Diese Zukunftsvisionen lassen dich nicht mehr los

Words by Jana Ahrens
Photography: Keenan Constance
Frau steht im Dunkeln vor einem Lichterbogen und lässt ein aufgeschlagendes, leuchtendes Buch über ihrer ausgestreckten Hand schweben.
Das Buch-Genre Science-Fiction wird in Deutschland noch immer nicht richtig ernst genommen. Dabei ist hier schon seit langer Zeit richtig gute Literatur zu finden und wir uns gerade alle so viel mit Zukunftsvisionen beschäftigen. Speziell Science-Fiction von Frauen zeigt da neue Wege auf. In Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, wie wir sie gerade erleben, doch genau das Richtige, oder?  
 

Eine richtig gute Science-Fiction-Geschichte zu schreiben, ist eine echte Herausforderung. Der Fantasie freien Raum zu lassen, ist ja schon schwierig, wenn sich Autoren und Autorinnen im Rahmen unserer existierenden Gegenwart oder der historisch belegbaren Vergangenheit bewegen. Doch die Zukunft eröffnet noch viel mehr Möglichkeiten. Und bedarf deshalb noch präziserer Entscheidungen und Beschreibungen, um uns einzufangen und in überzeugende, (noch?) nicht existierende Welten zu entführen. Die folgenden Autorinnen haben ganz eigene Perspektiven auf diese Herausforderung entwickelt und beweisen ihr Können durch wichtige Visionen, schonungslose Direktheit und einen einfühlsamen Schreibstil.

Helle Materie

Sina Kamala Kaufmann schaut auf das Jetzt mit einem großen Fragezeichen im Blick. Von dieser Warte aus hat sie mit Helle Materie eine Sammlung von Erzählungen verfasst, die ihre eigenen Fragestellungen auf ein umfangreiches „Was wäre wenn…“ in der Zukunft ausweiten. Dabei sind bitterböse bis rührende Visionen entstanden, die noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis bleiben. Und uns vielleicht auch mal wieder am Selbstverständnis dessen, was uns so im Alltag begegnet, zweifeln lassen.

Die Gabe

Naomi Alderman dreht das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen mit einem verheerenden Twist um, den wir an dieser Stelle nicht vorwegnehmen wollen. Er würde. aus dem Kontext gerissen, schlicht zu verrückt erscheinen. Aber es macht die Qualität des Schreibens von Naomi Alderman aus, dass sich das Abseitige ihrer Erzählung vollkommen selbstverständlich, fast unausweichlich, anfühlt. So gliedern sich selbst die teilweise sehr drastischen Gewalt-Szenen vollkommen natürlich ein. Das Buch zeigt eine ganz eigene Perspektive darauf, was gemeinhin als „weibliche Art, Science-Fiction zu schreiben“ angesehen wird. Denn mit dem Roman Die Gabe unterläuft Naomi Alderman diesbezüglich so ziemlich jede Erwartungshaltung.

Binti

Die nigerianisch-amerikanische Autorin Nnedi Okorafor – eine wichtige Vertreterin des Afrofuturismus – schafft es nicht nur, mit Binti eine Coming-of-Age-Geschichte kunstvoll ins All zu versetzen. Mit einem völlig unerwarteten Plot setzt sie auch der Idee von Heimat ein Denkmal. Die Protagonistin Binti ist die erste junge Frau ihres Stammes, die auf die renommierte Oomza-Universität, die beste Uni der ganzen Galaxis, gehen kann. Doch ihre Familie ist traditionell und mit dem eigenen Planeten tief verbunden. So muss Binti sich gegen ihre Vergangenheit stellen, um die Zukunft zu leben, die sie für sich selber ersehnt. Auf dem Weg in diese Zukunft lernt sie die Gaben ihrer Vorfahren zu schätzen.

 

Die linke Hand der Dunkelheit

Als die Autorin Ursula K. Le Guin 2018 im Alter von 88 Jahren starb, trauerten weltweit sehr viel mehr Menschen als nur die Science-Fiction-Fangemeinde. Le Guin ist eine der wenigen Science-Fiction- und Autorinnen, die es geschafft haben, im Literaturbetrieb trotz des Genre-Beigeschmacks der leichten, oberflächlichen Unterhaltung für junge, meist männliche Nerds als gestandene Intellektuelle anerkannt zu werden. Eines ihrer erfolgreichsten Werke – Die linke Hand der Dunkelheit – spielt in einer Welt, in der die Hauptcharaktere während ihres langen Lebens aus biologischen Gründen ihr Geschlecht wechseln. Neben einer Zukunftsvision eröffnete sie damit auch noch den Fragenkosmos des binären Geschlechterverhältnisses. Und zwar so geschickt, dass die spannende Handlung und die Motivationen der einzelnen Charaktere trotzdem die eigentliche Triebkraft der Geschichte bleiben.

Der Report der Magd

Der dystopische Roman Der Report der Magd aus dem Jahr 1985 hat dank der HULU-Serienverfilmung „The Handmaid’s Tale“ 2017 gerade ein internationales Revival erlebt. Und dies zu Recht. Ähnlich wie Ursula K. Le Guin hat die Autorin Margaret Atwood es geschafft, mit ihrem Roman viele Menschen für die Idee des „Was wäre wenn…“ zu begeistern, die normalerweise nicht unbedingt Anhänger des Science-Fiction-Genres sind. Ihre Negativvision einer nahen Zukunft, in der die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt, christlich-fundamentalistische Ideen zur Staatsräson und Frauen zu einer Art Eigentum erklärt werden, hat seit ihrer Veröffentlichung vor über 30 Jahren nicht an Brisanz verloren. Gerade die Entscheidungshoheit, die männlichen Politiker über die Reproduktionsrechte von Frauen anmaßen, sind auch aktuell wieder ein großes Thema, das von Margret Atwood in dieser tiefschwarzen Zukunftsvision auf die Spitze getrieben wird. Für alle Fans – aber auch für alle,  die sich weder für den Original-Roman noch für die Serie entscheiden können, gibt es „Der Report der Magd“ jetzt auch als Graphic Novel von Renée Nault.

Allen, die jetzt so richtig auf den SF-Geschmack gekommen sind, empfehlen wir auch die umfangreiche und gut aufgearbeitete Liste zum Thema Feministische Science-Fiction von Stefan Mesch.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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