Sind Frauen passiv? Wenn der Schein trügt

Words by Katharina Windorfer
Photography: Jasper Graetsch auf Unsplash
Frau schaut bedacht aus dem Fenster
Wenn wir in ganz bestimmten Momenten in uns gehen, nachdenken, dann können wir nach außen hin passiv wirken. Erinnern wir uns dann an die passive Frau, die Simone de Beauvoir in ihrem Werk »Das andere Geschlecht« beschreibt? Zwei Fotografien des amerikanischen Künstlers Gregory Crewdson zeigen: Hinter einer scheinbar passiven Frau kann sich eine starke Frau verbergen.
 

Vor 70 Jahren, also im Jahr 1949, erschien in Frankreich das Werk »Le Deuxième Sexe« (»Das andere Geschlecht«) der Philosophin Simone de Beauvoir. In dem zweibändigen Werk vertritt de Beauvoir die Ansicht, der Mann sehe sich als Subjekt und habe die Frau als Objekt herabgewertet, als das »andere« Geschlecht. Aus männlicher Perspektive ist die Frau somit schwach und passiv, während der Mann aktiv handelt.

Passivität als Stärke

Was bedeutet solch ein Werk heute für uns? Tatsächlich lassen sich derart starre Rollenbilder noch immer finden. Die Kritik, die de Beauvoir in ihrem Werk äußert, ist bis heute Thema. Ob von Männern, der Gesellschaft oder fest verankerten, hierarchischen Strukturen: Häufig werden Frauen als Objekt und nur in der Abhängigkeit von ihrem Mann definiert. Und das, obwohl die damals als negativ ausgelegte »Passivität« in Wirklichkeit eine Stärke ist. Wir verharren länger in einer Situation, denken vielleicht länger und intensiver darüber nach als einige Männer es tun würden. Zwei Fotografien von Gregory Crewdson lassen genau dieses Verhalten deutlich werden und zeigen, wie mutig, stark und stolz Frauen sind und schon immer waren. 

Gregory Crewdson: »Untitled (Sunday Roast)«

In der ersten Fotografie – »Untitled (Sunday Roast)« – blicken wir in einen Raum hinein. Wir sehen zwei Personen, die an einem Esstisch sitzen, Mutter und Sohn. In ihren eigenen Gedanken versunken blicken sie auf den fertigen Braten. Sie lenken damit unseren Blick auf das unberührte Essen. Es ist anscheinend etwas dazwischengekommen. Der Stuhl gegenüber der Frau ist vom Tisch weggerückt. Vielleicht gab es einen Streit, jemand ist erbost aufgestanden und hat Mutter und Sohn zurückgelassen.

In dieser Stille, die auf einen Streit folgt, sind die Mutter und der Sohn gefangen. Was empfinden wir, wenn wir die beiden Figuren sehen? Mitleid oder auch eine leichte Irritation? Vielleicht weil wir uns wünschen, dass sich wenigstens die Frau aus dieser passiven Starre löst, sich um ihr Kind und um sich selbst kümmert. Doch halten wir nochmals inne. Warum glauben wir eigentlich, dass die Frau nichts unternimmt? Wenn wir uns ihr Gesicht näher ansehen, dann erkennen wir: Sie denkt über etwas nach. Ihre Augenbrauen sind zusammengezogen und ihre Stirn ist in Falten gelegt, sie sucht nach einer Lösung. Diese passiv wirkende Frau ist in Wirklichkeit stark, denn sie gibt nicht auf. 

Gregory Crewdson: »Untitled (Winter Bed of Roses)«

Auch in der nächsten Fotografie – »Untitled (Winter Bed of Roses)« – blicken wir in einen Raum hinein. Auf einem zerwühlten Bett sitzt uns eine Frau direkt gegenüber. Sie blickt auf ihre Hände. In ihnen hält sie Rosenblätter. Auch auf dem Bett und auf dem Boden sind sie verteilt. Sie gehören zu dem zerpflückten Rosenstrauch, der neben der Frau liegt. In ihrem Nachthemd wirkt sie verloren. Hat sie sich selber aufgegeben? Doch auch hier trügt der Schein.

An den Beinen der Frau sehen wir Spuren von Erde. Hat sie vielleicht den Rosenstrauch von draußen nach drinnen geholt? Eine Spur aus Rosenblättern, die zu der Frau führt, wirkt ganz im Sinne des Spiels »Er liebt mich, er liebt mich nicht«. Hier hat kein Streit stattgefunden, aber etwas anderes Trauriges. Es geht hier um Liebe, um eine verlorene oder vergangene Liebe. Die Frau hat sich nicht aufgegeben, sondern sie verweilt kurz, denkt darüber nach, was nun geschehen soll.

Sie scheint auf den ersten Blick vielleicht hilflos, aber das ist sie nicht.

Eine Antwort darauf hat sie sich selber schon gegeben. Lassen wir unseren Blick noch einmal durch den Raum streifen. Plötzlich fallen uns in der Diele die zwei gepackten Koffer auf. Auch die Tür ist schon geöffnet. Für die Frau gilt: Ihre Koffer sind gepackt, jetzt muss sie diese noch nehmen und diesen Ort der vergangenen Liebe verlassen. Sie scheint auf den ersten Blick vielleicht hilflos, aber das ist sie nicht. Wir sehen hier eine starke Frau, die sich ihrer traurigen Situation stellt und noch kurz verweilt, bis sie ihre Koffer nimmt.

 

Wenn wir das nächste Mal von einer lähmenden Stille umgeben sind, erinnern wir uns vielleicht an diese beiden Frauen aus den Fotografien von Gregory Crewdson. Wir müssen uns nicht schwach fühlen, weil wir nicht gleich handeln. Wie sie können wir verharren, die Situation auf uns wirken lassen und nachdenken. Erinnern wir uns an die beiden Koffer und die geöffnete Tür. Für einen Moment werden wir zu der Frau mit den Rosenblättern. Wir spielen ihre Geschichte weiter, wir gehen zur Tür hinaus mit den Koffern. Und dann merken wir, dass wir sowohl in unserer scheinbaren Passivität als auch jetzigen Aktivität stark sind. 

 

Share:

Katharina Windorfer studierte in Hamburg, Freiburg und Düsseldorf Kunstgeschichte. Schon im Studium war sie von Themen rund um Frauen fasziniert. Über die Zeiten hinweg wollte sie Kunstwerke untersuchen, die mit Frauen zusammenhingen. Sie widmete sich zeitgenössischen Performances von Frauen sowie Bildern von Frauen im Mittelalter. In ihrer Doktorarbeit zeigt sie, dass Frauen im Mittelalter gemeinsam mit Maria etwas vorführen: Auf Buchseiten aus mittelalterlichen Handschriften veranschaulichen sie, wie Frauen sich zu verhalten hatten.

Seit Anfang des Jahres schreibt Katharina für den Blog ArtStories. Hier geht es um Geschichten rund um die Kunst, um Geschichten von Frauen in der Kunst und vor dem Kunstwerk.

Kommentieren