Deutsche LandFrauen über den Umgang mit Lebensmitteln

Words by Annekathrin Walther
Photography: Deutscher LandFrauenverband
Eine Gruppe von Deutschen Landfrauen stehe auf einem Podest vor einem bunten Aufsteller

Lebensmittelverschwendung ist derzeit in aller Munde. Über die Nationale Strategie zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung, die die Bundesregierung im Februar vorgestellt hat, haben wir bereits berichtet. Dass das Thema gerade aktuell ist, heißt jedoch nicht, dass es neu ist: Der Deutsche LandFrauenverband beschäftigt sich schon lange mit dem Problem. Wir haben mit Brigitte Scherb, der Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbands, gesprochen und uns ein paar wertvolle Anregungen geholt. Was muss – aus LandFrauenperspektive – gesamtgesellschaftlich passieren, um die Verschwendung zu reduzieren? Und was kann die Einzelne tun?

 

Es ist sehr verständlich, dass Menschen, die Lebensmittel produzieren, es nicht sonderlich gut finden, wenn diese am Ende nicht gegessen werden, sondern in der Tonne landen. Wer tagtäglich damit konfrontiert ist, wie viel Zeit, Muskelkraft und Herzblut es braucht, damit die Milch im Tetrapack, das Fleisch an der Fleischtheke und die Möhre im Korb landet, wird wenig Verständnis dafür aufbringen, dass Vieles achtlos weggeworfen wird. Es schien uns deshalb sinnvoll, zum Thema Lebensmittelverschwendung diejenigen zu fragen, die sich um unsere Versorgung kümmern.

Brigitte Scherb ist die Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbands

 

Zunächst eine kurze Vorstellungsrunde für alle, die die Deutschen LandFrauen noch nicht kennen: Der Deutsche LandFrauenverband ist der größte Frauenverband im ländlichen Raum. Sein Fokus sind sowohl landwirtschaftliche, als auch andere gesellschaftsrelevante Themen. Der Verband ist offen für alle Frauen, die im ländlichen Raum zu Hause sind. Deshalb zeichnen sich die Mitgliedsverbände durch ihre Vielfalt aus: Es sind nicht nur alle Altersstufen von Frauen vertreten, sondern auch diverse berufliche und familiäre Interessen. 

Was sagen nun die Expertinnen zum Thema Lebensmittelverschwendung? Brigitte Scherb, Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbands, erläutert zunächst die Haltung des Verbands zur Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung. Dass die Bundesregierung überhaupt eine Strategie vorgestellt hat, finden die LandFrauen erst einmal gut. Grundsätzlich ist aus ihrer Sicht jede Aufmerksamkeit, die das Thema bekommt, begrüßenswert. 

LandFrauen kritisieren Plan der Bundesregierung

 

Allerdings gibt es auch Kritikpunkte: Die Strategie formuliert beispielsweise keine verpflichtenden Vorgaben für die Wirtschaft. Handel, Gastronomie und Caterer sind jedoch, so Scherb, »für einen großen Teil der Verschwendung mitverantwortlich.« Verbindliche Ziele wären an dieser Stelle deshalb sinnvoll. Die LandFrauen bemängeln außerdem, dass die Strategie zu wenig berücksichtigt, dass es in der Bevölkerung vor allem an praktischem Wissen fehlt. Hilfsmittel, wie intelligente Verpackungen, sehen die LandFrauen kritisch. Wichtiger wäre ein umfassendes Bildungskonzept, das bereits den Kleinsten entscheidendes Wissen über Lebensmittel vermittelt.

