Warum es nicht okay ist, eine Hautfarbe als Trend zu nutzen

Words by Arzu Gül
Photography: Alvin Balemesa via Unsplash
Lesezeit: 4 Minuten
Blackfishing - People of Color

Immer mehr Celebrities wird »Blackfishing« vorgeworfen – sie schminken sich eine dunklere Hautfarbe und bedienen sich Kleidungsstilen der afroamerikanischen Kultur. Warum dieser »Trend« extrem strittig ist.

Popstars, TV-Persönlichkeiten und Social-Media-Influencerinnen – ausgerechnet Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und Millionenreichweiten haben, treiben zurzeit einen Trend voran, der der schwarzen Kultur gegenüber unangemessen und daher extrem umstritten ist. Die Rede ist von »Blackfishing«, also dem Aneignen äußerlicher Attribute, die stark an das Aussehen von People of Color erinnern – nur dass die betroffenen Personen eben in Wirklichkeit einen weißen ethnischen Hintergrund haben.

Der Begriff »Blackfishing« ist an eine US-amerikanische Realityshow angelehnt. In der Sendung »Catfish« geht es um Menschen, die beim Online-Dating eine falsche Identität vorspiegeln, um jemand anderen in eine Liebesbeziehung zu locken. Beim »Blackfishing« passiert etwas Ähnliches: Persönlichkeiten aus der Popkultur – übrigens meist Frauen – vermitteln der Öffentlichkeit den Eindruck, sie seien schwarzer Herkunft, um – so lautet der Vorwurf – ihre Popularität zu steigern und aufgrund ihrer besonderen Erscheinung Vorteile zu erwirken.

Hierfür wird dunkles Make-up verwendet, das Solarium aufgesucht oder die Haut mittels Selbstbräunern verdunkelt. In extremeren Fällen werden zur Modifikation des eigenen Ich gar Schönheitsoperationen und vergleichbare ästhetische Eingriffe vorgenommen, um beispielsweise vollere Lippen oder eine kurvigere Körperform zu bekommen. Modische Accessoires und Frisuren, die ihren Ursprung in der schwarzen Kultur haben, runden das Erscheinungsbild ab.

Bekannte Namen: Kim Kardashian, Ariana Grande, Selena Gomez

Besonders stark kritisiert wird die US-amerikanische Kardashian-Jenner-Familie, deren Mitglieder als Reality-TV-Stars, UnternehmerInnen und InfluencerInnen tätig sind und international zu den bekanntesten Persönlichkeiten auf Social Media gehören. Obwohl die insgesamt fünf Töchter der Kardashian-Jenner-Familie keinen schwarzen ethnischen Hintergrund haben, vermitteln sie durch ihr Erscheinungsbild das Gegenteil. Besonders heikel wird es dadurch, dass fast alle von ihnen unterschiedliche Make-up- und Beauty-Produktlinien verkaufen und damit viele Nachahmerinnen unter ihren Fans finden, die ihren Look nachkreieren möchten.

 

Auch gegenüber der Popsängerin Ariana Grande wird immer häufiger der Vorwurf des Blackfishings laut. Die US-amerikanische Sängerin mit italienischen Wurzeln hat sich in den letzten Jahren optisch immer weiter verändert und erzeugt bei ihren Fans inzwischen den Eindruck, eine Woman of Color zu sein. Vergleicht man frühere Aufnahmen der Sängerin mit ihrer heutigen Erscheinung, so wird das Prinzip des Blackfishings sehr deutlich.

Beispiele für dieses Phänomen finden sich in der Medienwelt viele. Auch die Sängerin Selena Gomez, die schwedische Influencerin Emma Hallberg oder die deutsche Influencerin und Rapperin Shirin David werden immer wieder scharf dafür kritisiert, sich eines dunklen Phänotyps zu bedienen, um dadurch interessanter zu wirken und ihre Popularität zu boosten.

Kulturelle Aneignung darf kein Trend sein

Doch warum ist Blackfishing überhaupt so problematisch? Ist es denn schlimm, wenn weiße Frauen einem afroamerikanischen Look nacheifern? Könnte man das nicht sogar als Kompliment ansehen? Und wie verhält es sich, wenn umgekehrt afroamerikanische Frauen ihre Haare glätten oder ihre Haut heller schminken? Ist das nicht eigentlich das Gleiche?

Dies sind Fragen, die die historische Vergangenheit und die weitreichende Symbolik hinter diesem Trend ignorieren bzw. verharmlosen. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk erklärt der Journalist Malcolm Ohanwe, dass schwarze Frauen sich nicht »aus Lust und Laune die Haare glätten, sondern weil sie gesellschaftlich unter Druck gesetzt werden.« Dies sei Assimilierung und keine Aneignung. »Schwarze tragen das, um zu überleben, und Weiße tragen das, um trendy zu sein.«.

Diskriminierung aufgrund der Haarstruktur ist noch immer Realität                                                 

Wir erinnern uns an die Zeit, in der Frauen afrikanischer Abstammung ihr Haar per Gesetz bedecken mussten. Die sogenannten Tignon Laws wurden 1786 vom Gouverneur Esteban Rodriguez Miró in der damaligen spanischen Kolonie Louisiana initiiert. Demnach mussten schwarze Frauen ihr Haar mit einem Tignon, einer Art Turban, bedecken, da ihre Lockenpracht und Erscheinung häufig die Aufmerksamkeit weißer Männer auf sich zog, was Miró durch sein Gesetz zu unterbinden hoffte. Jedoch schmückten die Frauen ihren Tignon mit Broschen, Tüchern und bunten Stoffen und machten so aus der vermeintlichen Kopfbedeckung ein veritables Fashion-Piece. Ihrer Ausstrahlung konnte der Tignon also nichts anhaben.

