Der 9. November und was bereits geschah in Deutschland

08.11.2018
Words by Jana Ahrens
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Am 9. November 1989 fiel die innerdeutsche Mauer. Doch die Wiedervereinigung wird in Deutschland an einem anderen Tag gefeiert. Der 9. November eignet sich nicht so richtig als Feiertag. Denn der Mauerfall ist nicht das einzige historische Ereignis, das auf diesen Tag fiel. Die oft blutigen und erschreckenden Vorfälle, die sich in der deutschen Geschichte an diesem Datum häufen, stimmen eher nachdenklich denn fröhlich. Vielleicht sollte der 9. November ein Gedenktag für die Demokratie werden.

1918 – Die Novemberrevolution in Berlin

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Bildquelle: Bundesarchiv

Seit 4 Jahren befindet sich das deutsche Kaiserreich im Krieg. Eine Niederlage steht kurz bevor, das Land ist kriegsmüde. Die Reichsregierung bemüht sich bereits um Friedensverhandlungen. Trotzdem entscheidet die deutsche Seekriegsleitung Ende Oktober 1918, die deutsche Hochseeflotte erneut in eine Schlacht zu schicken. Einige der Schiffsbesatzungen weigern sich, dem Befehl, in ihren sicheren Tod entsendet zu werden, Folge zu leisten. Sie meutern und es folgt der Matrosenaufstand. Bereits am 4. November schwärmen die meuternden Matrosen in alle größeren deutschen Städte aus und setzen so eine Revolution im ganzen Land in Gang. Am 7. November wird König Ludwig III. von Bayern in München gestürzt, und am 9. November verkündet Reichskanzler Max von Baden die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. Dies ist das Ende der Monarchie in Deutschland. Es folgen blutige Tumulte darum, welche Staatsform auf die Monarchie folgen soll. Anfang 1919 mündet dieser Prozess in die erste parlamentarische Demokratie Deutschlands, die Weimarer Republik.

1923 – Der nationalsozialistische Putschversuch

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Bildquelle: Bundesarchiv

4 Jahre nach Gründung der Weimarer Republik machen die deutschen Nationalsozialisten zum ersten Mal international auf sich aufmerksam. Die Bayerische Reichswehr bricht bereits im Oktober des Jahres offen mit der Weimarer Republik. Die Landesregierung setzt Gustav von Kahr als sogenannten Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten ein. Als dieser am 8. November eine Rede im voll besetzten Bürgerbräukeller hält, stürmen nationalsozialistische Kräfte die Bühne und umstellen das Brauhaus. Adolf Hitler ruft vor 3000 Zuhörern die „nationale Revolution“ aus und zwingt viele anwesende Politiker mit vorgehaltener Waffe, sich zu einer entsprechenden Proklamation zu bekennen. Direkt im Anschluss an diesen Coup wird die NSDAP in Bayern verboten. Trotzdem verkünden am 9. November zahlreiche Plakate in München den Sieg der Bewegung. Es beginnt ein Marsch vom Bürgerbräukeller zum Odeonsplatz. Hier fallen unter ungeklärten Umständen Schüsse. Es sterben 15 Putschisten, 4 Polizisten und ein Schaulustiger. Der Putsch wird niedergeschlagen und Hitler am 11. November festgenommen. Daraufhin wird die NSDAP im ganzen Deutschen Reich verboten.

1938 – Die Novemberpogrome

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Bildquelle: Bundesarchiv

Die Nationalsozialisten haben zu diesem Zeitpunkt bereits die Macht übernommen. Sie nutzen einen Mordanschlag auf einen deutschen Diplomaten in Paris, um in Deutschland Anschläge gegen jüdische Mitbürger zu rechtfertigen. Vom 7. bis zum 13. November werden Menschen ermordet, jüdische Geschäfte demoliert und Synagogen angezündet. Propagiert werden diese Taten als unkontrollierter und gerechtfertigter Volkszorn, während die meisten dieser Taten tatsächlich von in Zivilkleidung auftretenden SA- und SS-Mitgliedern ausgeführt werden. Die schlimmste Nacht – die vom 9. auf den 10. November – wird in der nationalsozialistischen Berichterstattung beschönigend „Reichskristallnacht“ getauft. Historisch lässt sich sagen, dass dieser Zeitpunkt den Übergang von der Ausgrenzung von Juden zu deren direkter Verfolgung in der Diktatur Deutschlands darstellt.

