Cleanfluencer: Wieso wir anderen beim Putzen zusehen

Words by Arzu Gül
Photography: Volha Flaxeco via Unsplash
Frau lockert Bettwäsche auf Cleanfluencer

In einer zunehmend unübersichtlichen und chaotischen Welt sorgen inzwischen »Cleanfluencer« für Ordnung. Die Putz-Videos auf YouTube, Instagram & Co. haben millionenfach Views und scheinen ein inneres Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung zu befriedigen.

 

Es ist fast zu schön, um wahr zu sein: Sophie Hinchliffe ist 28 Jahre alt, wohnt mit Mann, Kind und Hund im englischen Essex und konnte sich durch ihren Putzjob ein riesiges Traumhaus leisten. Doch wie ist das möglich? Ganz einfach: Sophie hat nicht die Häuser anderer Menschen geputzt und damit ihr Geld verdient, sondern sich einfach beim Putzen, Schrubben und Wäschewaschen in ihren eigenen vier Wänden gefilmt und damit eine Millionenreichweite auf Social Media aufgebaut. Angefangen hat es mit Fotos aus ihrem Heim, praktischen Reinigungstipps und kleinen Zeitraffer-Videos, die sie beim täglichen Haushalt zeigen. Ihre Reichweite wuchs stetig, Sophie fing an, Werbung zu schalten, und konnte Partnerschaften mit Waschmittel- und Raumspray-Herstellern an Land ziehen. Nun ist sie »Cleanfluencerin« (eine Wortneuschöpfung aus dem englischen »to clean« (»putzen«) und Influencer) und verzeichnet über 2,7 Millionen Abonnenten.

Sophie Hinchliffe ist nicht alleine mit ihrem Erfolg. Inzwischen gibt es Tausende Internet-Persönlichkeiten, die online 10-20-minütige Videos mit Titeln wie »Clean with me« oder »Extreme Cleaning« veröffentlichen, in denen sie zeigen, wie sie ihr ganzes Haus blitzblank putzen, und hilfreiche Tipps mit ihren Followern teilen. Im Gegensatz zu Lifestyle- oder Mode-InfluencerInnen zeigen sich diese Frauen weitaus nahbarer: Sie sind ungeschminkt, tragen bequeme Kleidung, haben die Haare unordentlich hochgesteckt und erledigen alltägliche Aufgaben im Haushalt. Damit scheinen sie einen Nerv zu treffen: Medieninhalte in dieser Kategorie werden immer populärer und zählen Hunderttausende Zuschauer täglich.

Menschen suchen Erholung in Putz-Videos

Liest man die Kommentare unter solchen Putz-Videos, wird einem schnell klar, dass die ZuschauerInnen nicht nur nach einfachen Reinigungstipps suchen, sondern vielmehr eine Art der Entspannung und Stresslinderung in ihnen finden. Sie schreiben, dass sie sich motiviert und bestärkt fühlen, ihren Tag produktiv zu starten, oder dass die Videos sie beruhigen und sie es einfach genießen, bei der Transformation von unordentlich zu ordentlich zuzusehen.

Die kleinen Aufräum-Aktionen strahlen für die vielen FollowerInnen offenbar eine Art Ruhe aus. Sie erwecken den Eindruck, dass man im Chaos seines Alltags und der Welt immer noch die Kontrolle über kleine Teilbereiche seines Lebens hat. Dass man mit wenigen Handgriffen und ohne jegliche Hilfe Stück für Stück Ordnung schaffen kann.

Inspiration für viele Putz-Gurus ist wohl die erfolgreichste Cleanfluencerin aller Zeiten: Marie Kondo, japanische Aufräum-Expertin und Beststeller-Autorin, die mit ihren strikten Regeln zum Falten von Wäsche und ihrem Prinzip, wie man sein Zuhause richtig ausmistet, berühmt geworden ist. Inzwischen hat sie sogar eine eigene Serie auf Netflix, in der sie Menschen dabei hilft, ihre Wohnungen zu entrümpeln, aufzuräumen und Struktur in ihr Leben zu bringen. Ihre Ratgeberbücher sind millionenfach verkauft worden, und ihre Ordnungstechniken werden überall auf der Welt angewandt.