Es ist kaum zu glauben, aber auch heute noch ist es in den USA vielerorts legal, Menschen aufgrund ihrer Haare beispielsweise des Arbeitsplatzes zu verweisen oder ihnen eine berufliche Anstellung zu verweigern, sogar wenn die Frisur oder Haarstruktur ethnisch bedingt ist. Aus diesem Grund wurde 2019 die sogenannte »CROWN Coalition« gegründet, die sich dafür einsetzt, die amerikanische Gesetzgebung hinsichtlich dieser Problematik anzupassen. Tatsächlich wurde infolgedessen in Kalifornien 2019 der erste »Crown Act« verabschiedet, wodurch Haarstrukturen und Frisuren, die historisch mit einer Ethnie in Verbindung gebracht werden, als schutzwürdig eingestuft werden. In vielen weiteren Bundesstaaten sind ähnliche Gesetzesentwürfe in Arbeit.

Wenn sich weiße Menschen also einer dunkleren Hautfarbe bedienen oder sich Haarfrisuren und Kleidungsstile afrikanischer Herkunft aneignen, weil sie die Attribute als »schön« und »trendy« empfinden, vergessen sie dabei, dass hinter all diesen Merkmalen das Erbe einer ganzen Kultur und die Historie jahrhundertelanger Diskriminierung stecken.  

Die Autorin Emma Dabiri beschreibt in einem Artikel im iD Magazine:

Blackness ist kein netter Verein, in den man ein- und austreten kann, wie es beliebt. Wir können nicht schwarz sein, wenn es uns gerade passt. Wir können uns nicht einfach die Farbe vom Körper waschen, wenn wir mit dem sehr realen Rassismus konfrontiert werden, der unsere Leben täglich erschwert.

Emma Dabiri

Beim Blackfishing werden nur die vorteilhaften Merkmale übernommen

Der afroamerikanische Autor Greg Tate beschreibt in seinem Buch »Everything but the Burden: What White People Are Taking from Black Culture« eingehend, wie MusikerInnen, SchauspielerInnen oder auch ganz normale BürgerInnen sich immer wieder der schwarzen Kultur, Kunst, Kleidung oder äußerlichen Erscheinung bedienen und dies als Marketing-Werkzeug für ihre eigene Karriere nutzen. Wenn also ein weißer Rapper klassische Hip-Hop-Musik macht und damit einen Grammy gewinnt, eine weiße Sängerin in ihren Musikvideos ein »hartes Ghetto-Leben« inszeniert oder aber eine weiße Influencerin durch ihre angeeigneten »schwarzen Attribute« Model-Jobs an Land zieht, die eigentlich Women of Color hätten ausüben können, dann bedienen sich weiße Menschen an der schwarzen Kultur, als sei diese ein Accessoire oder ein Kostüm, kreieren damit Verkaufsschlager und missachten all die historischen Ungleichheiten, die die wirklich schwarzen Menschen seit jeher erleiden müssen. Denn: Diese Personen bedienen sich lediglich der positiven Aspekte, die mit einer schwarzen ethnischen Herkunft einhergehen. Die – leider – normalerweise damit einhergehende Bürde, also die Diskriminierung und den Rassismus, erleben sie hingegen nicht, denn sie sind und bleiben nun einmal weiß und entsprechend privilegiert.

Kulturelle Aneignung ist somit weder Schmeichelei noch Kompliment, sondern kann geradezu als Hohn empfunden werden und jenen, die tatsächlich Diskriminierungen ausgesetzt sind, tiefe Wunden zufügen. Zu einem respektvollen und antirassistischen Umgang miteinander gehören also die Auseinandersetzung mit der Historie eines »Trends« und der offene Diskurs mit Betroffenen. Vielleicht erkennt der eine oder die andere in diesem Fall auch, dass nicht jeder Trendzug es wert ist, dass man auf ihn aufspringt.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

2 Kommentare

Charles M. Huber
#1 — vor 2 Monaten 1 Woche
Okay Leute, aber dann ist das Glätten von krausem Haar, das operativer Verschmälern der Nase »whitefishing« und geht auch nicht! Und was ist mit dem Nutzen von Smartphones in der arabischen Welt, die si nicht produziert? Richtig, »westfishing«!
Arzu Guel
#1.1 — vor 2 Monaten 1 Woche
Lieber Charles,

auf genau diesen Gegenvorwurf sind wir bereits im Artikel eingegangen. Die von Ihnen genannte Annahme würde den gesamten historischen Kontext der Diskriminierung und des Rassismus außen vor lassen, der den kontroversen Charakter eines solchen Trends verharmlost. Es geht hierbei nicht nur um die optische Verschönerung der Haare, sondern um die gesamte kulturelle Geschichte dahinter, eben bspw. dass Frauen mit krausem Haar noch bis vor einigen Jahren in den USA aufgrund ihrer Locken diskriminiert und von Berufen ausgeschlossen wurden. Ihnen blieb also gar nichts anderen übrig, als ihr Aussehen zu ändern.

Mit freundlichen Grüßen
Arzu Guel

In reply to #1 by Charles M. Huber

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