100 Jahre Frauenwahlrecht: „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“

12.11.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
100 Jahre Frauenwahlrecht

Bis zum Frauenwahlrecht, das als Grundlage für die Demokratie und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern einen wesentlichen Grundstein bildet, war es ein langer und steiniger Weg. Ab dem 12. November 1918, also vor genau 100 Jahren, sollte sich in Deutschland alles ändern – doch kam dieser historische Tag zu spät?

“Die Menschenrechte haben kein Geschlecht” – dieses Zitat stammt von Hedwig Dohm, einer deutschen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, die in ihren Schriften immer wieder und unmissverständlich dazu aufrief, sich für das Frauenwahlrecht stark zu machen. Hedwig Dohm war nur eine von vielen Frauen, die öffentlich Stellung bezogen und unentwegt auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machten. Und am Ende sollte sich der jahrelange Kampf auszahlen: Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann schließlich die Republik aus, und wenige Tage später verkündete der Rat der Volksbeauftragten das Regierungsprogramm. Ein wichtiger Teil davon war die offizielle Verkündung einer großen Wahlrechtsreform, die unter anderem auch das Frauenwahlrecht enthielt. Von nun an waren alle Frauen und Männer ab 20 Jahren wahlberechtigt. Im Artikel 109, Abs. 2 der Weimarer Verfassung hieß es dazu: “Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.” Doch wie genau war es dazu gekommen?

Die geringe Beteiligung von Frauen in den Parlamenten ist Verfassungsbruch in Permanenz.

– frei zitiert nach Elisabeth Selbert, Politikerin und Juristin, 1981

Der Weg zum Frauenwahlrecht

Vor mehr als 150 Jahren hatten Frauen in Deutschland nicht nur kein Wahlrecht, sondern darüber hinaus auch kein Recht auf Erwerbstätigkeit und persönlichen Besitz. Wer verheiratet war, war sozial und ökonomisch vom Ehemann abhängig, unverheiratete Frauen von ihrem Vater. Trotz eines offiziellen Verbots schlossen sich um 1850 immer mehr Frauen zusammen, um sich für die eigene ökonomische und soziale Selbstständigkeit sowie das Recht auf Bildung, Erwerbsarbeit und die Teilnahme am politischen Leben einzusetzen.

Hedwig Dohm (1870)
Hedwig Dohm (1870)

Diese Bemühungen wurden jedoch ab dem 11. März 1870 mit dem Inkrafttreten des Preußischen Vereinsgesetzes vollkommen untersagt. Unter Paragraph 9 hieß es sinngemäß, dass es für politische Vereinigungen verboten sei, “Frauenpersonen” aufzunehmen oder sie auch nur stumm an einer Sitzung teilnehmen zu lassen. Politische Gruppierungen, die sich nicht an das Gesetz hielten, mussten damit rechnen, aufgelöst zu werden. Ein Risiko, das niemand gern auf sich nahm.

Die Wegbereiterinnen

Für die Frauen in Deutschland bedeutete dies zunächst einen Rückschritt. Minna Cauer nahm das Gesetz jedoch zum Anlass, sich noch viel breiter aufzustellen und zu vernetzen. In Berlin gründete die Pädagogin und Aktivistin 1888 den Verein “Frauenwohl”, der auch schnell in Städten wie Hamburg, Bonn, Frankfurt und Breslau seine Aktivität aufnahm. Regelmäßig kam es von nun an zu Diskussionen über tagespolitische Themen, zudem wurden Kurse über Bürgerkunde, Verfassung, Vormundschaft und politische Parteien abgehalten. Darüber hinaus kümmerten sich die Mitgliederinnen um Menschen, die für den Kampf um das Frauenwahlrecht inhaftiert wurden, und fingen diese nach ihrer Freilassung sozial auf. Zu den Mitgliedern gehörten neben Hedwig Dohm unter anderem auch Anita Augspurg (Juristin und Aktivistin), Helene Stöcker (Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin und Publizistin) und Käthe Schirmacher (Frauenrechtlerin).

