Sollte das globale Bevölkerungswachstum begrenzt werden?

Words by Arzu Gül
Photography: chuttersnap via Unsplash
Lesezeit: 5 Minuten
Menschenmasse - Bevölkerungswachstum

Die Weltbevölkerung wächst immer weiter an. Gleichzeitig werden die Ressourcen auf der Erde immer knapper. Sollte das globale Bevölkerungswachstum seitens der Politik gestoppt werden?

Seit Jahrzehnten unterliegt die globale Weltbevölkerung einem drastischen Zuwachs. Laut UN-Prognosenkönnte die Weltbevölkerung von aktuell 7,8 Milliarden Menschen bis 2060 auf ganze 10,2 Milliarden Menschen ansteigen. Doch während wir uns immer weiter vermehren, sind die Ressourcen der Erde begrenzt. Schon jetzt herrschen in vielen Ländern Wasserknappheit, Armut und Hunger. Gleichzeitig haben viele Nationen einen Ressourcenbedarf, der weit darüber hinaus geht, was regenerierbar wäre, und fördern dadurch Klimawandel, Artensterben und Bodenerosionen. Wenn schon jetzt ein nachhaltiger Lebensstil und das Aufhalten des Klimawandels eine solche Herausforderung darstellen, wie soll es dann in Zukunft werden, wenn noch weitere 2,4 Milliarden Menschen auf der Erde dazugekommen sind? Oder wir uns gar irgendwann verdoppeln? Ein naheliegender Ansatz wäre es, das Bevölkerungswachstum rechtzeitig zu begrenzen. Doch wäre das ethisch legitimierbar? Und mit welchen Mitteln könnte man so etwas durchsetzen?

Junge Menschen fürchten schon jetzt um ihre Zukunft

Die Klima-Aktivistin Greta Thunberg und Millionen junge Menschen auf der Welt protestieren im Rahmen der sozialen Bewegung »Fridays for Future« schon seit 2018 regelmäßig für die Einhaltung des Weltklimaabkommens und fordern die Politik dazu auf, effiziente Klimaschutzmaßnahmen einzusetzen. Den jungen Menschen geht es um ihre Zukunft, denn wenn die Erderwärmung weiterhin voranschreitet und die kritische Grenze von 2 Grad Celsius übersteigt, drohen laut ForscherInnen katastrophale Folgen für die Erde und die Bevölkerung.

Eine nachhaltige Entwicklung bedeutet laut eines Berichts der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen »eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der heutigen Generation erfüllt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu beeinträchtigen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.« Doch Kinder und junge Erwachsene fürchten bereits heute ganz akut um ihre Zukunft, denn aktuell sind wir noch weit von einer solch nachhaltigen Entwicklung entfernt. Ein zusätzlicher Anstieg der Weltbevölkerung hätte somit vielfältige Folgen. Inwieweit wären unkontrollierte Geburtenzahlen und Familienplanungen damit noch vertretbar?

Schon heute herrscht in vielen Teilen der Welt eine Trinkwasserknappheit

Was passiert, wenn wir uns weiterhin unkontrolliert vermehren?

Wenn man sich die aktuellen Umstände und Lebenssituationen auf der Welt anschaut, erhält man bereits ein gutes Bild davon, welche Folgen ein weiterer Anstieg der Weltbevölkerung mit sich bringen würde. Denn die Knappheit an landwirtschaftlichen Flächen und Trinkwasser in weiten Teilen der Erde, Hunger und Unterversorgung in Dritte-Welt-Ländern sowie Wetterextreme, Dürre oder Überschwemmungen in Folge des Klimawandels sind Probleme, mit denen wir bereits heute stark zu kämpfen haben.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden bis 2050 über 40 Prozent der Menschen in Gebieten mit schwerer Wasserknappheit leben. Den größten Mehrbedarf hätten dabei das verarbeitende Gewerbe (+400 %), Stromerzeuger (+140 %) und private Haushalte (+130 %).

Aber nicht nur landwirtschaftliche Folgen, sondern auch soziale Probleme und Konflikte wie steigende Armut, Kriege und Auseinandersetzungen, fehlende Arbeitsmöglichkeiten und Einnahmequellen bereiten den ExpertInnen Sorge. Schon heute gilt das Bevölkerungswachstum als einer der Fluchtgründe für Menschen. Viele sehen sich gezwungen, aufgrund schlechter Arbeits- und Lebensbedingungen vom Land in die Stadt zu ziehen. Laut OECD werden bis 2050 rund 70 Prozent der Menschen in Städten leben, was dort wiederum zu steigenden Preisen für Lebensraum, einer starken Abnutzung der Infrastruktur und weiteren Problemen führen kann. Weitaus fataler sind aber die Folgen für Dritte-Welt-Länder mit unzureichenden sozialen Strukturen und innerstaatlichen Konflikten. Hier drohen weitere Bürgerkriege und Auseinandersetzungen, die Menschen schließlich dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen und Schutz in anderen Teilen der Welt zu suchen.

Es wird deutlich: Ein Nicht-Handeln ist unter diesen Umständen kaum mehr möglich. Wenn die Bedürfnisse der Menschen weiterhin befriedigt und ein friedliches und gesundes Zusammenleben möglich sein sollen, bedarf es weitreichender politischer und sozialer Maßnahmen. Dass mehr Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Energieversorgung unumgänglich ist, steht außer Frage. Aber vielleicht könnte auch die Reglementierung des weiteren Bevölkerungswachstums einen Lösungsansatz darstellen.

