Antibiotika in Geflügel & Kälbern: Gesetz verfehlt Wirkung

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Kylee Alons auf Unsplash
Antibiotika kommen bei Kälbern noch häufiger zum Einsatz als erlaubt
Obwohl der Einsatz von Antibiotika bei Mastferkeln und Mastschweinen zuletzt deutlich zurückgegangen ist, konnte das Bundeslandwirtschaftsministerium die gesteckten Ziele nicht in allen Bereichen durchsetzen. 
 

Antibiotika sind in der Viehzucht ein viel diskutiertes Thema. Um deren Einsatz deutlich zu verringern und das bestehende Gesundheitsrisiko für Mensch und Tier so gering wie möglich zu halten, trat im April 2014 eine Reform des Arzneimittelgesetzes in Kraft, mit der die Bundesregierung den Einsatz von Antibiotika bei Masttieren deutlich verringern wollte. Denn je häufiger Antibiotika in Ställen verabreicht werden, desto mehr resistente Bakterien entstehen. Auch für uns Menschen könnte der Fleischverzehr so fatale Folgen nach sich ziehen. Besonders beim Geflügel gehört bis heute knapp die Hälfte der eingesetzten Antibiotika zu den sogenannten kritischen Wirkstoffen. Die auch als Reserve-Antibiotika bezeichneten Mittel wurden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als besonders wichtig für die Behandlung von Menschen eingestuft. 

Bei Hühnern, Puten und Rindern: Die Menge an Antibiotika hat sich nicht verändert

Aus diesem Grund sollten Antibiotika zuletzt nur zur Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten verwendet werden. Doch die Realität ist eine andere. Denn dass die Medikamente bei noch immer viel zu vielen Tieren auch ohne eine therapeutische Notwendigkeit verabreicht werden, geht aus einem Evaluierungsbericht hervor, der dem NDR und der Süddeutscher Zeitung vorliegt.

Der Bericht des Bundeslandwirtschaftsministerium macht deutlich, dass der Antibiotika-Einsatz bei Mastferkeln und -schweinen innerhalb von drei Jahren zwar deutlich, genauer um mehr als 40 Prozent, zurückgegangen ist. Bei Hühnern, Puten und Rindern hat sich allerdings kaum etwas verbessert. Die Verbrauchsmengen blieben hier »nahezu unverändert«, heißt es. Friedrich Ostendorff ist agrarpolitischer Sprecher der Grünen. Er kritisiert die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und fordert sie auf, Reserveantibiotika »endlich raus aus der Mast« zu nehmen, »weil sie eine Bedrohung für die Humanmedizin, für uns Menschen sind, wenn wir im Krankheitsfall diese Stoffe benötigen«, erklärt Ostendorff.

Landwirte nutzen Schlupflöcher

Seit der Gesetzesänderung sind Landwirte mit einer Mindestanzahl an Mastkälbern, Mastrindern, Mastschweinen, Masthühnern oder Mastputen dazu verpflichtet, alle sechs Monate ihre Antibiotika-Einsätze zu melden. Doch hier scheinen sich viele eine Art »Schlupfloch« gesucht zu haben. Denn es steht fest, dass die Halter von Hühnern und Puten zuletzt zwar weniger Einsätze gemeldet haben, die Menge der verabreichten Medikamente dadurch allerdings nicht gesunken ist. Das Ministerium geht in dem Bericht davon aus, dass die Landwirte einfach die Dosis des häufig verwendeten Reserveantibiotikums Colistin erhöht haben. Und auch einen Zusammenhang zur Größe der Betriebe konnte herausgestellt werden: Tiere in großen Betrieben bekommen Antibiotika demnach viel häufiger verabreicht als in kleineren oder mittleren. 

 

Friedrich Ostendorff sieht das Problem vor allem bei der hohen Tierdichte und fordert deshalb, den Tieren mehr Platz zu geben. Erst dann seien auch weniger Antibiotika notwendig. Auf Anfrage von NDR und SZ teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium übrigens mit, dass es gegebenenfalls gesetzgeberische Schlussfolgerungen ziehen werde, um erfolgreicher an einer »weiteren Minimierung« zu arbeiten. 

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Alltag

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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