Wie wir lernen, antirassistisch zu sein

Words by Arzu Gül
Photography: Clay Banks via Unsplash
Lesezeit: 5 Minuten
Frauen mit Plakaten bei Black Lives Matter Demonstration

Die jüngsten Vorkommnisse in den USA machen uns auf erschreckende Art und Weise wieder bewusst, wie allgegenwärtig Rassismus in der Gesellschaft ist. Die meisten von uns hätten wahrscheinlich bislang von sich behauptet, frei von Vorurteilen dieser Art zu sein. Doch es zeigt sich: Wir alle müssen nun ganz bewusst erlernen, antirassistisch zu sein.

Am 23. Februar 2020 entscheidet sich der 25 Jahre alte Ahmaud Arbery, durch seine Nachbarschaft zu joggen. Wenig später wird er von einem 64-jährigen ehemaligen Polizeibeamten und dessen 34-jährigen Sohn verfolgt, aufgehalten und erschossen. Der Polizei gegenüber erklären die Täter später, sie hätten ihn für einen Einbrecher gehalten. Doch Arbery war unbewaffnet und hatte sich keinerlei kriminelle Tat zuschulden kommen lassen.

Die nur 26-jährige unschuldige Breonna Taylor wurde zum Opfer von Polizeigewalt und verlor ihr Leben

Breonna Taylor, eine 26-jährige Notfallsanitäterin, wird am 13. März 2020 nachts in ihrer eigenen Wohnung bei einem Schusswechsel erschossen, nachdem mehrere Polizeibeamte unangekündigt ihre Wohnung gestürmt hatten. Die Durchsuchung galt eigentlich ihrem Ex-Freund, der mutmaßlich an einem Drogenhandel beteiligt gewesen war. Allerdings befand dieser sich zum Zeitpunkt der Durchsuchung 15 km von ihrer Wohnung entfernt, so dass es eigentlich keinen Grund gab, ihre Wohnung auf diese Weise zu stürmen.

George Floyd, ein zweifacher Vater, wird am 25. Mai 2020 im Alter von 46 Jahren bei einer Polizeifestnahme getötet, weil er verdächtigt wird, in einem Kiosk mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben. Obwohl er keinen Widerstand leistet, drückt ein Polizeibeamter sein Knie in Floyds Genick und hält ihn so genau acht Minuten und 46 Sekunden am Boden. Floyd betont vor Augenzeugen ganze 16 Mal, dass er nicht atmen könne, und bittet um Hilfe. Jedoch erfolglos. Er erstickt kurze Zeit später.

Häufig verschleiert: Der systemische Rassismus

Was alle diese Fälle gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass Ahmaud Arbery, Breonna Taylor und George Floyd allesamt einen afroamerikanischen Hintergrund hatten. Ihre Namen stehen repräsentativ für viele weitere unschuldige schwarze Menschen, die in den USA zu Opfern von Gewalt – auch Polizeigewalt! – wurden. Und ihre Geschichten decken mit einer erschreckenden Eindrücklichkeit auf, wie sehr der systemische Rassismus seit Beginn der Sklaverei noch immer in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist.

Doch nicht nur in Amerika ist Rassismus noch immer allgegenwärtig. Auch hierzulande gehören Diskriminierungen, Beleidigungen und Gewalt gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe zum Alltag. Dabei muss erkannt werden, dass Rassismus kein Missstand ist, der nur in radikalen Untergruppen stattfindet. Rassistische Handlungen sind schon so lange Teil der menschlichen Gesellschaft und inzwischen dermaßen institutionalisiert, dass Menschen, die nicht selbst davon betroffen sind, sie oft gar nicht mehr als solche erkennen oder identifizieren können. ln Folge dessen muss Antirassismus gänzlich neu erlernt werden. Und das geschieht in erster Linie über die Bereitwilligkeit, zuzuhören und zu lernen.

Die Bereitschaft sich aktiv mit Antirassismus auseinanderzusetzen, ist die Herausforderung der Neuzeit

Was ist Antirassismus?

Es reicht heute nicht mehr aus, Rassismus einfach nur zu verachten, sich neutral zu verhalten oder zu betonen, dass alle Menschen gleich seien. Antirassismus ist die aktive und bewusste Bemühung, Rassismus konstant zu identifizieren, zu benennen und sich für die Veränderung von Systemen, Organisationsstrukturen, Politiken und Einstellungen einzusetzen. Der US-amerikanische Rassismusforscher und Autor Ibram X. Kendi beschreibt in seinen Arbeiten, dass es in Wirklichkeit gar keine neutrale Zwischenstufe zwischen einem Rassisten und einem Antirassisten gebe. Wer meint, sich selbst schlicht als »Nichtrassist« charakterisieren zu können, sitze einem Irrglauben auf. Denn: Entweder gehen wir aktiv gegen die strukturellen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft vor, oder wir unterstützen menschenunterdrückende Systeme mit unserer Passivität. Ein Drittes gibt es nicht.

Robert J. Patterson, Autor und Professor für Afroamerikanische Studien an der Georgetown Universität, beschreibt, dass wir kollektiv unser Denken über Rassismus als bewusste, absichtliche und offene Handlungen auf unbewusste, verdeckte und unbeabsichtigte Handlungen umstellen müssen. Denn Rassismus trete zwar auch individuell auf, finde aber häufig institutionell statt.