Sieben Kinder pro Frau in Nigeria

Die Bevölkerung steigt nicht überall auf der Welt an. Ganz im Gegenteil: In den europäischen Industriestaaten beobachten ExpertInnen einen starken Rückgang der Geburtenraten. In Deutschland sank die Geburtenrate zuletzt auf 1,54 Kinder je Frau, was weit entfernt vom Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern je Frau liegt. Das bedeutet, dass in vielen europäischen Ländern die Bevölkerung sogar zurückgeht.

Der drastische Zuwachs der Weltbevölkerung findet vor allem in asiatischen Ländern wie Pakistan und Indien sowie in weiten Teilen Afrikas statt. Bezeichnend ist, dass das Wachstum somit gerade in den Ländern voranschreitet, die ohnehin schon mit zahlreichen Missständen wie einer spärlichen Trinkwasser- und Nahrungsversorgung, fehlenden Bildungseinrichtungen und Armut zu kämpfen haben. Dies wiederum führt zu einem immer größeren Konkurrenzkampf um eine ausreichende Versorgung und in Folge dessen zu weiteren Konflikten.

Unter den 30 Ländern mit den höchsten Geburtenraten finden sich 26 afrikanische Länder. Das Land mit der höchsten Fertilitätsrate ist Nigeria mit mehr als 7 Kindern je Frau. Die Gründe für die hohen Geburtenraten sind dabei vielfältig. Da in vielen afrikanischen Ländern keine ausreichende staatliche Absicherung im Alter oder im Krankheitsfall gewährleistet ist, sind Nachkommen somit eine notwendige Altersvorsorge, durch die sich Eltern eine ökonomische Unterstützung im Bedarfsfall erhoffen.

Zusätzlich dazu gibt es eine kulturelle Motivation, da in bestimmten Bevölkerungsgruppen eine hohe Fertilität mit einem hohen Ansehen in der Gesellschaft einhergeht. Aber auch religiöse Gründe, die beispielsweise ein Verhütungs- oder Abtreibungsverbot mit sich ziehen, können eine Rolle spielen. Ein weiterer wichtiger Grund für die hohen Geburtenraten ist die fehlende Aufklärung in Entwicklungsländern in Bezug auf Verhütung und Sexualität. Diese Vielfalt an Gründen und Gegebenheiten zeigt, dass eine staatenübergreifende Generallösung nicht möglich ist, und ein gesetzliches Eingreifen in die Familienplanung, wie die bis 2015 aktive Ein-Kind-Politik in China, keine sinnvolle und umsetzbare Lösung sein kann.

Umweltverschmutzung und der Verbrauch natürlicher Ressourcen sind schon heute ein großes Problem

Je höher die Bildung, desto weniger Kinder werden gezeugt

Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der Bildung einer Frau und der Anzahl ihrer Geburten gibt. Frauen, die mehr Zeit an weiterführenden Schulen verbracht haben, bekommen in der Regel weniger Kinder, sind bewusster in der Familienplanung und versuchen, den Lebensstandard ihrer Kinder möglichst hochzuhalten.

Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist der Iran. Während in den 80er-Jahren die Geburtenrate noch bei etwa 6,5 Kindern je Frau lag, liegt sie inzwischen nur noch bei 2,12 Geburten. Von einer Generation zur nächsten ist die Fertilitätsrate also drastisch abgesunken! ExpertInnen sehen hierbei einen starken Zusammenhang zu diversen Modernisierungsprozessen der iranischen Gesellschaft, die zeitgleich mit dem demografischen Wandel einhergingen. Junge Frauen erhielten beispielsweise weiträumig Zugang zu Bildungseinrichtungen – 2002 waren rund 62 Prozent der angenommenen BewerberInnen für einen Studienplatz weiblich. Während der Geburtenrückgang in Regierungskreisen als alarmierend wahrgenommen wird und man die Frauen dazu bewegen möchte, weniger zu studieren und mehr Kinder zu bekommen, muss man feststellen, dass sich der Lebensstandard der iranischen Bevölkerung zeitgleich mit dem Rückgang der Geburtenraten dramatisch verbessert hat. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stieg im Zeitraum von 1990 bis 2011 von 872 US-Dollar auf 7.580 US-Dollar an.

Politik muss in Bildungssysteme investieren

Ein Eingriff in das Bevölkerungswachstum klingt im ersten Moment nach einem Eingriff in die individuelle Freiheit und Familienplanung. Wenn Letztere aber nicht aufgrund des Wunsches nach Nachwuchs, sondern aufgrund fehlender sozialer Strukturen und Bildungsmöglichkeiten erfolgt und die Missstände innerhalb einer Familie, eines Dorfes, einer Stadt oder eines ganzen Landes verschärft, liegt es in der Verantwortung der Politik, den Ursachen auf den Grund zu gehen und entsprechende Lösungsansätze zu erarbeiten.

Im Falle der aktuellen Entwicklungen wird deutlich, dass es besonders in Schwellenländern darauf ankommt, den Bildungssektor auszubauen, in die Familienpolitik zu investieren, Aufklärung in Bezug auf Verhütungsmittel zu leisten und eine medizinische Grundversorgung sowie eine ausreichende Schwangerenbetreuung sicherzustellen. Positive Veränderungen in den genannten Bereichen würden schließlich ganz automatisch eine Verringerung der Geburtenraten und eine Entspannung der sozialen Lage mit sich ziehen. Da vielen Staaten die Mittel für solche Maßnahmen fehlen, muss Entwicklungshilfe zwangsläufig auch über die Industriestaaten finanziert werden. Nur ist es schließlich möglich, für eine nachhaltige Entwicklung und eine sichere Zukunft für alle Nationen zu sorgen.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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