieht diese in der Regel so lange auf, bis sie dazu in der Lage sind, ihr Leben alleine zu bestreiten und eigenständig durch die Welt zu gehen. Und das ist harte Arbeit. Etwa zwei Jahrzehnte lang verbringen Eltern ihre Zeit damit, ihren Kindern beizubringen, was richtig und was falsch ist, worauf es im Leben ankommt und wie sie auf eigenen Füßen stehen können. Sie überstehen Schrei- und Trotzphasen, kleinere und größere Krisen und die Pubertät, sie unterstützen bei den Hausaufgaben, bei Liebeskummer oder in der Selbstfindungsphase. Sie kochen, machen den Haushalt, fahren den Nachwuchs zu Veranstaltungen, planen Arzttermine und organisieren den gesamten Alltag. Doch rückblickend scheint nichts von dem so schwer gewesen zu sein, wie der Abschied, wenn die Kinder das Haus verlassen.

Ist es soweit und der Nachwuchs wird flügge, werden viele Eltern mit dem gefürchteten »Empty-Nest-Syndrom« (zu Deutsch: Leeres-Nest-Syndrom) zurückgelassen. Der Begriff wurde bereits in den 60er Jahren von amerikanischen Soziologen geprägt und beschreibt die Gefühle von Einsamkeit und Trauer bei Eltern, wenn ihre Kinder ausziehen, um ihr Leben fortan alleine zu bestreiten. Klinisch gesehen fällt das Empty-Nest-Syndrom in die Kategorie der »Anpassungsstörungen«, ähnlich wie beim Verlust des Arbeitsplatzes, einer Scheidung, dem Verlust eines Elternteils oder einem Umzugs in eine neue Stadt. Die Verlustangst sowie das Wegfallen der vertrauten Routinen können in schlimmeren Fällen sogar in eine Depression führen.

Eltern bereiten ihre Kinder die meiste Zeit darauf vor, auf eigenen Füßen zu stehen. Ist es jedoch soweit, bricht häufig eine große Trauer ein.

Die Symptome: Angst und Trauer

Laut ExpertInnen gibt es eine Reihe von Symptomen, an denen das Empty-Nest-Syndrom ausgemacht werden kann. Typisch sind Gefühle von Trauer und Einsamkeit, ein tiefes Verlustgefühl, Schlafstörungen und Albträume, aber auch Schuldgefühle. Viele Eltern hinterfragen zu diesem Zeitpunkt, ob sie genug für ihre Kinder getan haben, und durchleben retrospektiv noch einmal Situationen, in denen sie sich gewünscht hätten, anders gehandelt zu haben. Hinzu kommt ein Gefühl der Sinnlosigkeit und die Frage nach dem Zweck der eigenen Existenz. Wer jahrzehntelang seinen Alltag für seine Kinder aufgeopfert hat und nur wenige Hobbys oder Sozialkontakte hat, kommt mit der ungewohnten Stille häufig schlechter zurecht. Das Haus bleibt sauber, es gibt keinen Termindruck mehr und das Kochen für ein oder zwei Personen erscheint fast schon überflüssig. Das Ergebnis: Eltern fühlen sich nutzlos und nicht mehr gebraucht.

Dieser plötzliche Wandel der eigenen Situation stellt auch eine Belastung für die Beziehung dar. EhepartnerInnen, die in der Vergangenheit häufig von Freizeit und Zweisamkeit träumten, haben sich auf einmal unerwartet wenig zu sagen. Wenn die eigenen Kinder als Gesprächsthema wegfallen, erkennen viele, dass sie einander mit den Jahren entfremdet haben. Doch so zu fühlen ist normal. Angesicht der körperlichen, emotionalen und auch finanziellen Anforderungen der Kindererziehung ist es nur verständlich, dass die Ehe in vielerlei Hinsicht lange eine untergeordnete Rolle eingenommen hat. Umso wichtiger ist es, die eigene Gefühlswelt zu erkennen und zu verstehen, um dem Empty-Nest-Syndrom dann aktiv entgegenzusteuern.

Ehepaare müssen sich nach dem Auszug der Kinder häufig ganz neu kennenzulernen und bewusst Zeit füreinander nehmen

Was hilft bei einem Empty-Nest-Syndrom?

Ganz oben auf der Prioritätenliste sollten sinnvolle Beziehungen zu anderen Menschen stehen. Denn wer mit anderen über seine Sorgen und Gefühle sprechen kann, fühlt sich weniger allein. Insbesondere andere Eltern, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, können die eigene Gefühlswelt gut nachvollziehen und einem beistehen. Wer in den letzten Jahren wenig soziale Kontakte gepflegt hat und auf kein Netzwerk von Bekannten zurückgreifen kann, sollte sich im Wohnort nach verschiedenen Vereinen, Hobby-Kursen oder Aktivitäten umschauen. Dort lassen sich sehr schnell Gleichgesinnte finden und neue Freundschaften schließen.

Eine neue Beschäftigung zu finden ist dabei genauso wichtig wie die sozialen Kontakte selbst. Ein neues Hobby kann eine tolle Herausforderung sein und den eigenen Horizont erweitern, vor allem aber bringt es Spaß und füllt den Alltag aus. Eine neue Sprache lernen, Kunst- oder Handwerkskurse, der Besuch von Ausstellungen und Konzerten oder eine neue Sportart. Heutzutage gibt es ein breites Spektrum an vielfältigen Freizeitangeboten, die bei Empty-Nest-Syndrom unbedingt in Anspruch genommen werden sollten.

Soziale Projekte können Wunder bewirken

Auch wenn die eigenen Kinder einen nicht mehr täglich brauchen, so gibt es viele Menschen, die sich über Hilfe im Alltag freuen und sogar darauf angewiesen sind. PsychologInnen betonen immer wieder den heilenden und erfüllenden Effekt von sozialer Arbeit und Ehrenämtern. Viele wohltätige Organisationen suchen händeringend nach freiwilligen HelferInnen, die sich um kranke, alte oder junge Menschen kümmern, Fahrgemeinschaften anbieten oder bei alltäglichen Aufgaben unterstützen. Besonders Eltern, denen die Fürsorge für andere Menschen fehlt, können hier eine sinnvolle Aufgabe finden.

Und natürlich sollten EhepartnerInnen die neugewonnene Zeit auch dafür nutzen, sich gegenseitig wieder besser kennenzulernen. Gemeinsame Unternehmungen und Projekte im Haus sind eine Möglichkeit, sich näher zu kommen und abseits des Elterndaseins Gesprächsthemen zu finden. Auch Reisen oder Wochenendunternehmungen mit FreundInnen können die Beziehung wieder aufleben lassen und die Liebe neu entfachen. Natürlich sind diese Art von Unternehmungen durchaus auch ohne einen festen Partner oder eine feste Partnerin möglich.

Mit dem Auszug der Kinder endet ein großer Lebensabschnitt. Wichtig ist es aber, nach vorne zu blicken und das neue Kapitel im Leben zu begrüßen. Auch wenn die erste Zeit nach dem Abschied erst einmal sinnlos und leer erscheinen mag: Das Empty-Nest-Syndrom ist nur ein temporärer Zustand. Die neue Freiheit sollte daher als Chance gesehen werden, endlich den eigenen Bedürfnissen und Träumen wieder mehr Raum zu geben. Die Kinder sind zwar aus dem Haus, aber nicht aus der Welt. In den meisten Fällen bleiben sie für immer ein fester Bestandteil des Lebens. Ein tröstlicher Gedanke!

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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