Welche Auswirkungen hat dieser Trend auf das Frauenbild?

Doch mit steigender Popularität der CleanfluencerInnen mehren sich auch die kritischen Stimmen zu diesem Trend. Das plötzliche Wiederaufleben des Interesses an Reinigungs‑ und Aufräumarbeiten sei für Frauen ein Rückschritt. Da die überwiegende Mehrheit der Online-InfluencerInnen in diesem Genre weiblich ist, werden leicht Vergleiche mit unterdrückten Hausfrauen vergangener Jahrzehnte gezogen. Andere halten dagegen, dass viele dieser Frauen aus ihrer Liebe zum Putzen inzwischen sehr erfolgreiche Unternehmen gemacht hätten und der Vergleich daher nicht angebracht sei.

Ohne Frage: Es ist ein faszinierender Trend. Gleichzeitig ist er aber doch beunruhigend. Es gibt so gut wie keine männlichen Cleanfluencer. Zwar helfen die männlichen Ehepartner in einigen Videos auch mal mit, aber dabei handelt es sich immer noch um einzelne Ausnahmen. Weiterhin sind 90 % der ZuschauerInnen, laut YouTuberin Sophie Hinchcliff, weiblich. In den Fünfzigerjahren gab es bereits schon einmal einen ähnlichen Trend. Damals wurde enormer gesellschaftlicher Druck auf Frauen ausgeübt. Frauen sollten die perfekte Mutter, Ehefrau und Haushälterin sein. Bücher und Zeitschriften zum Thema Ordnung und Haushalt waren extrem populär und vermittelten ein sehr einseitiges Bild über die Rolle der Frau. Durchschnittlich verbrachten Frauen damals über 15 Stunden am Tag mit Hausarbeit, statt sich um finanzielle Unabhängigkeit oder ihre eigene Karriere zu kümmern. Sind Cleanfluencer somit ein Druckmittel der Neuzeit? Fühlen wir uns durch die Videos dazu genötigt, auch ein perfektes, ordentliches Zuhause für die ganze Familie zu schaffen?

Die Soziologie-Studentin Stephanie Baker schreibt in ihrem Buch über moderne Lifestyle-Gurus, dass es beim Aufstieg der CleanfluencerInnen nicht darum gehe, ein sauberes Zuhause, sondern vor allem ein strukturiertes Umfeld zu kreieren, in dem man als Mensch aufblühen kann. Und nach genau einem solchen Umfeld scheinen sich immer mehr Menschen zu sehnen.

 

Es geht um mehr als nur Sauberkeit

Dies wird durch eine Studie der University of California untermauert, in welcher der Cortisol-Spiegel bei Frauen in ordentlichen und unordentlichen Haushalten untersucht wurde. Frauen, die das Gefühl hatten, dass ihr Zuhause unordentlich ist, wiesen einen weitaus höheren Spiegel des Stresshormons auf, als Frauen mit, ihrer Meinung nach, sauberen Haushalten. Der mit der Unordnung einhergehende höhere Cortisol-Spiegel führte gleichzeitig auch zu einer depressiveren Grundstimmung bei den Testpersonen.

Laut Experten gibt es also einen klaren Zusammenhang zwischen Ordnung und psychischer Gesundheit. Der Wunsch nach einem geordneten Zuhause kann daher auch den Wunsch nach mehr Ruhe und Ordnung in anderen Bereichen unseres Lebens darstellen. Aber offensichtlich stellt sich ein Gefühl von Ruhe nicht nur ein, indem wir selbst Hand anlegen und tatsächlich Ordnung schaffen, sondern auch schon, indem wir anderen dabei zusehen.

Was ist eure Meinung zu dem Thema? Habt ihr schon einmal ein Putz-Video zur Unterhaltung angeschaut?

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit echten Geschichten.

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