Anita Augspurg (1902)
Anita Augspurg (1902)

Clara Zetkin und der Internationale Frauentag

Maßgeblich prägend für diese Zeit war zudem Clara Zetkin. Die Sozialistin, Kommunistin, Feministin und Pazifistin sprach im Jahr 1891 beim SPD-Parteitag in Erfurt über die proletarische Frauenbewegung. Noch am selben Tag nahm die Partei die Forderung nach dem Frauenstimmrecht in das Parteiprogramm auf. Ein Jahr später wurde Zetkin Herausgeberin der sozialdemokratischen Frauenzeitung “Die Gleichheit”, für die sie bis 1917 verantwortlich war. Unermüdlich setzte sie sich für das Recht der Frauen auf Erwerbstätigkeit und auch für eine gewerkschaftliche Organisierung ein. Ihre Initiative sorgte dafür, dass im Jahr 1900 parallel zu den Parteitagen Frauenkonferenzen stattfanden. Als diese jedoch 1910 verboten wurden, rief sie schlichtweg den Internationalen Frauentag ins Leben.

Dass die Männer die Interessen der Frauen wahren, ist Fiktion.

– frei zitiert nach Helene Lange, 1896

Der Deutsche Verband für Frauenstimmrecht

Zunächst aber kam es im Jahr 1902 in Hamburg zur Gründung des “Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht”, der 1904 zum “Deutschen Verband für Frauenstimmrecht” umbenannt wurde. Ein Verein, der zum allerersten Mal lediglich eine einzige Absicht definierte: “Die Erreichung des Wahlrechts für Frauen im Deutschen Reich”. Für die Frauen der Organisation um Gründerin Minna Cauer ging es von nun an noch stärker um die Erreichung dieses einen festgelegten Ziels. Doch bis es so weit war, sollten noch einige weitere Jahre vergehen.

Clara Zetkin (1920)
Clara Zetkin (1920)
Veranstaltungsankündigungen der SPD zur Forderung nach dem Frauenwahlrecht
Veranstaltungsankündigungen der SPD zur Forderung nach dem Frauenwahlrecht

Am 12. Juni 1904 erreichte der Kampf um das Frauenwahlrecht eine neue Dimension: Vom im Jahr 1894 gegründeten “Bund Deutscher Frauenvereine” ausgerichtet, eröffnete in Berlin der “Internationale Frauenkongress”. Zu dem Treffen erschienen Vertreterinnen aus 25 unterschiedlichen Ländern – über tausend Frauen diskutierten hier über die rechtliche Stellung der Frau, über Bildung, Berufe und Soziales. Im Rahmen des Kongresses fand auch die “Internationale Frauenstimmrechtskonferenz” statt, auf welcher der Weltverband für Frauenstimmrecht, die “International Women’s Suffrage Alliance” (IWSA) gegründet wurde. Die “International Alliance of Women”, wie die Organisation inzwischen heißt, vertritt noch heute über 50 Organisationen weltweit – Präsidentin ist derzeit die Griechin Joanna Manganara. Doch auch diese belebende Zusammenkunft sollte nicht der Auslöser für die Umsetzung des Frauenwahlrechts in Deutschland sein.

Was verstehen wir unter dem Rechte der Frau? Nichts anderes als das Recht des Menschen überhaupt!

– Anita Augspurg, 1897

Uneinigkeit unter den Frauen

Von nun an wurden die Bemühungen der Aktivistinnen und Frauenrechtlerinnen noch einmal intensiviert. Am 19. März 1911 fand zum ersten Mal der von Clara Zetkin ins Leben gerufene Internationale Frauentag statt. Doch jetzt kam es auch immer mehr zu Richtungsstreitigkeiten innerhalb der Frauenbewegung. Plötzlich fehlte Einigkeit in den Punkten, ob sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht angestrebt und wie es künftig durchgesetzt werden sollte. Mit Männern oder ohne sie? Und sollte es überhaupt erkämpft oder eher durch konstruktive Mitarbeit auf kommunaler Ebene verdient werden? Die Uneinigkeit darüber spaltete die Bewegung in drei Lager, die nun zwar für die gleiche Sache kämpften, aber unterschiedliche Methoden bevorzugten.

Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände.

– frei zitiert nach Clara Zetkin, 1917

Jedoch löste sich diese Spaltung mitten im ersten Weltkrieg beinah gänzlich wieder auf, als deutlich wurde, dass der deutsche Kaiser zwar eine Wahlrechtsreform anstrebte, jedoch die klaren Forderungen der Frauen ignorierte. Die Aktivistinnen näherten sich daraufhin an und verfassten eine “Erklärung zur Wahlrechtsfrage”, in der sie unter anderem ein “allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht für alle gesetzgebenden Körperschaften” forderten. Wieder ein Jahr später, im Oktober 1918, richteten sich 58 deutsche Frauenorganisationen in einem Schreiben an den Reichskanzler Max von Baden – daraufhin versammelten sich tausende Menschen in Berlin und forderten das sofortige Stimmrecht für Frauen.

