“Werk ohne Autor”: Auf der Suche nach der eigenen Haltung

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Disney
Werk ohne Autor
Am 03. Oktober startet “Werk ohne Autor” in den deutschen Kinos. Der Film von Florian Henckel von Donnersmarck ist an die Biografie des Künstlers Gerhard Richter angelehnt und führt die Zuschauer durch drei prägnante Epochen unserer Zeitgeschichte. Ein Feuerwerk der Gefühle und eine Mahnung an jeden von uns…

Gerade sind Kurt Barnert (Tom Schilling) und seine Frau Ellie Seeband (Paula Beer) aus der DDR geflohen. In Düsseldorf sucht der Künstler nach neuen Perspektiven. Doch er steckt in einer großen Schaffenskrise, weiß nicht, wer er sein möchte. Wochenlang sitzt er vor einer Staffelei. Das Weiß der Leinwand scheint ihn zu verspotten, ebenso wie sein unsympathischer Schwiegervater Professor Carl Seeband (Sebastian Koch), von dem der Zuschauer zu diesem Zeitpunkt Schreckliches weiß – Kurt jedoch nicht, und so soll es eigentlich auch für immer bleiben. Doch Carl Seeband hat die Rechnung ohne die Eingebung seines Schwiegersohnes gemacht, der ohne es zu wissen seine Vergangenheit und die des Professors, die beide miteinander verwoben sind, in seiner Kunst darstellt. Mit Hilfe eines Projektors und quasi ohne großes Zutun entsteht so ein Gemälde, dessen Bedeutung so schwer wiegt, dass man es kaum ertragen kann. Im “Werk ohne Autor” kommt unerwartet die Wahrheit ans Licht.

Werk ohne Autor
Kurt Barnert (Tom Schilling) und seine Frau Elli (Paula Beer) fliehen in den Westen

“WERK OHNE AUTOR”: PRÄDIKAT BESONDERS WERTVOLL

Elf Jahre nach “Das Leben der Anderen” geht Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit “Werk ohne Autor” nun erneut in das Rennen um einen Oscar. In der Kategorie bester nicht-englischsprachiger Film stehen die Chancen durchaus gut. Aktuell wurde sein Film sogar von der Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW mit dem Prädikat besonders wertvoll gewürdigt. “Der Film hat, unterstützt von einem grandiosen Schauspielerensemble, große poetische Momente und geht gleichzeitig einer essentiellen, auch heute noch aktuellen Frage nach: Das Finden einer eigenen Haltung”, hieß es in der Jury-Begründung.

“WERK OHNE AUTOR”: DAS LEBEN DES GERHARD RICHTER?

Die Haltung bewahren muss Florian Henckel von Donnersmarck, der sich für seine Verfilmung am Buch “Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie” von Jürgen Schreiber bediente, um einen der Größten der deutschen Nachkriegskunst zu portraitieren. Der Künstler selbst hält die Parallelen für zu schief, zu weit von seinem Leben entfernt. Doch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass sich, ähnlich wie Richter, auch Kurt Barnert zunächst als Schriftenmaler ausbilden lässt, um wenig später an der Kunstakademie in Dresden zu studieren. Hier wird er zum Staatskünstler der DDR protegiert – ein Zustand, den er nicht lange erträgt. Mit der Flucht in den Westen werden seine Wandgemälde übermalt, doch er bekommt eine weitere Chance und beginnt 1961 sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Und auch das Schicksal seiner Tante, die im Film nicht Marianne, sondern Elisabeth (Saskia Rosendahl) heißt und von NS-Ärzten ermordet wird, spielt eine tragende Rolle.

