Den Tod feiern: wie andere Kulturen mit dem Sterben umgehen

Words by Arzu Gül
Photography: Joackim Weiler via Unsplash
Lesezeit: 4 Minuten
Tod feiern Dia de los Muertos Frau mit Schminke und Rosen

Menschen aus anderen Kulturkreisen haben häufig einen sehr unterschiedlichen Ansatz, um mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Den »Tod feiern« ist hier normal. Was wir von ihnen lernen können. 

 

Der Tod wird hierzulande als Endpunkt empfunden. Er ist verbunden mit Angst, Unbehagen und tiefer Trauer. Obwohl Sterben zu jedem Leben dazugehört, werden Themen rund um den Tod lieber gemieden. Es wird selten darüber gesprochen und wenn, dann nur flüchtig oder mit einer Prise schwarzen Humors. Menschen in der westlichen Welt halten stark am Leben fest. Dass dieses einmal enden muss, ist zwar eine indiskutable Gewissheit, wird aber im Alltag immer noch verdrängt und verleugnet. Ja, der Tod gehört zum Leben dazu, aber er soll doch bitte woanders fündig werden. 

Populäre Feierlichkeiten in Mexiko: Día de los muertos

Doch nicht überall auf der Welt hat man eine solche Berührungsangst vor dem Tod, nicht überall muss das Totengedenken eine traurige Angelegenheit sein. Während hierzulande Allerheiligen und Totensonntag stille Feiertage sind, ist die Erinnerung an verstorbene Angehörige in vielen Kulturkreisen rund um den Globus ein Anlass, richtig zu feiern. So beispielsweise in Mexiko. Dort hat der jährliche »Día de los muertos« (zu Deutsch: »Tag der Toten«) eine jahrtausendealte Tradition. 

Jedes Jahr in der Nacht zum 1. November verkleiden sich Groß und Klein in farbenfrohen Gewändern und Kostümen, schminken sich als Skelett und bauen überall in der Stadt kleine Altäre für ihre verstorbenen Angehörigen auf. Seinen Ursprung hat der Día de los Muertos in den Kulturen der Azteken, Tolteken und weiterer Völker, die vor Tausenden von Jahren die Trauer um tote Menschen als respektlos empfanden. Schließlich sei der Tod nur eine natürliche und weitere Phase des Lebens und die Verstorbenen immer noch ein Teil der Familie und Gemeinschaft. Der Glaube besagt, dass die Toten einmal im Jahr auf die Erde zurückkehren, um ihre Angehörigen zu besuchen. Als logische Konsequenz wird dieser Tag nicht in Trauer verbracht, sondern als Fest gefeiert. Den verstorbenen Familienmitgliedern sollen Freude, Respekt und Liebe entgegengebracht werden, welche durch viele großzügige Gaben symbolisiert werden. Auf den Altären finden daher Lieblingsspeisen, Getränke und weitere Objekte der Verstorbenen ihren Platz. In der Nacht kommen Familie und Freunde am Grab zusammen, essen gemeinsam das Lieblingsessen des Toten und erinnern sich freudvoll an schöne Momente, die sie zu seinen oder ihren Lebzeiten mit ihm oder ihr erlebt haben.

Der Umgang mit dem Tod ist in Mexiko ausgelassen und macht es den Hinterbliebenen leichter, offen damit umzugehen. Dadurch, dass die Toten einmal im Jahr »zurückkehren«, ist der Abschied weniger endgültig und der Verlust einfacher zu akzeptieren.

Indien: Wiedergeburt statt Tod

Auch in Indien wird der Tod eher zelebriert als betrauert. Der Großteil der indischen Bevölkerung gehört dem Hinduismus an, in welchem die Reinkarnation (»Wiedergeburt«) zentrale Bedeutung hat und der Tod gleichzeitig auch einen Neubeginn markiert. Hindus glauben an einen Kreislauf des Lebens. Mit dem Tod geht nur ein Abschnitt des Daseins zu Ende. Danach wird die Seele als Mensch, Tier, Pflanze oder sogar Einzeller wiedergeboren. In welcher Gestalt eine Seele auf die Erde zurückkehrt, wird dabei vom Karma bestimmt, ein spirituelles Konzept, das besagt, dass sich alle Handlungen im Leben auf dieses oder ein nachfolgendes Leben auswirken. Das höchste Ziel ist dabei die »Moksha«, die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und eine Existenz in völliger Erlösung und vollkommenem Frieden. 