1939 – Der Venlo-Zwischenfall

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Bildquelle: Mythos Elser

Der 2. Weltkrieg ist gerade ausgebrochen. Am 9. November werden im niederländischen Venlo zwei Offiziere des britischen Secret Intelligence Service enttarnt und von einem SS-Sonderkommando entführt. Das britische Spionagenetz in Europa ist nach dieser Enttarnung zerstört. Adolf Hitler nutzt diesen Vorfall als Vorwand, um 1940 in den Niederlanden einzumarschieren.

1967 – Studentenbewegung

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Bildquelle: Staatsarchiv Hamburg

Über 20 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges markiert der 9. November erneut einen symbolischen Wendepunkt in der politischen Geschichte Deutschlands. An diesem Tag wird das Amt des Rektors der Universität Hamburg feierlich an Werner Ehrlicher übergeben. Er hatte sich im 2. Weltkrieg als Leutnant verdient gemacht. Deshalb entrollen Studierende zu diesem Anlass öffentlich ein Transparent, auf dem zu lesen steht: „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“. Talare, das sind die fließenden Gewänder, die von Professoren, Absolventen, Geistlichen oder Juristen getragen werden. Also von einer gesellschaftlichen Elite mit großem politischen Einfluss. Die 1000 Jahre sind der NS-Propaganda des „tausendjährigen Reiches“ entlehnt. Die Studierenden wollen mit diesem Transparent darauf aufmerksam machen, dass 22 Jahre nach Ende des Weltkrieges noch immer viele einflussreiche Ämter von Intellektuellen mit nationalsozialistischem Gedankengut bekleidet werden. Die studentische Bewegung, die sich aus diesem Moment entwickelt, fordert eine umfassende Demokratisierung und größere Mitbestimmung im universitären Bildungssystem. Das Pressefoto mit dem entrollten Transparent wird vielfach gedruckt und erlangt internationale Bekanntheit. Der Text des Transparents wird so zu einem wichtigen Leitspruch der sogenannten 68er-Bewegung.

1974 – Tod von Holger Meins

Holger Klaus Meins nahm am 2. Juli 1962 in Berlin an einer Demonstration gegen den Schah von Persien teil. Bei dieser Demonstration wurde dem jungen Studenten Benno Ohnesorg von einem Polizisten aus kurzer Distanz tödlich in den Hinterkopf geschossen. Im Anschluss radikalisierten sich viele Anhänger der Studentenbewegung. Holger Meins war unter ihnen. Im Oktober 1970 tritt er der Roten Armee Fraktion bei und taucht unter. Die Terrorgruppe ist in den folgenden Jahren für 33 Morde und etliche Entführungen, Banküberfalle und Sprengstoffattentate verantwortlich. Im Juni 1972 wird Holger Meins nach einer Schießerei mit der Polizei verhaftet. Ein halbes Jahr später geht er aus Protest gegen die Haftbedingungen in Hungerstreik. Ab Mai 1973 wird Meins zwangsweise künstlich ernährt, woraufhin der Hungerstreik abgebrochen wird. Holger Meins beginnt jedoch im September 1974 erneut einen Hungerstreik. Am 9. November wiegt er – bei einer Größe von 1,83 m – 39 kg und verstirbt am Abend desselben Tages.

1989 – Mauerfall

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Bildquelle: Blake Guidry

44 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges und 40 Jahre nach Gründung der DDR wird die innerdeutsche Grenze geöffnet. Da dieser Umstand eine längere Vorgeschichte hat und für viele Leser*innen schon Teil ihrer Lebensgeschichte ist, haben wir uns entschieden, dem Thema einen eigenen Artikel zu widmen.

Hier geht’s zum 2. Teil 9. November 1989 – Der Mauerfall

https://de.wikipedia.org/wiki/Wende_und_friedliche_Revolution_in_der_DDR#/media/File:Leipzig_-_Br%C3%BChl_-_Br%C3%BChl_Arkade_02_ies.jpg
Bildquelle: Bundesarchiv

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Das Beitragbild ist übrigens von Luca Rüegg.

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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