Doppelbelastung Pferd: So geht‘s Reiter*innen

Words by Jana Ahrens
Photography: julias_equinelife
Bild vom Rücken einer Frau, die auf einem dunkelbraunen Pferd sitzt und die Zügel hält.

Ein Pferd zu besitzen ist für viele mehr als ein Hobby. Wenn Beruf, Partnerschaft, Familie und die Liebe zum Pferd kollidieren, dann lässt sich das schon mal als eine Art Doppelbelastung beschreiben. Wie gehen LeistungssportlerInnen und Hobby-ReiterInnen damit um?

 

Viele Menschen betreiben mit großer Leidenschaft ihre Hobbys. Ob es der eigene Garten ist oder das Ziel, einen Triathlon zu meistern oder das Modellboot zu perfektionieren – niemandem sollte abgesprochen werden, für diese Themen zu brennen. Doch wenn beim Freizeitvergnügen ein anderes Lebewesen involviert ist, dann bekommt das ganze Thema noch einmal eine neue Qualität. Anders als Hunde, Katzen und Hasen, die alle ein Zuhause mit uns teilen können, braucht so ein Pferd nicht nur Aufmerksamkeit, Pflege und Bewegung, sondern auch eine Menge Platz. Also heißt es Pendeln zwischen Job, Stall, Freunden und Familie.

Julias sportliches Reitpferd Galileo möchte viel bewegt und herausgefordert werden.

»Reiten ist mehr als nur ein Hobby«

So empfinden viele ReiterInnen ihr Verhältnis zu den Pferden als ihre ganz eigene Art der Doppelbelastung, die sie trotzdem gern und bereitwillig auf sich nehmen.

Pferdeliebhaberin und Instagrammerin Julia Bruns erklärt es so:

»Mein Pferd Galileo ist für mich wie mein Kind. Das mag sich für „Nichtreiter“ verrückt anhören. Aber ich würde das durchaus vergleichen. Geht es Leo nicht gut, weil er beispielsweise krank ist, geht es mir mindestens genauso schlecht. Meine Gedanken kreisen dann nur darum, wie ich ihm helfen kann, damit es ihm schnell wieder besser geht. Auch so bin ich sehr selbstkritisch und überlege täglich, was ich machen könnte, um ihm ein noch schöneres Leben zu ermöglichen. So kommt es, dass ich für Galileos Unterhalt (Stall, Futter, Osteopathie oder Training) doppelt so viel Geld im Monat ausgebe wie für mich selbst. Das stört mich aber überhaupt nicht. Ich möchte, dass es Leo an nichts fehlt. Er soll das beste Futter und die beste tierärztliche Betreuung bekommen. Da stecke ich gern zurück. Denn ich bin glücklich, wenn Leo glücklich ist.«

Hinzu kommt, dass Julia zwar eine sogenannte Hobby-Reiterin ist, mit Galileo aber trotzdem gern an Tournieren teilnimmt. Ihre Erfolge sprechen dabei nicht nur für sich, sondern auch für den umfangreichen Einsatz und ihre Investitionen für und in ihr Pferd.

 

Auch der Leistungsport Reiten schützt nicht vor Doppelbelastung

Auch international erfolgreiche PferdesportlerInnen kennen den Spagat zwischen Partnerschaft, Job, Stall und Wettkampfarena. Im Springsport wurde Laura Klaphake Ende 2018 zum absoluten Shootingstar, nachdem sie mit der Oldenburger Stute »Catch me if you can« dem deutschen Team das Siegertreppchen beim Aachener CHIO sicherte.

In der Disziplin des Springreitens müssen Pferd und ReiterIn einen Parcours aus vielen Hindernissen in einer vorher festgelegten Reihenfolge überwinden. Die verschiedenen Sprung-Herausforderungen gliedern sich in Steilsprünge, Hochweitsprünge und Geländehindernisse wie z. B. Gräben, Wassergräben oder Wälle. Ein Springreittournier setzt sich zusammen aus Springprüfungen mit Schwerpunkt auf Fehlern und/oder Zeit sowie einer Stilspringprüfung, bei der Wertnoten von 0 bis 10 mit Punktabzug für Hindernisfehler vergeben werden.

