Cannabis: Illegale Subkultur, Medikament oder Trend?

Words by Jana Ahrens
Photography: Chloe Andrews auf Unsplash
Frau steht im Wald und raucht
Cannabis ist derzeit in aller Munde. Ist es jetzt legal oder illegal? Ist es ein Medikament oder ein Lifestyle-Produkt? Macht es nur mit psychoaktiven Stoffen Sinn oder auch ohne? Die Gesetzeslage zum Cannabis-Konsum hat sich seit 2017 in Deutschland – trotz vieler Debatten – nicht verändert.
 

Trotzdem werden immer mehr Schlupflöcher gefunden, um das Potential der Pflanze voll auszuschöpfen. Sicherlich auch, weil andere Länder bereits gezeigt haben, dass sich mit Cannabis viel Geld verdienen lässt.  

Die Gesetzeslage in Deutschland

Auf den ersten Blick scheint es ganz logisch: Alle Drogen außer Alkohol, Nikotin und Koffein sind verboten. Doch so einfach ist es dann doch nicht. Grundsätzlich legt das deutsche Betäubungsmittelgesetz zwar fest, dass Anbau, Import oder Handel mit illegalen Drogen mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden kann. Doch gerade bei Cannabis gibt es ein paar Ausnahmen. Eine davon betrifft die Menge an Cannabis.

Mit dem sogenannten Cannabis-Beschluss aus dem Jahr 1994 (mittlerweile geregelt in § 31a StGB) hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass ein Strafverfahren von der Staatsanwaltschaft eingestellt werden kann, wenn der Cannabis lediglich zum Eigenbedarf in geringer Menge angebaut, eingeführt oder erworben wurde. Allerdings wird nicht definiert, was genau eine »geringe Menge« ist. Und dieser Punkt wird von verschiedenen Bundesländern verschieden streng ausgelegt. 

Hinzu kommt, dass bestimmte Pflanzenteile und Cannabis-Produkte explizit von der Liste der verbotenen Substanzen ausgenommen sind. Dazu gehören die Samen. Aber nur, wenn sie nicht zum Anbau bestimmt sind oder die Pflanzen, die aus den Samen wachsen, einen THC-Gehalt von unter 0,2 Prozent haben. Das sind dann bestimmte Züchtungen. Auch dürfen Bauern Cannabispflanzen als Schutzstreifen neben Rübenfeldern pflanzen. Sie müssen dann allerdings deren Blüten vernichten.

Medizinischer Cannabis

Seit 2017 können Cannabisblüten und ‑extrakte in Deutschland auch als verschreibungspflichtiges Medikament ausgegeben werden. Dann unterliegen sie nicht den oben genannten Regelungen des Betäubungsmittelgesetzes. Cannabis wurde bisher für den medizinischen Gebrauch über Importe gedeckt. Seit 2019 kann medizinischer Cannabis auch in Deutschland angebaut werden. Das ist aus Sicht der Apotheken und Anbieter hilfreich. Denn die Nachfrage nach Cannabis konnte in den letzten Jahren kaum gestillt werden. Das heißt jedoch nicht, dass Cannabis inflationär eingesetzt würde. Es ist ausschließlich zur Behandlung von schwerkranken Menschen mit chronischen Schmerzen, bei schweren Fällen von Multipler Sklerose und bei manchen Epilepsieformen, zur Behandlung der Nebenwirkungen einer Chemotherapie oder zur Appetitsteigerung bei HIV/AIDS-Erkrankungen vorgesehen. An weiteren Einsatzgebieten – wie beispielsweise der Behandlung von Angstzuständen oder Schlafstörungen – wird jedoch weiterhin geforscht

Cannabis Pflanze
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Es werden immer mehr Schlupflöcher gefunden, um das Potential der Pflanze voll auszuschöpfen.
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CBD ohne THC

