4 Monate Corona-Krise: Wo wir stehen und was bleibt

Words by Arzu Gül
Photography: Freepik
Lesezeit: 6 Minuten
Zwei Frauen mit Gesichtsmasken sitzen in der Bahn voneinander abgeneigt

Die Corona-Krise hat die Menschen mit voller Wucht getroffen – seither hat sich das Leben drastisch verändert. Doch wo stehen wir nach vier Monaten mit Kontaktbeschränkungen und Abstandsregelungen? Und welche Veränderungen dürfen in Zukunft bleiben?

Ende Februar 2020 wurden die ersten Fälle von Corona-Infektionen in Deutschland bekannt. Ab diesem Zeitpunkt überschlugen sich die Ereignisse. Die Zahl der bestätigten Krankheitsfälle stieg täglich um Tausende Menschen an, auch hierzulande gab es die ersten Todesfälle. Am 11. März wurde COVID-19 von der Weltgesundheitsorganisation zur Pandemie erklärt. Mit der rasanten Ausbreitung der neuartigen Krankheit wuchs auch die Angst der Menschen sowie die Verantwortung der deutschen Regierung, Maßnahmen zur Sicherung ihrer Bürger und des gesamten Gesundheitswesens einzuführen. Mitte März wurde es dann offiziell: Schulen, Restaurants, Gaststätten, Diskotheken, Einkaufsmöglichkeiten und überhaupt alle Orte und Freizeitangebote, bei denen sich die Menschen zu nahe kommen könnten, wurden geschlossen. Die Bundesländer führten Kontaktverbote und Ausgehbeschränkungen ein. Das öffentliche Leben kam zum Erliegen.

Millionen Menschen, die in der Gastwirtschaft, im Tourismus und in weiteren von der Pandemie betroffenen Branchen arbeiteten, verloren ihre Jobs oder wechselten in das vom Staat geförderte Modell der Kurzarbeit. Die meisten anderen mussten sich plötzlich ins sichere Homeoffice begeben, was nicht wenige Unternehmen vor strukturelle und organisatorische Herausforderungen stellte.

Die Corona-Krise hat uns in den letzten Monaten viel abverlangt. Doch nicht alles war schlecht.

Die drastische Reaktion hatte Erfolg: Eine Überlastung des Gesundheitssystems konnte verhindert werden, die Infektionszahlen gingen zurück, die Bundesländer führen nach und nach Lockerungen ein. Doch wir erholen uns nur langsam wieder von den Maßnahmen. Innerstädtische Angebote sind zwar wieder verfügbar, jedoch nur bei Einhaltung von Abstandsregeln und unter gewissen hygienischen Voraussetzungen. Die Menschen wissen, dass die Pandemie noch nicht überstanden ist, die Möglichkeit einer zweiten Welle schwebt wie ein Damoklesschwert über allem. Dennoch lässt sich allmählich eine – wenn auch nur langsame und partielle – Rückkehr zur Normalität erahnen.

Doch die Pandemie hat uns verändert. Obwohl wir nicht wie in anderen Ländern einen klassischen Lockdown mit wochenlangen Ausgangsbeschränkungen erlitten haben, waren die Abriegelungen und verschärften Beschränkungen auch hierzulande zermürbend. Überraschend ist jedoch der Fakt, dass viele Menschen dieser Zeit auch Gutes abgewinnen können, das es im »Leben nach Corona« zu erhalten gilt. Kollektiv stellen wir die Grundlagen des bisherigen »normalen Lebens« infrage, die wir in der Vergangenheit unreflektiert akzeptiert haben, und uns wird bewusst, dass wir nicht dorthin zurückkehren wollen.

Menschen, die in dieser Zeit das Privileg hatten, sich selbst und die Familie in Gesundheit zu wissen, und die auch ihren Arbeitsplatz behalten konnten, hatten in den letzten Monaten die seltene Gelegenheit, über das Leben nachzudenken und es neu auszurichten; mit neuen Gewohnheiten und Lebensstilen zu experimentieren; neue Maßstäbe zu setzen. Nun ist Zeit für eine Zwischenbilanz. Wo befinden wir uns aktuell? Welche Veränderungen haben rund vier Monate Corona mit sich gebracht? Und welche sind es wert, auch nach Abflauen der Pandemie beizubehalten?