Werk ohne Autor
Der junge Kurt (Tom Schilling) zusammen mit seiner geliebten Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl)

“WERK OHNE AUTOR”: EIN CAST MIT CHARAKTER

Nur eines von drei Einzelschicksalen, die im Laufe von 188 Minuten über drei Epochen der deutschen Geschichte ihren Lauf nehmen. Von der NS-Zeit geht es kurz aber schmerzvoll zum Ende des Krieges bis hin zu einer Nachkriegszeit, die Großes verspricht – bevor das DDR-Regime alles Mögliche unmöglich macht. Die Flucht in den Westen stellt anschließend allerdings nur eine kurze Befreiung dar, denn Kurt Barnert bleibt weiterhin in sich gefangen. Die Erleuchtung hätte man ihm im Film zeitnaher gewünscht und auch einige weitere Ausbrüche, die die zu oft im Hintergrund schwelgende Gefühlslage deutlicher machen. Zuweilen fehlt eine durchsichtigere Positionierung – eine Haltung, die klarer werden lässt, was der Künstler wirklich denkt. So scheint die Figur in Widersprüchen verstrickt zu sein, doch dieser Zustand führt auch dazu, dass man ihm die innere Zerrissenheit abnimmt, die nie gänzlich nach außen gekehrt wird. Tom Schilling macht seine Sache ziemlich gut, bleibt jedoch stets dort, wo man ihn positioniert hat. Er spielt den in sich ruhenden Künstler, der den Pinsel selbst nach dem Selbstmord seines Vaters – einer tragischen Figur, die an den unerreichten Erwartungen an das eigene Sein zugrunde geht – nicht aus den Händen legt. Auch der Rest des Casts hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Vor allem die weiteren Schlüsselfiguren, gespielt von Saskia Rosendahl, Sebastian Koch und Paula Beer, machen emotional betroffen und bleiben auch im Nachhinein ins Gedächtnis eingebrannt. Die musikalische Untermalung kommt von Max Richter, der die Story und die einzelnen Figuren durch seine Stücke umhüllt, ihnen einen Rahmen gibt und sie durch den Film trägt.

Werk ohne Autor
Prof. Dr. Carl Seeband (Sebastian Koch) versucht die Beziehung seiner Tochter zu sabotieren

“WERK OHNE AUTOR”: EIN WAHRES DRAMA

Obwohl “Werk ohne Autor” aufgrund einer Spiellänge von über drei Stunden und der fortwährenden Düsternis den Zuschauern so einiges abverlangt und stellenweise etwas zäh wirkt, gelingt Florian Henckel von Donnersmarck eine Erzählweise, die so fesselnd wie überraschend ist. Unbefriedigend bleibt die Frage nach Kurts Familie, für die nach dem Tod des Vaters wohl kein Platz mehr im Drehbuch war und die im weiteren Verlauf viel zu plötzlich unerwähnt bleibt. So manche Zuschauerin und so mancher Zuschauer könnte es ebenso unbefriedigend finden, dass, auf die klärende Schuldzuweisung verzichtet wird, die Elisabeths Mörder auch gegenüber allen anderen Figuren entlarvt – diese Tatsache bleibt, vor allem durch das entstandene Werk, allerdings nur für den Zuschauer sichtbar. Doch auch das ist ein weiterer Teil der deutschen und auch der Geschichte von Gerhard Richter und einer Wahrheit, die wir viel zu oft nicht sehen und die an dieser Stelle die Tragik des Ganzen deutlich macht.

Am Ende bleibt außerdem eine eindrückliche Mahnung. Zu Beginn des Films macht Kurts geliebte Tante Elisabeth ihrem Neffen immer wieder und eindringlich klar, dass er niemals wegsehen dürfe: “Sieh nicht weg. Nie wegsehen, Kurt. Alles, was wahr ist, ist schön.” Wie schön die Wahrheit ist, sei dahingestellt, doch in Zeiten von machtgewinnenden Rechtspopulisten, Flüchtlingskrisen, Klimawandel und anderen Katastrophen klingen in Henckel von Donnersmarcks “Werk ohne Autor” vor allem Elisabeths Worte fortwährend im Ohr: Nicht wegsehen!

Werk ohne Author
Im Gemälde von Kurt (Tom Schilling) kommt die traurige Wahrheit ans Licht

Das Beitragsbild ist übrigens von Disney

“Werk ohne Autor” ab dem 3. Oktober in den deutschen Kinos
Regie und Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck
mit: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci
Produktion: Pergamon Film und Wiedemann & Berg Film

 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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