Im verschreibungspflichtigen Cannabis spielt der Wirkstoff THC – also Δ9-Tetrahydrocannabinol – eine besonders große Rolle. Doch in den letzten Jahren wird auch die potentiell heilende Wirkung von CBD – also Cannabidiol – in den Vordergrund gerückt. CBD wird eine heilende Wirkung bei Krämpfen, Entzündungen, Ängsten oder Übelkeit zugeschrieben. Dabei haben die hier angebotenen CBD-Produkte den Vorteil, dass ihr THC-Gehalt vernachlässigbar ist und sie deshalb nicht berauschend oder psychoaktiv wirken. Die rechtliche Lage dazu bleibt allerdings weiterhin unklar. Das hat zwei Gründe: Auch wenn der THC-Gehalt in CBD-Lebensmitteln so gering ist, dass er potentiell keine Wirkung entfaltet, so ist das Produkt an sich jedoch nicht explizit von der Liste der verbotenen Substanzen ausgenommen. Zudem hat eine EU-Kommission die CBD-Nahrungsmittel Anfang dieses Jahres als sogenannte »Novel Foods« – also als neuartige Lebensmittel – klassifiziert. Bei der EU-Liste mit den Novel Foods handelt es sich zwar nicht um ein rechtlich bindendes Papier. Aber die Empfehlung lautet, Novel Foods nur mit staatlicher Zulassung zu erlauben. Weil die Rechtslage so unklar ist, haben große Händler – wie dm oder Rossmann – verzehrbare CBD-Produkte 2019 wieder aus dem Sortiment genommen. 

 

Kosmetika mit CBD-Anteil erfreuen sich allerdings weiterhin großer Beliebtheit. Ob als Anti-Aging-Präparat, gegen Schuppenflechte oder einfach für empfindliche Haut – CBD-Cremes und ‑Tinkturen gibt es bereits von vielen Marken. Aber woher kommt eigentlich dieser neue Hanf-Hype? Warum wird diese alte und so oft als hochgradig gefährlich eingestufte Pflanze aktuell geradezu als Allheilmittel gepriesen? 

Das große Cannabis-Business in den USA und in Kanada

Zwei Länder, in denen das Geschäft mit Cannabis dieser Tage so richtig boomt, sind die USA und Kanada. Obwohl die USA in den 70er Jahren die Speerspitze der Anti-Cannabis-Bewegung darstellten, wurde die Pflanze dort inzwischen in 10 Staaten legalisiert, im Juli 2019 kommt mit New Mexico Staat Nummer 11 hinzu. Und der Markt wächst stetig. Etliche Start-ups mit aufwändig kuratierten Marihuana-Menüs schießen aus dem Boden. Besonders interessant: Viele Stars sind direkt ins Cannabis-Geschäft eingestiegen und nutzen ihre Berühmtheit zur Vermarktung, so wie sie es bereits in Lifestyle-Bereichen wie Mode, Parfum oder Fitness erfolgreich getan haben. Zu den besonders Umtriebigen gehören so illustre Persönlichkeiten wie Snoop Dog, Whoopie Goldberg, Melissa Etheridge und Martha Stewart. Die Produktpalette umfasst dabei nicht nur verschiedene Cannabis-Sorten zum Kiffen, sondern auch Öle oder Badesalze, die speziell gegen Menstruationsbeschwerden eingesetzt werden können. All diese Produkte zusammen haben den USA im Jahr 2018 einen Cannabis-Umsatz von 10,4 Milliarden US-Dollar beschert. Tendenz über die nächsten Jahre? Weiterhin steigend. Das Interesse aus anderen Ländern, einen ähnlichen Goldrausch in Sachen Cannabis mitzuerleben, wächst dadurch natürlich stetig. Doch die Gesetzeslage ist auch in den USA nicht unkompliziert. Während der Cannabis-Umsatz steigt und steigt, sind weiterhin die Hälfte aller, die wegen Drogenbesitzes im Gefängnis sind, aufgrund eines Cannabis-Deliktes eingesperrt. 

Kanada ist das erste Land unter den Industrienationen, das Cannabis flächendeckend legalisiert hat.

Anders sieht es hingegen nördlich der USA aus. Kanada ist das erste Land unter den Industrienationen, das Cannabis flächendeckend legalisiert hat. Seit Oktober 2018 gilt die neue Gesetzgebung, wobei auch hier den einzelnen Provinzen vorbehalten ist, wie mit dem Gesetz im Einzelnen verfahren wird. Gerade deshalb ist das internationale Interesse am Prozess der Legalisierung in Kanada extrem hoch. Viele internationale Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Medizin, Recht und Wirtschaft sehen die Legalisierung als großes Experiment, aus dem für die Zukunft gelernt werden kann. Es muss sich noch zeigen, ob der wirtschaftliche Boom, der auch hier erwartet wird, den Schwarzmarkt wirklich eindämmen kann und ob Kanada einen guten Weg findet, mit rechtlich schwierigen Situationen wie nicht-zertifiziertem Anbau, Cannabis im Straßenverkehr oder Cannabis am Arbeitsplatz umzugehen. 

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Politik

Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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