Schon die Kleinsten lernen mit den LandFrauen in der Küche

 

Ein Bildungskonzept für Verbraucher*innen ist deshalb so wichtig, so Scherb, weil »Verbraucherinnen und Verbraucher für mehr als die Hälfte der Abfälle in Deutschland verantwortlich sind.« Deshalb kann tatsächlich jede Einzelne auch »dazu beitragen, die Verschwendung zu senken.« 

Aber wer wirft denn eigentlich was weg? Interessant ist, dass es tatsächlich kaum regionale Unterschiede gibt. Auf dem Land wird nicht weniger weggeschmissen als in der Stadt. Entscheidender ist das Alter des Haushaltsvorstands: Je jünger die Person ist, die im Haushalt das Sagen hat, desto mehr wird weggeworfen. Ebenfalls entscheidend ist die Haushaltsgröße: Ein-Personen-Haushalte schmeißen im Vergleich besonders viel weg. Brigitte Scherb: »Mögliche Erklärung ist, dass die kleinen Haushalte zu große Mengen kaufen, da abgepackte, frische Produkte oft nur in größeren Packungen erhältlich sind. Wir müssen die Menschen wieder in die Lage versetzen, die eigene Urteilskraft über die benötigten Mengen zu erlangen: Wie viel benötige ich, um eine Person satt zu machen?«

Vermeidbare und nicht vermeidbare Abfälle

 

Bei der Art der Abfälle wird vermeidbare und nicht vermeidbare Abfälle unterschieden. Zu den nicht vermeidbaren Abfällen gehören zum Beispiel Schalen und Kerne von Obst und Gemüse. Vermeidbare Abfälle sind vor allem frische, schnell verderbliche Lebensmittel: Brot, Milch, Wurst und Obst werden oft weggeworfen. Interessant ist, dass wir offenbar gerade die Dinge oft wegschmeißen, die wir besonders häufig essen. Dies deutet, so Brigitte Scherb, »auf einen gewissen Grad an ‚Missmanagement‘ hin.«

 

Beim Einkaufen werde ich dazu verleitet, mehr zu kaufen, als ich danach verzehren kann.

 

Um im Supermarkt nicht ständig der Verführung zu erliegen, alles Mögliche zu kaufen, formuliert Brigitte Scherb vier einfache Faustregeln:  

  1. Plane für die nächsten Mahlzeiten.
  2. Schreibe einen Einkaufszettel.
  3. Halte dich an den Einkaufszettel.
  4. Gehe niemals hungrig einkaufen.

So banal diese drei Sätze klingen, so wirksam können sie im Alltag sein. Darüber hinaus ist es sinnvoll, sich einige Grundkenntnisse über die richtige Lagerung von Lebensmitteln anzueignen. Außerdem empfiehlt Scherb: 

 

Mehr Wissen über die Herkunft, Entstehung und Zubereitung von Lebensmitteln einzusetzen und kreativ damit umzugehen. Eigentlich auch kein Hokuspokus: Werfe ich das alte Baguette weg oder mache ich Arme Ritter daraus? Möchte die fleckige Banane die Zutat eines Smoothies sein?

 

Genau diese Art von leicht verständlichem und zugleich wertvollem Wissen geben die LandFrauen an Kita- und Schulkinder weiter. Ehrenamtliche Bildungsarbeit ist ein wichtiges Aktionsfeld des Verbands. Beim gemeinsamen Kochen wird nicht nur Theorie gepaukt, sondern werden ganz konkrete Handgriffe vermittelt. 

Ernährung als Schulfach

 

Ihr eigenes Engagement reicht aus der Perspektive der LandFrauen jedoch noch lange nicht aus. Scherb kritisiert, dass das Thema im Schulunterricht nach wie vor nicht genug Raum bekommt. Ein Problem ist auch, dass es an den Schulen kaum noch Lehrkräfte gibt, die diese Art Wissen überhaupt vermitteln können. Die LandFrauen machen sich deshalb für die Einrichtung eines eigenständigen Schulfachs stark, das vier verschiedene Themenfelder umfassen soll: 1. Ernährungs‑ und Gesundheitsbildung, 2. Verbraucherbildung, finanzielle Allgemeinbildung, 3. Hauswirtschaftliche Bildung, 4. Gesamtgesellschaftliches Wirtschaften und Nachhaltigkeit. 

Die LandFrauen werden weiter daran arbeiten, dass in der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür entsteht, dass jeder Apfel zählt. Jede Einzelne kann bei jedem Einkauf etwas gegen Lebensmittelverschwendung unternehmen. Ein achtsamer Umgang mit unseren Lebensmitteln ist zum einen ein großer Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Außerdem ist er aber auch ein Ausdruck von Respekt gegenüber denen, die unsere Lebensmittel produzieren. 

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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