Die Automobilindustrie & Klimaschutz: Passt das zusammen?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Alexis Reyna auf Unsplash
Autos & Klimaschutz: Passt das zusammen?

Wenn heute über die deutsche Autoindustrie gesprochen wird, sind ganz schnell große Emotionen im Spiel. Die einen sagen, es werde betrogen, gelogen und nichts getan, um die Umwelt zu schützen. Die andere Seite schwingt umgehend die Endzeitstimmungskeule für ganz Deutschland, sollte die Industrie nicht geschützt und wie gewohnt erhalten werden.

 

Fakt ist, dass Deutschland – Geburtsort des Automobils – sehr stark von der Autoindustrie abhängig ist. Nicht nur direkt, sondern auch indirekt. Ernst & Young hat einmal zwei Millionen Arbeitsplätze in dieser Branche gezählt. Das sind nach ihren Berechnungen immerhin vier Prozent aller in Deutschland arbeitenden Menschen. Mit Blick auf Stuttgart und den Mittleren Neckarraum ist die Abhängigkeit regional sogar noch stärker. In Euro ausgedrückt: Jeder zwanzigste wertgeschöpfte/verdiente Euro in Deutschland kommt aus der Automobilindustrie mit all ihren Zuliefer- und Service-Betrieben. Das ist viel.

Die Deutschen lieben ihr Auto…

Fakt ist aber auch, dass der private Individualverkehr für ein gutes Viertel der CO2‐Emissionen privater deutscher Haushalte verantwortlich ist. In Europa sind rund 30 Prozent aller Emissionen verkehrsbedingt. Dazu gehört auch der Flug‐ und Schiffsverkehr. Aber das Auto trägt gut 60 Prozent dazu bei. Alle, die morgens mit dem Auto zur Arbeitsstelle pendeln dürfen oder gar müssen, werden ein Lied davon singen können: Die Straßen sind voll, verstopft. 

Dass die Deutschen dies dem Automobil wohl allzu gerne nachsehen, kann an der krachenden Niederlage der Grünen mit ihrem erneut vorgelegten Gesetzentwurf »Tempo 130 auf deutschen Autobahnen« abgelesen werden. Was den Amerikanern die Waffen, ist den Deutschen ihr Auto. Auch wenn die Vernunft für eine Geschwindigkeitsbegrenzung spricht, ist das Gefühl von Freiheitsverlust so stark, dass alle wissenschaftlich plausiblen positiven Fakten um Tempo 30 in den Wind geschlagen werden. Dieselkrise, notwendige CO2‐Beschränkungen und ‐Rückführungen sowie Elektromobilität sind einige Schlagworte, die voll gegen die derzeitige Ausrichtung der zweifelsohne so wichtigen Autoindustrie zu sprechen scheinen. Dabei war diese Branche – und ist eigentlich noch immer – sehr innovativ.

So sind letzten Endes weder allein der Staat noch die Autobauer schuld an der langsamen Entwicklung zu mehr Umweltschutz, sondern schlichtweg auch wir. Wir, das sind die Verbraucherinnen und Verbraucher. Wir haben in den vergangenen Jahren einfach nicht das Richtige nachgefragt. Wir wollten keinen Elektroantrieb. Wir wollen auch heute noch die Quadratur des Kreises. Es muss individuell, schnell, bequem, reichweitenstark und kostengünstig von A nach B gehen. Öffentlicher Nahverkehr ist zu teuer, unbequem und unzuverlässig, vom Fernverkehr gar zu schweigen. Und dann ist da noch das Thema Status! Der Symbolwert eines großen, breiten, schweren und teuren Autos darf gerade in Deutschland nicht unterschätzt werden. 

CO2-Ausstoß: Ein Thema, das uns seit Jahrzehnten beschäftigt

Dass der CO2‐Ausstoß ein Thema ist, verdanken wir nicht nur Greta Thunberg und anderen UmweltaktivistInnen. Auch die Autolobby hatte diesbezüglich schon früh den richtigen Riecher. Schon 1998 versprach der europäische automobile Dachverband ACEA der EU‐Kommission, innerhalb von 10 Jahren – also bis 2008 – den CO2‐Ausstoß auf im Schnitt 140 g CO2 je gefahrenem Kilometer zu senken. 2006 lag man jedoch noch immer bei 160 g/km, und das Ziel war technisch nicht mehr erreichbar. Die EU‐Kommission begann daraufhin, laut über einen Grenzwert von 130 g/km nachzudenken. Umgehend kam Gegenwind aus der Autoindustrie. Der Peugeot‐Citroën-Chef sagte 2007, dass der Grenzwert von im Schnitt 130 g/km, der nun von der EU für das Jahr 2012 diskutiert wurde, »nicht erreichbar« sei und erbat sich larmoyant »realistische Zielvorgaben«. Dabei wollte die europaweite Autoindustrie schon vier Jahre früher selber einen höheren Zielwert erreichen. 

Die Stuttgarter, Münchner, Ingolstädter AutobauerInnen werden froh gewesen sein, dass gerade ein französischer Konzern so prominent niedrige Ziele forderte. Denn die deutschen viel leistungsfähigeren Fahrzeuge hätten das Kommissionsziel erst recht nicht erreichen können. Nach längerem Hin und Her gilt nun: Seit 2015 dürfen bei Neuzulassungen durchschnittlich nur noch 130 g CO2/km emittiert werden, ab 2020 gar nur noch 95 g/km. Der Wert bezieht sich auf den volumengewichteten Durchschnitt der verkauften »Konzernflotte«. Man könnte folgende extrem vereinfachte Rechnung aufmachen: Für jede verkaufte S‐Klasse muss der Daimler‐Konzern im Verhältnis viel mehr Smarts verkaufen, um dieses Ziel zu erreichen. Der Zusammenschluss von Porsche und VW könnte vor diesem Hintergrund noch mal in ganz anderem Licht erscheinen: Sie rechnen ihre Flotte seitdem zusammen.

Es gibt noch viel zu tun… 

Vielleicht bedarf es eines Schwertes, um diesen Gordischen Knoten zu durchschlagen. Vielleicht sollten wir aber auch nur anfangen, das vermutliche Fehlverhalten der Autokonzerne zu sanktionieren, wie es das Gesetz verlangt. Der Industrie aber gleichzeitig auch – gerade wegen ihrer Bedeutung für Deutschland – Brücken zu bauen. Seien es noch stärkere staatliche Anreize für den Kauf von umweltfreundlichen Fahrzeugen, Entwicklungskostenunterstützung oder Erleichterungen bei Umsetzungen von Ideen zur neuen Mobilität. Die Autoindustrie hat das Know‐how und die Innovationskraft, die neuen Wege zu gehen. Etwas weniger Shareholder‐ und etwas mehr Stakeholder-Value wäre hier ebenfalls von Nutzen. Und schlussendlich müssen auch wir Verbraucherinnen und Verbraucher uns die Frage gefallen lassen: Müssen wir wirklich unsere Kinder die drei Kilometer mehr oder weniger gut asphaltierter Straße zur Schule im Fullsize‐SUV fahren?

 

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Politik

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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