Die Geburt: Immer anders, immer einzigartig

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Ella Jardim auf Unsplash
Geburten in Afrika
Frauen wird inzwischen eine große Anzahl verschiedener Vorbereitungen und Methoden für eine Geburt angeboten. Doch wie unterschiedlich Geburten ablaufen können – wie wenig es den einen richtigen Weg gibt – wird besonders klar, wenn wir über die Landesgrenzen hinweg schauen. Wie machen es denn die anderen Frauen? Für den ersten Teil dieser Serie haben wir Maria aus Angola gefragt.

Ich bin 79 Jahre alt und habe 11 Kinder geboren, größtenteils ohne ärztliche Hilfe. Die Behandlung war zwar zur Zeit des Kommunismus in Angola umsonst, aber es gab einfach nicht genug Ärzte, um alle versorgen zu können. Von 1975 bis 2002 war unser ganzes Leben vom Bürgerkrieg überschattet. Heute ist für viele Menschen vor allem die fehlende Krankenversicherung ein Problem. So eine Absicherung können sich nur Wenige leisten. Manchmal übernehmen Arbeitgeber die Kosten. Aber das ist noch immer eine Seltenheit.

Selbst leichte Infektionen oder andere Krankheiten, die in Deutschland sofort medikamentös behandelt werden können, können hier in Angola noch immer tödlich sein. Deshalb vertrauen nicht nur Kranke und Alte, sondern auch Schwangere bis heute auf die Erfahrungen ihrer Mütter oder anderer Familienmitglieder.

WÄHREND DER SCHWANGERSCHAFT

Ich habe meinen Mann mit 27 Jahren geheiratet. Ich wollte sichergehen, dass ich auch wirklich den Richtigen getroffen habe. Dann wurde ich schwanger. Das habe ich allerdings erst spät bemerkt. Als mein Bauch immer mehr wuchs und meine Regelblutung über einige Monate ausblieb, war ich mir sicher. Aus damaliger Sicht war ein Besuch beim Arzt dann nicht mehr nötig. Ich spürte, dass es dem Baby gutging, und mir selber ging es auch gut. Ähnlich verlief es bei allen weiteren Schwangerschaften. So wusste ich auch immer erst nach der Geburt, welches Geschlecht mein Kind haben würde. Meine Familie und ich fanden das ganz spannend so.

Bei allen Geburten habe ich bis zum neunten Monat meinem Mann in unserem Geschäft geholfen. Ich lud die Holzkohle, die wir verkauften, von einem LKW ab und erledigte die Hausarbeit. Da ich nicht genau wusste, zu welchem Zeitpunkt ich genau schwanger geworden war, habe ich bis kurz vor der Geburt die Kohlesäcke auf meinem Kopf transportiert. Wenn ich mal einen Rat bezüglich der Schwangerschaft brauchte, habe ich mit meiner Schwester oder meiner Mutter gesprochen. Deren Erfahrungen haben mir immer weitergeholfen.

Maria bei ihrer Hochzeit
Maria bei ihrer Hochzeit und rechts ein älteres Porträt von ihr

BEI DER GEBURT

Für die ersten vier Geburten bin ich in ein Krankenhaus nach Malanje gegangen. Dort haben wir damals gewohnt und dort konnten wir kostenfrei hingehen. Nach der Geburt ging es schnell wieder nach Hause. Die nächsten sieben Kinder habe ich mit der Hilfe meiner älteren Kinder und meiner Schwester zu Hause geboren. Das lief immer ähnlich ab. Bis zum Einsetzen der Wehen habe ich mich viel bewegt und so viel im Haushalt und Geschäft geholfen, wo es eben ging. Kurz bevor das Kind kam, habe ich mich hingelegt oder bin in die Hocke gegangen. Das ist eine Haltung, bei der weniger Kraft beim Pressen nötig ist. Dann kann sich der Beckenausgang um bis zu zwei Zentimeter vergrößern. Die Ärzte sagen auch, so wird das Kind gut mit Sauerstoff versorgt und ich habe dadurch weniger Rückenschmerzen. Kurz nachdem das neue Familienmitglied geboren wurde, schnitt eines der älteren Kinder die Nabelschnur durch, und alle Anwesenden kümmerten sich weiterhin liebevoll um mich und das Neugeborene.

Ein einziges Mal kam es jedoch zu Komplikationen. Bei einem meiner Söhne hatte sich die Nabelschnur um den Hals gelegt. Während der Geburt war bis zuletzt nicht klar, ob mein Baby überleben würde. Das war ganz schön dramatisch. Ich habe meiner Schwester dafür zu danken, dass der Junge lebend auf die Welt gekommen ist.

NACH DER GEBURT

Während ich mit der Geburt beschäftigt war, haben meine jüngeren Kinder im Wald eine Pflanze gesammelt, die ich unter dem Namen “Santa Maria” kenne. Daraus wurde ein Aufguss gemacht, in dem ich nach der Geburt baden konnte. Das war immer eine große Erleichterung und half mir, die Plazenta leichter zu gebären. Dann war noch etwas Zeit für Erholung und im Anschluss daran ging es in die Kirche. Ich bedankte mich dort für das wundervolle Geschenk und betete für ein gesundes und langes Leben meines neu geborenen Kindes. Tja, und dann ging es auch schnell weiter. Wir konnten es uns nicht leisten nicht zu arbeiten. Aber die anderen Kinder haben immer viel im Haushalt, beim Essen kochen und beim Versorgen des neugeborenen Kindes geholfen. Deshalb fanden wir das nie problematisch.

Heute bekommen nur noch wenige Frauen in Angola so viele Kinder wie ich. Im Schnitt sind es maximal fünf Kinder pro Familie. Meine jüngste Tochter hat nur noch zwei Kinder bekommen und das wird wahrscheinlich auch so bleiben. Die Zeiten ändern sich, auch hier bei uns…

Zum Abschluss erzählt uns Maria noch, dass sie sich schon immer eine richtig große Familie gewünscht hatte. Heute ist sie nicht nur auf jedes ihrer Kinder und auch auf ihre inzwischen 23 Enkelkinder unglaublich stolz. Täglich unterstützt sie jedes Familienmitglied und gibt ihre Erfahrung und ihr Wissen liebend gern an alle weiter…

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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