Um den Toten zu huldigen und sie für ihre »Reise« vorzubereiten, wird in Indien der Leichnam in wichtigen Reinigungsritualen vorbereitet und noch am Todestag in einer Verbrennungszeremonie verbrannt. Der Tradition nach muss die Asche der Verstorbenen außerdem drei Tage nach der Verbrennung in ein heiliges Gewässer gestreut werden. Zwar trauern Angehörige auch hier um eine verstorbene Person und bringen diese Trauer durch verschiedene Rituale und Opfergaben zum Ausdruck. Jedoch steht der Tod im Hinduismus nicht für Verzweiflung und Ende wie in der westlichen Welt. Vielmehr wird er als Befreiung der Seele angesehen und ist damit auch ein allgegenwärtiges Thema, das keiner Tabuisierung unterliegt wie hierzulande. 

Mehrtätige Feste in Ghana

Auch in Ghana gleichen Beerdigungen opulenten Feierlichkeiten, die manchmal sogar tagelang andauern. Der Tod ist hier Anlass zu Freude und Feier, denn auch hier markiert er weniger ein Ende, sondern im Gegenteil das Tor zum ewigen Leben. 

Aus diesem Grund ist es nicht unüblich, dass Beerdigungen in Ghana groß gefeiert werden, teilweise sogar mit mehreren Hundert Gästen. Die Anzahl der Gäste ist nämlich ein Anzeichen für das Ansehen der verstorbenen Person und damit auch ein Hinweis auf das Ansehen der ganzen Familie. Daher werden Tote in einigen Fällen über Wochen eingefroren, um genug Zeit zu haben, eine entsprechende Trauerfeier vorzubereiten, Gäste einzuladen und anreisen zu lassen. Tatsächlich übertreffen die Kosten einer Beerdigung in Ghana die einer Hochzeit. Nicht selten verschulden sich Familien sogar, um für die toten Familienangehörigen eine angemessene Feier auszurichten. Die mehrtägige Beerdigung besteht dann aus diversen Gottesdiensten. Zwischendurch wird immer wieder getanzt und gesungen, zusammen gespeist und der verstorbenen Person gedacht. 

Obwohl die extravaganten Bestattungen sicher in manchen Fällen fragwürdige Ausmaße annehmen und häufig kritisiert werden, da sie viele Familien in den Bankrott führen, so ist doch der Umgang mit dem Tod weitaus positiver als in vielen anderen Ländern und Kulturen. Auch hier verspüren Menschen Verlust und Traurigkeit, wenn sie eine geliebte Person verlieren, jedoch erleichtern die Art und Weise der Trauer und die damit verbundenen Rituale oftmals das Loslassen. 

Trauer bleibt eine individuelle Sache

Trauer ist und bleibt eine sehr individuelle Sache. Der kulturelle »Überbau« ist das eine – der konkrete Umgang mit dem Verlust das andere. So können Menschen innerhalb einer Familie ganz unterschiedlich mit dem Tod umgehen. Sicher muss jeder Mensch seinen eigenen Weg finden, den Verlust eines geliebten Menschen zu überwinden. Doch während viele Menschen hierzulande auch noch Jahre später um Angehörige trauern und als Folge dessen von Depressionen und Verlustängsten geplagt werden, helfen positive Rituale Menschen aus anderen Kulturkreisen, den Tod zu akzeptieren und das eigene Leben trotzdem in Freude fortzuführen. Ein offenerer und natürlicherer Umgang mit dem Thema könnte möglicherweise auch in unserem Kulturkreis vielen weiterhelfen. 

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Ich bin ein empathischer und emotionaler Mensch und habe keine Probleme damit, mich in andere Menschen hineinzuversetzen oder meine Gefühle zu zeigen. In dem Fall eines verstorbenen Jungen, den ich leider nie kennenlernen durfte, kann ich meine unendliche Trauer im Nachhinein vermutlich nur mit Schicksal erklären…

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AlltagKultur

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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