Vor allem aber müssten Menschen anerkennen, dass Rassismus ein »Problem der Weißen« sei, so die US-amerikanische Wissenschaftlerin und Autorin Robin DiAngelo. Sie beschreibt, dass das gesamte Konzept des Rassismus von Weißen konstruiert und geschaffen worden sei, weshalb die Verantwortung dafür, diese Missstände zu bekämpfen, nun ebenfalls bei weißen Menschen liege. Zu lange sei die gesamte Diskussion als »Problem der Schwarzen« verkannt und damit häufig von weißen Menschen ignoriert worden.

Die Verantwortung dafür, Rassismus zu bekämpfen, liegt nicht bei den Betroffenen

Wie kann ich mich aktiv gegen Rassismus einsetzen?

Aktiv antirassistisch zu sein, bedeutet nicht, vollkommen frei von Fehlern zu sein. Laut Ibram X. Kendi bedeute es vielmehr, zuzugeben, wenn wir rassistisch sind, gleichzeitig aber das eigene Verhalten infrage zu stellen. Es sei außerdem wichtig, es als Tatsache anzuerkennen, dass Menschen mit weißer Hautfarbe in der Gesellschaft privilegierter behandelt werden und von ihrem Aussehen profitieren, so der Aktivist Ben O’Keefe. Statt sich allerdings dafür zu schämen oder die eigenen gesellschaftlichen Vorteile zu leugnen, sei es hilfreicher, das Konzept des »White Privilege« zu verstehen und dieses Privileg gleichzeitig zu nutzen, um Gutes zu fördern und Unterdrückung zu bekämpfen.
Welche Handlungsmaßnahmen kann jede*r einzelne von uns also sofort umsetzen? Hier haben wir einige Empfehlungen zusammengetragen:

1. Sich informieren und weiterbilden

Um die Geschichte des Rassismus und seine weitreichenden Folgen wirklich zu verstehen, ist es zunächst einmal wichtig, sich zu dem Thema weiterzubilden. Es gibt inzwischen unzählige Publikationen, Bücher und Dokumentationen zum Thema Rassismus und Antirassismus, die die Anfänge der Rassendiskriminierung und der Vorstellung, Menschen ließen sich auf diese Weise sinnvoll kategorisieren, historisch und politisch erklären und einordnen.

Hier stellen wir 8 wichtige Bücher vor, die das Thema Rassismus behandeln.


2. Selbstkritik üben, auch wenn es schwerfällt

Auch wenn viele Menschen in bester Absicht handeln, so verstecken sich selbst hinter nett gemeinten Floskeln oder Komplimenten häufig rassistische Bemerkungen. Ein unscheinbarer Scherz über die Hautfarbe oder Herkunft einer Person kann bereits einen Mitmenschen beleidigen und verletzen. Fragen und Äußerungen zu solchen Merkmalen sollten von uns generell hinterfragt werden.


3. Den offenen Austausch suchen

Eine weitere Möglichkeit ist es, von Rassismus betroffene Menschen in unserem Umfeld aktiv nach ihrer Meinung und ihren Erfahrungen zu fragen und in einen offenen Diskurs mit ihnen zu gehen. Statt also unangenehme Gesprächsthemen zu meiden, sollten wir lernen zuzuhören und bereit sein, daraus Erkenntnisse für die Zukunft zu ziehen.


4. Wissen weitergeben

Wer sich mit der Rassismus-Thematik befasst, hat schon einmal den ersten Schritt getan. Doch wie sieht es im eigenen Umfeld aus? Wie informiert sind Familienmitglieder, FreundInnen oder ArbeitskollegInnen? Auch hier gilt: Es hilft nicht, unangenehme Gesprächsthemen zu meiden – stattdessen sollte man diese aktiv angehen. Falls Personen im eigenen Bekanntenkreis noch weiterer Aufklärung bedürfen, dann sollte dies in einem respektvollen und offenen Umgang geschehen. So kann das wertvolle Wissen weitergetragen werden.


5. Gemeinnützige Organisationen unterstützen

Es gibt unzählige Organisationen, die sich bereits seit Jahrzehnten gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung von Menschen einsetzen. Viele Organisationen freuen sich über freiwillige HelferInnen oder Spenden, um ihre wertvolle Arbeit weiterführen zu können.

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz gegen Extremismus und Gewalt von der Bundeszentrale für politische Bildung fördert stetig demokratieförderndes Engagement und ermöglicht Partizipation. Eine Liste von Partnern und regionalen Netzwerkstellen findet sich hier: buendnis-toleranz.de/partner.


6. Auf falsches Verhalten hinweisen

Wer offene oder versteckte rassistische Handlungen beobachtet, sollte diese nicht ignorieren. Ganz im Gegenteil: Um in der Gesellschaft etwas zu verändern, müssen Missstände identifiziert und laut ausgesprochen werden. In einem respektvollen und sachlichen Ton sollten Menschen also darauf aufmerksam gemacht werden, wenn sie sich unpassend verhalten. Gleichzeitig sollte man den Betroffenen Hilfe anbieten.

Die genannten Schritte im Alltag umzusetzen erfordert Selbstreflexion, Zeit und auch Mut. Jedoch verhält es sich hierbei ähnlich wie bei allen anderen Vorhaben und Notwendigkeiten: Eine einzelne Person kann mitunter wenig ausrichten. Wenn sich jedoch die kollektive Menge täglich dafür einsetzt, die Missstände im kleinen und großen Rahmen entsprechend der jeweiligen individuellen Möglichkeiten aufzuarbeiten, so kann in kürzester Zeit ein großer Wandel stattfinden.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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