Mehr Achtsamkeit – weniger Schnelllebigkeit

Während wir uns die meiste Zeit in unseren Wohnungen und Häusern aufhielten, ist vielen unmittelbar bewusst geworden, wie viele Jahre wir damit zugebracht haben, durch unser Leben zu hetzen. Von einem Termin zum nächsten, zum obligatorischen Networking-Lunch, zu unbedeutenden Abendveranstaltungen. In der Leistungsgesellschaft artete der Karrieredruck in eine Jagd nach Kontakten, Gelegenheiten und Businessmöglichkeiten aus. Der Shutdown bremste diesen Lebensstil mit einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit plötzlich aus. Viele von uns wurden dazu gezwungen, innezuhalten, Pläne, Veranstaltungen und Urlaube abzusagen, soziale Kontakte zu beschränken. Dies wiederum zwang uns dazu, unseren Lebensstil zu hinterfragen und uns auf die wichtigsten Aspekte im Leben zu konzentrieren, ja: überhaupt erst einmal darüber nachzudenken, welche das eigentlich sind.

Das Ziel nach der Pandemie wird sein, nicht gleich wieder jeden Moment im Alltag mit einer Verpflichtung zu füllen, sondern sich bewusste Auszeiten zu nehmen und Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu schaffen, welche auch immer das für einen persönlich sein mögen.

Bewussteres Konsumverhalten

Zu Beginn der Pandemie stürmten die Menschen in Supermärkte und kauften angstgetrieben eine vielfache Menge an Toilettenpapier, Konserven und Trockennahrungsmittel ein – das Bedürfnis, mit dem Wichtigsten versorgt zu sein, war offenbar sehr groß. Bei anderen Waren sah das anders aus: Im Rahmen des Shutdowns wurden die Läden, die nicht für das tägliche Überleben notwendig waren, geschlossen. Die einst so belebten Einkaufsstraßen in deutschen Großstädten wirkten wochenlang wie verlassene Geisterstädte. Und da wir uns die meiste Zeit ohnehin zu Hause aufhielten, sank auch das Verlangen nach neuer Kleidung, neuen Schuhen, Accessoires und Luxusgütern jeglicher Art.

Hinzu kam, dass viele Menschen aufgrund des unsicheren Arbeitsmarktes ihre Finanzen unter Kontrolle halten mussten. Bis heute wissen viele von uns nicht, wie unsere berufliche – und damit finanzielle – Situation in ein paar Monaten aussehen wird. Dieser Umstand zwingt uns dazu, zu reflektieren, wie viel Besitz wir eigentlich unser Eigen nennen wollen oder können. Bei vielen reift die Erkenntnis, wie wenig man im Grunde benötigt, wenn die gesamte Gesellschaft auf eine Krise zusteuert.

Im Interview mit dem Spiegel gibt der Zukunftsforscher Horst Opaschowski Einblick in seine Beobachtungen, die zeigen, dass das Kaufverhalten der Deutschen aktuell sehr zurückhaltend ist. Gleichzeitig prognostiziert Opaschowski, dass »Konsum nach Maß« eine langfristige Strategie der Menschen bleiben wird. Denn: Viele Bürger werden »ihr Geld auf Vorsorge sparen« und auch den Besitz von Eigentum in Form von Immobilien oder Autos grundlegend überdenken.

Corona als Haupttreiber der Digitalisierung

Die Ausgehbeschränkungen haben dazu geführt, dass Millionen Menschen weltweit gezwungen waren, ihre Jobs plötzlich aus dem Homeoffice zu erledigen. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung waren es hierzulande rund ein Drittel der Beschäftigten. Und es zeigte sich, dass Menschen ihre Arbeit offenbar genauso gut von zu Hause aus (und in Jogginghosen) erledigen können wie im Büro. Der Mythos, Heimarbeit mindere die Effektivität und Produktivität von Unternehmen, bleibt nun genau das: ein Mythos. Laut einer repräsentativen Befragung des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation sind insgesamt 81 Prozent der Deutschen generell zufrieden mit der aktuellen Situation im Homeoffice. Der Wunsch, auch nach der Coronakrise in den heimischen vier Wänden zu arbeiten, ist stark ausgeprägt. So wünschen sich rund 68 Prozent aller befragten ArbeitnehmerInnen, zukünftig häufiger die Gelegenheit zu haben, ihre Arbeit aus dem Homeoffice zu erledigen.

