Careship-Gründerin Antonia Albert im Interview

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Careship
AntoniaAlbert_Careship
Aus der eigenen Not heraus gründete Antonia Albert gemeinsam mit ihrem Bruder Nikolaus den Betreuungsdienst Careship – ein Unternehmen, das auf dem besten Weg ist, eine Problemlösung für den steigenden Pflegenotstand zu etablieren.

Die Zahl der Senioren wächst und wird sich schätzungsweise bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Schon jetzt fehlt es an Betreuern und Pflegekräften. Um den Notstand aufzuhalten und die klaffende Lücke zu schließen, haben Antonia und Nikolaus Albert 2015 Careship gegründet – einen Betreuungs- und Begleitdienst. Wer auf der Plattform nach individueller Betreuung sucht, bekommt Unterstützung im Alltag, auf Reisen – aber auch leichte Pflege oder einfach nur Gesellschaft. Das Unternehmen berät außerdem zu Themen wie Versicherungsanspruch und Abrechnungen bei den Krankenkassen.

Im Interview hat uns Antonia von ihrer Vision erzählt und von einer Gründung, die alles verändern soll.

MEINE FAMILIE WAR MIT DER SITUATION VÖLLIG ÜBERFORDERT.

Wie kam es zu der Idee für Careship?

Als meine Großmutter plötzlich pflegebedürftig wurde, war meine Familie mit der Situation völlig überfordert. Wir wollten unbedingt eine Unterstützung finden, die zu meiner Großmutter passt und die für sie zu einer Bezugsperson werden kann. Zusätzlich fehlte uns die Orientierung, wer für welche Kosten aufkommt. Nachdem wir die Versorgung für unsere Großmutter organisiert hatten, habe ich mich mit meinem Bruder hingesetzt und aufgeschrieben, was uns auf diesem Weg geholfen hätte – so kam uns die Idee zu Careship.

Beschreibe kurz deinen Weg bis zur Gründung. Wie war der genau? Hattest du jemals Zweifel?

Nachdem wir basierend auf unseren eigenen Erfahrungen beschlossen hatten, eine Plattform zu schaffen, die Familien bei der Suche und Organisation von passenden Pflege- und Betreuungskräften unterstützt, habe ich meinen Job gekündigt, und mein Bruder ist aus den USA zurück nach Berlin gezogen. Für uns war es besonders wichtig, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Anfangs gab es auch viele Zweifel, aber die Überzeugung und der Wille, eine bessere Lösung zu schaffen, waren größer.

DIE WAHL DES MITGRÜNDERS IST EINE DER WICHTIGSTEN ENTSCHEIDUNGEN…

Wie fühlt es sich an, mit dem eigenen Bruder zu gründen?

Die Wahl des Mitgründers ist eine der wichtigsten Entscheidungen, und ich habe das große Glück, mit meinem Bruder einen Mitgründer an meiner Seite zu haben, auf den ich mich immer zu 100 % verlassen kann. Ich denke, die größte Herausforderung ist es, jemanden zu finden, der zur selben Zeit am selben Ort von derselben Idee so überzeugt ist, dass er oder sie bereit ist, alles andere links liegen zu lassen und sich auf die gemeinsame Sache zu fokussieren. Dazu ist dieselbe Wertehaltung sehr wichtig und dass man sich in seinen Fähigkeiten ergänzt. Und das tun wir. Es ist also ein tolles Gefühl.

Careship
Careship Gründer Nikolaus und Antonia Albert

Wo steht das Unternehmen heute?

Wir sind 2015 gestartet und mittlerweile in Berlin, Hamburg, Frankfurt und der Region NRW für Senioren und Familien verfügbar. Wir haben 800 Alltagshelfer im Einsatz und arbeiten mit einem Team von 50 festangestellten Mitarbeitern in Berlin an der täglichen Weiterentwicklung und dem Aufbau des Unternehmens.

UNSERE PLATTFORM IST SIMPEL AUFGEBAUT UND FÜR JEDEN VERSTÄNDLICH, DER IM INTERNET BEREITS AKTIV IST.

Wer nutzt die Webseite aktuell hauptsächlich? Kommen ältere Menschen mit der Plattform zurecht?

Für Careship sind unsere Hauptzielgruppen die Kinder und Enkelkinder der Pflegebedürftigen. Die Kinder sind zwischen 45 und 70 Jahre alt und haben direkten Einfluss auf den Pflegebedürftigen. Oft werden wir aber auch von Enkelkindern kontaktiert oder auch von online-affinen Senioren selbst. Unsere Plattform ist simpel aufgebaut und für jeden verständlich, der im Internet bereits aktiv ist. Auch jeder ältere Mensch, der eine E-Mail-Adresse hat, kann bei uns buchen.