Das hieß für Klaphake nämlich auch: auf in die USA zur WM. Das Programm einer Leistungssportlerin wuppte sie allerdings neben ihrem Master in Immobilienmanagement, den sie per Fernstudium absolviert. Wird sie von der Presse zu diesem Leistungsspagat befragt, gibt sich Laura jedoch gelassen: »Manchmal ist das anstrengend… Meistens ist es aber eine schöne Abwechslung.« (fr.de)

 

 

Dass die Doppelbelastung nicht nur junge ReiterInnen trifft, zeigt das Beispiel des Vielseitigkeitsreiters Peter Thomsen. Erst der zweimalige Gewinn von olympischem Gold mit der deutschen Nationalmannschaft ermöglichte Thomsen so viele Sponsorenverträge, dass er den Vollzeitjob, den er bis dahin zusätzlich betrieben hatte, zumindest für 2 Jahre auf Eis legen konnte. So konnte er sich von 2014 bis 2016 voll auf die olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro konzentrieren. Doch danach ging es wieder zurück zur Deutschen Post, wo Thomsen als Account Manager Logistikdienstleistungen verkauft. Über seine Zeit vor der Auszeit erzählt er: »Oft habe ich morgens ab 7 Uhr schon zwei Stunden vor dem ersten Kundenbesuch trainiert… Damals bin ich oft auf dem Sofa vor den ›Tagesthemen‹ eingeschlafen.« (welt.de)

Vielseitigkeitsreiten wird heute auch „Eventing“ oder „Concours Complet“ genannt, früher hieß es auch „Military“. Tourniere im Vielseitigkeitsreiten setzen sich aus Prüfungen im Dressurreiten, im Geländeritt und im Springreiten zusammen. Weiterhin wird nach dem Geländeritt eine sogenannte Verfassungsprüfung des Pferdes durchgeführt, bei der sichergestellt wird, dass das Pferd nicht verletzt ist, einen angemessenen Ruhepuls hat und genug Wasser zu sich genommen hat. Beim Vielseitigkeitsreiten wird nach Fehlerpunkten gewertet. Das heißt, dass bei dieser Disziplin niedrigere Punktzahlen ein besseres Ergebnis bedeuten. Das Paar aus ReiterIn und Pferd, das nach Abschluss der drei Teildisziplinen die wenigsten Fehlerpunkte gesammelt hat, gewinnt den Wettkampf.

Sowohl für Laura Klaphake als auch für Peter Thomsen ging es mit der Doppelbelastung im Reitsport vor allem deshalb weiter, weil ihre Familien ebenfalls Leidenschaft und Verständnis für das Reiten mitbrachten. Klaphake kommt aus einer passionierten Reiterfamilie, und Thomsen begann auf dem Hof seiner Eltern bereits mit 14 Jahren das sportliche Reiten.

Peter Thomsen mit Pferd Barny auf der Geländestrecke der Olympischen Spiele 2012.

 

Familie, Partnerschaft und Freundschaften müssen mitziehen

Dass das Verständnis der Umwelt ganz wichtig für das Verhältnis zum Pferd und auch für die Leistung bei Wettkämpfen ist, kann auch Julia Bruns bestätigen.

Julias Familie und ihre Freunde stehen inzwischen voll hinter ihr.

»Ich komme aus einer reinen Nichtreiter-Familie. Ich kam oft an den Punkt, an dem meiner Familie das Verständnis dafür fehlte, dass ich so viel Zeit in dieses Pferd investiere. Sie haben diese emotionale Bindung zu dem Tier nicht und sind auch selbst nie geritten. Ein Pferd nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, ich verbringe täglich zwischen 2-3 Stunden am Stall. Für mich ist das jedoch keine Pflicht, sondern Abschalten und Runterkommen. Am Stall treffe ich auf Menschen, die ihr Hobby genauso sehr lieben, wie ich es tue! Genau das tut mir gut: mich mit Menschen zu umgeben, die für das Gleiche brennen, wie ich das tue… Mittlerweile ist Leo seit 3 Jahren bei mir, und meine Familie und Freunde wissen, dass es bei mir durchaus mal ein paar Minuten später werden kann. Oder wir uns am besten einfach am Stall auf ein Bier treffen.«

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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