Dieser Wunsch könnte sich erfüllen. Die Zeit berichtet von einer bislang unveröffentlichten Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Demnach kommen 89 Prozent der befragten Unternehmen zu dem Schluss, dass eine Ausweitung von Homeoffice-Strukturen zu keinen unternehmerischen Nachteilen führen würde. Rund 43 Prozent haben sogar bereits den Entschluss gefasst, zukünftig mehr Homeoffice anzubieten. Es scheint, als habe die Corona-Pandemie den einstigen Kritikern ihre Angst vor Kontrollverlust nehmen und sie von der digitalen Arbeitsgesellschaft überzeugen können.

Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen

Befragte man KrankenpflegerInnen in den letzten Jahren nach ihren Arbeitsumständen, so wurde großer Unmut und der Wunsch nach Veränderung geäußert. In der Vor-Corona-Gesellschaft wurde die Arbeit im Pflegebereich als selbstverständlich angesehen. Entsprechend gering fällt dort die Vergütung aus, der Fachkräftemangel beschäftigt das Land schon seit Jahrzehnten. Wenige helfende Hände, viele PatientInnen, Zeit- und Ressourcenmangel. Doch die Coronakrise führt uns drastisch vor Augen, wie existenziell und gleichzeitig zerbrechlich das Gesundheitssystem ist. Nichts ist wichtiger als die Gesundheit, sie ist der Schlüssel zur individuellen Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit, zu einer funktionierenden Wirtschaft und zum sozialen Zusammenhalt des gesamten Systems.

Nicht nur die BürgerInnen, auch die PolitikerInnen haben erkannt, dass das Gesundheitswesen reformiert werden muss. Wir brauchen mehr Ressourcen, inländische Produktionsketten, Geld für die Forschung und eine angemessene Vergütung von ArbeitnehmerInnen in medizinischen Berufen. Der Gesundheitssektor hat einen ganz neuen Stellenwert eingenommen. Und das darf auch gerne nach der Corona-Zeit so bleiben.

Rücksicht und Fürsorge – trotz mehr Distanz

Menschenmassen, fast schon panischer Andrang in den Innenstädten, wenn es ein neues Smartphone zu ergattern gibt, Eimer-Saufen am Ballermann, rappelvolle Diskotheken – bis vor Kurzem galten solche Szenarien in unserer Gesellschaft als normal. Doch seit der Coronakrise ist derlei kaum mehr vorstellbar. Auch im ganz normalen Alltag gilt: Wer den nötigen Mindestabstand zu seinen Mitmenschen wahrt, verhält sich fürsorglich und respektvoll. Viele ExpertInnen gehen davon aus, dass sich das Sozialverhalten der Menschen auch nach Corona nachhaltig verändern wird. Der obligatorische Handschlag zur Begrüßung könnte bald gänzlich der Vergangenheit angehören; in den Innenstädten werden auch künftig Atemschutzmasken zu sehen sein; und noch lange nach der Pandemie werden die Besucherzahlen in öffentlichen Einrichtungen sowie auf Veranstaltungen nach oben begrenzt werden. Überfüllte Einrichtungen, lange Wartezeiten, gereizte Stimmung, schubsende Mitmenschen – könnten diese Nebenwirkungen unserer bisherigen Gesellschaftsorganisation dauerhaft verschwinden? Es scheint, als seien wir sensibler für den persönlichen Distanzbereich unserer Mitmenschen geworden. Wir überlassen anderen den Vortritt, wechseln bedacht die Straßenseite, wenn uns mehrere Personen entgegenkommen, lassen andere erst einmal aus der Bahn aussteigen, bevor wir selbst hineinstürmen. Werden wir etwa sozialer, trotz mehr Distanz?

Aktuell weiß niemand, was wirklich nach Corona kommt. Es gibt etliche Szenarien, die »The New Normal« beschreiben. Vielleicht sind diese Veränderungen nur Momentaufnahmen und wir begeben uns bald schon wieder ins Getümmel, reisen durch die ganze Welt und drängen uns verschwitzt durch volle Konzertreihen. Vielleicht aber bringt diese Krise, die uns mit voller Wucht getroffen hat, auch nachhaltige Veränderungen mit sich. Vielleicht besinnen wir uns auf Werte wie Familie und Gesundheit, überdenken unseren Massenkonsum, sind dankbar dafür, wenn wir unsere Freunde besuchen dürfen oder einen Spaziergang in der Natur machen. Vielleicht hat uns die Pandemie ja kurz vor einer Weggabelung aufgehalten und uns in die richtige Richtung geführt. In eine Welt, in der falsche Prioritäten wieder zurechtgerückt werden.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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