Welche Voraussetzungen muss ich mitbringen, um als Betreuer für Careship im Einsatz sein zu können? Handelt es sich um einen Fulltime-Job?

Jeder, der die richtige Motivation mitbringt und hilfsbedürftige Menschen in seiner Nachbarschaft unterstützen möchte, ist bei Careship willkommen – das können zum Beispiel Studenten, Quereinsteiger oder Hausfrauen sein. Und nein, die Tätigkeit als Alltagshelfer ist kein Fulltime-Job, daher bietet Careship sich eher als Nebenjob an. Da unsere Alltagshelfer alle selbstständig sind, können sie über den Umfang ihrer Arbeit selbst entscheiden.

VERTRAUEN IST FÜR UNS BESONDERS WICHTIG!

Wie geht ihr sicher, dass die Betreuer wirklich geeignet sind?

Vertrauen ist für uns besonders wichtig! Deswegen durchlaufen alle Bewerber ein fünfstufiges Verfahren. Neben der formellen Qualifikation stehen Persönlichkeit und Empathievermögen im Vordergrund. Zusätzlich fordern wir von allen Bewerbern das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis an, um größtmögliche Sicherheit zu haben. Damit garantieren wir unseren Kunden, dass nur qualifizierte und vertrauenswürdige Alltagshelfer zu ihnen kommen.

Es herrscht ein großer Pflegekräftemangel. Wie wird sich diese Situation deiner Meinung nach entwickeln?

Wir stehen derzeit vor einer enormen gesellschaftlichen Herausforderung, denn in den nächsten 20 Jahren wird sich die Anzahl an pflegebedürftigen Menschen in Deutschland verdoppeln. Gleichzeitig wird der Mangel an Betreuungs- und Pflegekräften immer größer und eine Frage bleibt: Wie werden wir unsere immer älter werdende Bevölkerung versorgen? Wir wollen uns dieses Problems annehmen und haben es zu unserer Herzensangelegenheit gemacht. Deswegen arbeiten wir täglich mit einem tollen Team und unseren Alltagshelfern an der Lösung.

EIN FAIRES GEHALT IST ESSENTIELL FÜR WERTSCHÄTZUNG UND MOTIVATION…

Der Mangel wird auch immer wieder mit niedrigen Gehältern in Verbindung gebracht. Wie sieht es bei Careship aus?

Ein faires Gehalt ist essentiell für Wertschätzung und Motivation in diesem Bereich, und dafür setzen wir uns auch ein. Alltagshelfer legen bei uns ihr Gehalt selbst fest, erhalten aber mindestens 15 € pro Stunde. Dabei ist es uns wichtig, dass trotz der Selbstständigkeit möglichst wenig Zeit in bürokratisch-organisatorische Tätigkeiten investiert werden muss. Aus diesem Grund übernehmen wir alle Hintergrundaufgaben der Alltagshelfer – von der Kundenakquise über das Marketing bis hin zur Rechnungsstellung. 

Careship

Wo siehst du die Zukunft der Pflege im Allgemeinen?

Das Problem des Pflegemarktes stellt nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa eine Herausforderung dar. Digital Health ist ein sehr vielversprechender Zukunftsmarkt, denn sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich wird die Frage immer wichtiger, wie wir uns um unsere alternde Gesellschaft kümmern wollen. Allein in Deutschland wird sich die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen bis ins Jahr 2050 verdoppeln, während die Zahl der Alltagshelfer sinkt.

BERLIN WAR FÜR UNS DIE EINZIGE OPTION…

Und wo soll es für Careship hingehen?

Unser Ziel ist es, Careship für so viele Familien wie möglich verfügbar zu machen. Wir wollen nach und nach unser Angebot zunächst in den größten Städten Deutschlands und dann auch in ländlichen Gebieten anbieten. Hierbei ist es uns außerdem wichtig, eine Technologie bereitzustellen, die flexibel und effizient funktioniert.

In Berlin gibt es eine Menge Start-ups. Wie viel Einfluss hat die Stadt auf dich und das Unternehmen? Wäre die Gründung auch woanders infrage gekommen?

Berlin war für uns die einzige Option, und ich habe diese Entscheidung nie bereut. Es gibt bestimmt auch noch viele andere Orte, die für eine Gründung attraktiv sind. Bei uns war Berlin vor allem wegen des Zugangs zu Mitarbeitern, Austausch und Investoren die attraktivste Stadt.

Wenn dir die Idee für Careship nicht gekommen wäre, was würdest du wohl heute tun?

Ich bin sehr pragmatisch und nehme das Leben so wie es kommt.

Welche drei Wörter beschreiben dich am besten?

Zielstrebig, mitreißend, lösungsorientiert.

Vielen Dank für das Interview, liebe Antonia!

Das Beitragsbild ist übrigens von Careship

 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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