Schön scheitern auf Instagram mit Saralisa Volm

Words by Jana Ahrens
Photography: Hilde van Mas
Schwarz-Weiß-Bild einer Frau mit schwarzen Haaren, die in den Dünen sitzt und ihre Arme und die Beine geschlungen hält

Saralisa Volm hat’s geschafft… möchte man meinen. Sie ist Schauspielerin und Filmemacherin, sie hat Familie und Freunde. Aber gibt ihr dieser Erfolg auch Sicherheit? Lange hatte sie den Eindruck, die meiste Zeit mit dem Kaschieren ihrer Schwächen beschäftigt zu sein. Doch damit ist jetzt Schluss. Auf Instagram hat sie sich einen Ort für diese Schwächen geschaffen. Sie geht offen mit ihnen um, und das kommt an.

 

Die Fassade aufrecht erhalten

Für einen Zeit-Artikel musste Saralisa Volm neulich ihr Leben mal eben kurz zusammenfassen. Das prägnante Zitat, das daraus entstand, war Folgendes:

 

Auf dem Papier bin ich Schauspielerin, Autorin, Filmemacherin, Kuratorin und Mutter von vier Kindern. In echt bin ich ein Wrack. Aber die Fassade hält.

Saralisa Volm

 

Klingt anstrengend? Ist es auch. Aber die Frage lautet ja: Geht es uns nicht allen so? Ob das Rampenlicht die Anstrengungen beleuchtet oder nicht, die meisten Menschen leben keinen geradlinigen Lebenslauf ohne Macken und Stolperfallen. Wer entkommt schon dem Eindruck, alles könnte übermorgen auseinanderfallen?

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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209/365: Dinge die man mit Mitte dreißig hinter sich haben sollte: Ein Besäufnis am Sonntag Abend im Kino. Im Taxi besorgniserregend schwanken bevor man schnarchend einschläft. Zuhause erstmal kotzen. Den Mann im Morgengrauen wecken, um Sex zu haben. Am nächsten Morgen neben einem unbenutzten, ausgepackten Kondom aufwachen. Sich von der Apothekerin schräg angucken lassen, während man das erste Mal im Leben die Pille danach kauft. Keinen Bock haben zu erklären, dass man kein fünftes Kind will. Dinge, die Frau Volm am Montag morgen erlebt. Stand heute.

 

Vielleicht ist Saralisas Account @365_imperfections genau deshalb so erfolgreich auf Instagram. Könnte es sein, dass gerade die NutzerInnen dieser Plattform erfreut darüber sind, zwischendurch mal nicht nur Fassade in Form von traumhaft schönen Fotos präsentiert zu bekommen? Sondern »das wahre Leben«, illustriert mit zerstückelten Collagen, arrangiert vor der Unendlichkeit eines weißen Hintergrunds, erläutert mit liebevoll verfassten Texten von Saralisa? Sie beschreiben so schonungslos und doch so mitfühlend ihr imperfektes Leben, ihre Fehlschläge und persönlichen Fuck-ups, dass es den LeserInnen trotz all der Tragik ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Es könnte sein, dass diese Offenheit sogar hilft, ein bisschen großzügiger über die eigenen Fehlschläge zu urteilen.

Saralisa Volm möchte sich vor allem selbst ehrlich in die Augen schauen können.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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210/365: Heiße Kellen voller Suppe. Warme Nudeln und Obstsalat. Und dazwischen sortierte Altkleider, die man rausgibt, wenn jemand danach fragt. Unterhosen sind knapp und die Zähne haben lange keinen Arzt gesehen. Dienstauslug mit @poisonberlin zur Odachlosenhilfe, mit sozialer Komponente, weil es nicht immer nur um uns gehen sollte. Doch nach all dem sortieren und abspülen und putzen bleibt nur der fade Nachgeschmack, dass man all doch nur für sich getan hat.

Was an diesem Account besonders auffällt: Die Followerzahlen sind nicht besonders hoch. Saralisa Volm optimiert nicht auf Influencer-Reichweite. Der Austausch in den Kommentaren zu jedem einzelnen Post ist aber umfangreicher als bei Accounts mit der 10-fachen Followerzahl. Inspiriert von den bewegenden Texten der Schauspielerin trauen sich viele FollowerInnen heraus aus ihrem Schneckenhaus. Sie sprechen ausführlich Mut zu, erzählen von ihren eigenen Problemen und verbünden sich in einer Form, die das tägliche Trollen im Internet für einen kurzen Moment vergessen lässt.

Ehrlichkeit als Mittel gegen Depressionen

Frau muss auch mal schwanken dürfen…

In ihrem offiziellen Job-Account nennt Saralisa Volm das Herzensprojekt @365_imperfections auch ihr Depressionsmedikament. Ob das funktioniert? Wir haben sie gefragt:

 

Wenn man morgens aufwacht und direkt alles schief geht und man wieder ins Bett krabbeln möchte und die Augen schließen, dann hilft der Account schon sehr. Weil man freudig um den Fehler tanzen und ein Video davon machen kann und das Leid mit anderen teilen. Weil dann eine Arbeit mit eigenem Wert daraus entsteht. Ich fühle mich dann weniger allein mit dem Mist und die LeserInnen hoffentlich auch. Oder, wie Philipp Roth so schön sagt:

Nothing bad can happen to a writer, everything is material.

Philipp Roth

 

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Sung-Hee Seewald ist Fotografin und Künstlerin. Mit ihrem Fotoprojekt »Female Diversity« gibt sie nicht nur allen Frauen eine Stimme, sondern gleichzeitig auch eine Antwort auf die Frage, wie ein weiblicher Körper in Wahrheit aussieht. Unretouchiert, verletzlich, ehrlich und wunderschön.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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