Coronavirus: Braucht Deutschland eine Ausgangssperre?

Words by Arzu Gül
Photography: Trent Szmolnik via Unsplash
Lesezeit: 3 Minuten
Frau sitzt mit Kaffee Zuhause am Fenster - Deutschland Ausgangssperre

Die Zahl der Viruserkrankten in Deutschland wächst rasant an. Trotzdem gehen die Menschen nach wie vor auf Straßen, in Cafés und Restaurants, als sei alles beim Alten. Braucht Deutschland eine Ausgangssperre?

Am vergangenen Sonntag, dem 15. März, gab es in Deutschland etwa 5.800 bestätigte Coronavirus-Fälle. Nur drei Tage später, am Mittwochmorgen, ist die Zahl der Infizierten bereits auf 9.360 angestiegen. Ein Wachstum von über 60 Prozent. Während andere Länder bei diesen Infiziertenzahlen bereits eine staatlich kontrollierte Ausgangssperre verhängten, beschränkt sich Deutschland immer noch auf Appelle an die Bevölkerung, möglichst zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu minimieren. Doch Bilder aus deutschen Großstädten zeigen überfüllte Wochenmärkte, Cafés und Kinderspielplätze. Von »Social Distancing« fehlt jede Spur. Laufen wir ins offene Messer? 

Infografik: So viele Infektionen werden täglich neu nachgewiesen | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Deutsche tummeln sich weiterhin auf Wochenmärkten und in Biergärten!

In Deutschland herrscht Ausnahmezustand. Geschäfte, Bars und jegliche Freizeitangebote bleiben vorerst geschlossen. Schulen und Universitäten sind ebenfalls betroffen. Auch viele Unternehmen ziehen mit und schicken MitarbeiterInnen ins Homeoffice. Doch für einige Menschen scheint die Isolation eine Art geschenkten Urlaub darzustellen. Familien und FreundInnen – alle zur gleichen Zeit zu Hause – wann hat man das schon mal! In Berlin sind die Kinderspielplätze überfüllter denn je, aus München werden Tweets mit Bildern aus vollen Biergärten veröffentlicht, in Hamburg tummeln sich Hinz und Kunz auf dem Wochenmarkt und probieren hier und da eine Leckerei. Noch schlimmer: Viele junge Leute veranstalten gar sogenannte »Corona-Partys« – zu Hunderten treffen sie sich in Stadtparks, bauen Musik- und Lichtanlagen auf, um ausgelassen zu trinken und zu feiern. In Bayern musste die Polizei am Montagabend zwei solcher Veranstaltungen beenden. Von Einsicht keine Spur.

Der Vize-Präsident des Robert-Koch-Instituts, Prof. Dr. Lars Schaade, warnt vor solchen Ansammlungen: »Es ist nicht sinnvoll, anstatt in einen Club zu gehen, zu einer großen Party zu sich nach Hause einzuladen oder zu anderen Festen zu gehen, bei denen sich viele Menschen treffen.« Weiterhin appelliert er: »Ich sage das deshalb, weil es inzwischen offenbar bereits sogenannte Corona-Partys gibt, wenn die Clubs geschlossen wurden. Bitte tun Sie das nicht. Bleiben Sie möglichst zu Hause.«

Kritik aus dem Ausland: Deutschland hinkt hinterher!

Während in vielen anderen Ländern die Menschen den Ernst der Lage begriffen haben, sind die Deutschen immer noch optimistisch und heiter. Sie gehen spazieren, treffen sich mit Bekannten, wollen ihr normales Leben fortführen. Viele fühlen sich nicht in der Verantwortung, denn sie gehören nicht zur »Risikogruppe«. Dass es dabei nicht nur um den eigenen Schutz, sondern um die Verantwortung gegenüber einer ganzen Gesellschaft geht, haben leider noch nicht alle erkannt. Auch im Ausland ist man sich der prekären Lage Deutschlands bewusst. EU-Beamte sagen aus, dass Deutschland bei den Maßnahmen zur Eindämmung hinterherhinkt. 