Minna Cauer (1912)
Minna Cauer (1912)

Doch erst als die Monarchie nach dem militärischen Zusammenbruch endgültig gestürzt werden konnte, Philipp Scheidemann die Republik ausrief sowie der Rat der Volksbeauftragten das Regierungsprogramm zusammen mit der Wahlrechtsreform verkündete, markierte dies am 12. November 1918 die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland. Wenige Wochen später, am 30. November 1918, kam es zur gesetzlichen Verankerung des aktiven und passiven Wahlrechts für alle Bürgerinnen und Bürger. Die erste Wahl, an der Frauen als Wählerinnen und Gewählte teilnahmen, war die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919. Über 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab. 300 Frauen kandidierten. 37 der insgesamt 423 Abgeordneten, die in die Nationalversammlung einzogen, waren Frauen.

“Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als freie und gleiche im Parlament zum Volke sprechen kann (…). Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.” – Marie Juchaz, erste Rede einer Frau in der Nationalversammlung, 1919

Frauen in der Politik heute

Ob sich der jahrelange und zähe Kampf um das Frauenwahlrecht ausgezahlt hat? Definitiv ja! Allerdings beschäftigen uns aktuell vor allem gesellschaftliche Themen wie Frauen in Führungspositionen, Entgeltgleichheit, Rentengerechtigkeit und die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – auch für Männer. In den letzten Jahren konnten wir uns, was diese Punkte angeht, zwar immer weiter annähern, von echter Gleichberechtigung möchten jedoch nur die Wenigsten sprechen. Dass Frauen erst seit 100 Jahren politisch mitwirken, ist nach wie vor spürbar. Noch immer sind sie in politischen Ämtern nicht so häufig vertreten wie ihre männlichen Kollegen.

“Dass die Frauen Wahlrecht haben, ist ein Gesetz der Gleichberechtigung. Aber besser wäre es noch, wenn mehr Frauen aktiv in den Parteien, in der Politik mitwirken würden. Sie überlassen die Politik noch viel zu sehr den Männern. Mit den entsprechenden Folgen!” – Ulrich Wickert, Journalist und Autor, 2018

Ohne Frage: Es hat sich viel getan: Eine Frau ist Kanzlerin, wir haben zahlreiche Ministerinnen und über 35 Prozent weibliche Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Allerdings lassen sich in den politischen Entscheidungsgremien bis heute vor allem Männer finden. Trotz des aktiven Gleichstellungsauftrages, der 1994 im Artikel 3 Abs. 2 des Grundgesetztes ergänzt wurde, ist die tatsächliche Gleichberechtigung noch immer nicht erreicht. Es besteht eine Diskrepanz, die sich in den einzelnen politischen Ebenen besonders deutlich abzeichnet. Auf Bundesebene gab es in den letzten Jahren einen klaren Aufwärtstrend, der aktuell jedoch stagniert. Die Anzahl der Frauen stieg erstmals Mitte der 80er Jahre an, als zunächst bei den Grünen, später auch bei der SPD und ab Mitte der 90er Jahre auch in der CDU eine innerparteiliche Geschlechterquote eingeführt wurde. Auch die Linke, die seit 1990 im Bundestag vertreten ist, verfügt über eine strikte Geschlechterquote.

Auf Landesebene stellen Frauen im Durchschnitt ein knappes Drittel der Landtagsabgeordneten, wobei die Zahlen zum Teil stark zurückgehen und auch große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern herrschen. Während das Landesparlament in Thüringen zu etwa 40,6 Prozent aus Frauen besteht, sind es in Sachsen-Anhalt nur 24,4 Prozent (vorherige Legislaturperiode: 32,4 Prozent). Auf kommunaler Ebene sieht es hingegen noch dramatischer aus. In kleinen, ländlich geprägten Gemeinden gibt es noch immer Räte, in denen keine einzige Frau vertreten ist.

Die Bestrebungen zur Erreichung des Frauenwahlrechts sowie dessen endgültige Durchsetzung zeigen deutlich, dass wir bereits viel erreicht haben und weit gekommen sind. Doch herrschen noch immer Geschlechterdiskrepanzen in der Politik und in anderen Bereichen, die es auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Repräsentanz von Frauen und Männern zu beseitigen gilt – und das, so sind wir uns sicher alle einig, sollte auf gar keinen Fall noch einmal 100 Jahre dauern.

Weitere Informationen zu 100 Jahren Frauenwahlrecht und allen Veranstaltungen rund um den Jahrestag findest du hier.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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