Ist eine Ausgangssperre das Einzige, was Deutschland noch helfen kann?

Der italienische Virologe Roberto Burioni betont: »Unterschätzen Sie nicht die Gefahr. Italien hat das eine Woche lang getan.« Auch Stephan Ortner, Direktor des Forschungsinstituts Eurac Research in Südtirol, gibt zu bedenken: »Deutschland braucht eine Vollbremsung, einen Lockdown, mindestens so, wie ihn Italien jetzt hat. Wenn Deutschland das nicht sofort macht, bekommt man auch dort die Zahlen nicht mehr in den Griff.« Weiterhin betont er, halbherzige Maßnahmen würden aktuell mehr Schaden anrichten, als dass sie Nutzen brächten. Je länger man nun mit einer Ausgangssperre warte, desto mehr Leute würden sich infizieren und hinterher noch FreundInnen und Familienmitglieder anstecken.

Wir haben das Coronavirus unterschätzt

Ursula von der Leyen

Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen räumte bereits in einer Livesendung in der Nacht zu Mittwoch ein, dass man das Coronavirus seitens der Politik unterschätzt habe. Die Maßnahmen, die vor rund 14 Tagen noch drastisch geklungen hätten, seien jetzt erforderlich. Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, sind seit Dienstagmittag nun alle Grenzen der Europäischen Union geschlossen. Reisen zwischen nicht-europäischen Ländern und der EU werden nun erst einmal für 30 Tage ausgesetzt.

Merkel hält am Mittwochabend erstmalig eine Fernsehansprache

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Ein Beitrag geteilt von Monda Magazin (@mondamagazin) am

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel gab sich CSU-Chef Markus Söder vor Kurzem noch optimistisch: »Eine formelle Ausgangssperre wird es nicht geben, aber jeder soll sich selbst noch mal überlegen, was sinnvoll ist. Versorgung ist wichtig, klar, aber wir müssen jetzt alle Möglichkeiten ergreifen, um den schlimmen Ausbruch zu verhindern. Keiner kann eine Garantie abgeben, dass es klappt, aber es ist die einzig wirksame Maßnahme.« Nur kurze Zeit später muss er seine Aussage anpassen. Am Mittwoch betonte er im Gespräch mit »Antenne Bayern«, dass er eine Ausgangssperre, insbesondere in Bayern, aktuell nicht mehr ausschließen könne. Man hoffe sehr, dass die bisherigen Maßnahmen wirkten. Die Chancen stünden gut, sofern alle Menschen sich an die Beschränkungen hielten.

Das Robert-Koch-Institut rechnet frühestens Ende nächster Woche mit möglichen Effekten. In etwa 10 bis 12 Tagen müsse man sehen, ob die bisherigen Maßnahmen greifen, so Prof. Dr. Schaade. Anschließend müsse überprüft werden, ob die eingeleiteten Maßnahmen ausreichten. 

Aufgrund der aktuellen Lage rund um die Coronakrise möchte Bundeskanzlerin Angela Merkel sich am Mittwochabend direkt an die Bürgerinnen und Bürger wenden. In einer Fernsehansprache, die am Abend in ARD und ZDF ausgestrahlt wird, möchte sie wohl keine weiteren tiefgreifenden Einschränkungen bekanntgeben, aber einen dringenden Appell an die Bevölkerung richten. Für diese gilt nun also mehr denn je: Kontakte und Menschenansammlungen meiden, das Haus nur für lebensnotwendige Erledigungen verlassen und ausreichend Hände waschen und genutzte Gegenstände desinfizieren.

Dazu Passend

Corona-Quarantäne: Wie du die Einsamkeit überstehst

Angesichts der Coronakrise befinden sich Menschen in ganz Deutschland in Isolation. Für viele eine gänzlich neue Situation, mit der es zurechtzukommen gilt. Wir erklären, wie wir diese Zeit überstehen und wofür wir sie jetzt nutzen sollten. 

Share:

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

Kommentieren